Der Schatten

Erschienen: Januar 2018

Bibliographische Angaben

  • München: Der Hörverlag, 2018, Seiten: 1, Übersetzt: Katja Bürkle

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Carola Krauße-Reim
Über die Kunst einen Menschen zu manipulieren

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Aug 2018

Norah - die unnahbare Einzelkämpferin

Melanie Raabe erschuf mit Norah eine starke unabhängige Frau, die sich den Herausforderungen des Lebens stellt. Sie ist erfolgreich in ihrem Beruf als Journalistin, lebte in London und verschiedenen deutschen Städten und schaffte den Drogenausstieg nach einer fast tödlichen Überdosis. Sie setzt sich vehement für Frauenrechte und Gerechtigkeit im Allgemeinen ein. Sie ist introvertiert, regelt alles lieber in Eigenregie, was sie unnahbar und arrogant erscheinen lässt. Nach dem Suizid ihrer Jugendfreundin scheut sie zu enge soziale Kontakte. Zu groß ist die Angst eine Bindung einzugehen, nur um dann verlassen zu werden. Als "teilzeitgesellige Außenseiterin" hat sie nur wenige Freunde, sucht aber immer wieder Kontakt zu Menschen in sozialen Medien und Blogs. Obwohl Raabe die Protagonistin sehr deutlich zeichnet, wird man mit ihr nicht richtig warm. Sie erscheint manchmal zu distanziert, manchmal zu forsch. Obwohl der Leser im Laufe der Geschichte die Gründe für ihren ganz speziellen Charakter erfährt, bleibt sie unsympathisch und arrogant. Eine liebenswertere Protagonistin hätte ein tieferes Eintauchen in die Geschichte ermöglicht. So aber bleibt man mehr außenstehender Beobachter als mitfiebernder Leser.

Wien - eine Stadt mit morbidem Charakter

Wien und seinen Bewohnern wird ja schon immer eine gewisse Affinität zum Tod nachgesagt. Kapuzinergruft und Bestattungsmuseum zeugen davon und nichts geht über "a schöne Leich". Melanie Raabe hätte keinen passenderen Schauplatz für ihre Geschichte finden können. Atmosphärisch dicht erzählt sie in sehr eingängigem Schreibstil von den winterlichen verlassenen Straßen und Parks. Sie erschafft Bilder, die plastisch vor dem Auge des Lesers erscheinen und, die den mysteriösen Charakter des Thrillers unterstreichen. Die Kälte, die nächtliche Stille, die Geräusche und Gerüche werden greifbar. Gleichzeitig lädt sie auch ein in Eckkneipen und Kaffeehäuser mit der typischen Klientel an tratschenden Frauenrunden und einsam Trinkenden. Auch die selbstverliebte Kunstszene in den zahlreichen Galerien kommt nicht zu kurz. Der Autorin ist ein Setting gelungen, das den Leser einsaugt und, das gleichzeitig die Distanz zur Protagonistin überspielt und ihn doch trotz aller Distanz an die Geschichte fesselt.

Spannung mit kleinen Durchhängern

Mit der Prophezeiung durch die Bettlerin beginnt die Spannung in der Geschichte. Es ist klar, worum es geht: Wird es zu diesem Mord kommen und wenn ja, warum? Bald steckt Norah auch noch in einer SMS-Verbindung zu einem Unbekannten, der immer wieder auf eine Schuld Grimms hinweist. Mit jeder neuen Entwicklung wird die Tat im Prater wahrscheinlicher. Der Norah zuerst völlig fremde Arthur Grimm bestimmt bald ihr Denken und Handeln. Subtil werden Protagonistin und Leser immer mehr in den Strudel rund um Grimm gezogen und es gipfelt in der Frage, welche Schuld Arthur Grimm trägt und ob Norah diese Schuld rächen wird. Neben dem eigentlichen Handlungsstrang schiebt Raabe immer wieder Gedanken des SMS-schreibenden Unbekannten ein. Die Frage nach dessen Identität ist der zweite Spannungspunkt in diesem rasanten Thriller. Lediglich der Mittelteil schwächelt etwas, was das Herzklopfen angeht. Zu sehr ist Norah mit sich selbst beschäftigt. Die Geschichte tritt auf der Stelle. Aber nach diesem kleinen Durchhänger geht es auch schon mit Volldampf Richtung Finale.

Ein Schluss, der zu erahnen war

Wenn man den Thriller aufmerksam liest, besteht die Möglichkeit zu erahnen, wer hinter den ganzen Machenschaften steckt. Aber wirklich offensichtlich ist es nie, bis zur Szene am 11. Februar im Prater. Wie die dann aussieht, wie sie ausgeht und warum sie so ausgeht, ist dann wirklich ein Knaller. Gleichzeitig wirft sie Fragen auf, nicht, was die Handlung des Buches betrifft, sondern nach der Manipulierbarkeit des Menschen, dem Umgang mit sozialen Medien, dem Drang mancher Szene-Gänger immer hip zu sein, und ob ein vorgeschobenes Motiv wirklich jede Handlung rechtfertigt. Melanie Raabe gibt dem Leser Hausaufgaben auf, denn alle diese Themen findet man auch im realen Leben und es lohnt sich einmal darüber nachzudenken.

Leseempfehlung für Psychothriller-Liebhaber

Wer es gerne etwas blutig hat, wird von Der Schatten enttäuscht sein. Es gibt keine Tatorte, Überfälle oder massenhaft Leichen. Hier wird die Psychologie ausgepackt. Der Weg Norahs von einer scheinbar hingeworfenen Behauptung bis hin zum Finale ist hier Thema. Die subtile Beeinflussung, das Mysteriöse und der Zusammenhang mit der Vergangenheit machen den Thrill aus. Wem es dann nichts ausmacht, es mit einer unnahbaren Protagonistin zu tun zu haben, die sich teilweise selbst im Weg steht, hat hier einen Thriller, den es zu lesen lohnt und der so viel Anspruch hat, dass es keine leichte Lektüre für zwischendurch ist.

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