Glorreiche Ketzereien

Erschienen: Juni 2018

Bibliographische Angaben

  • London: John Murray, 2015, Titel: 'Glorious heresies', Seiten: 384, Originalsprache
  • München: Liebeskind, 2018, Seiten: 445, Übersetzt: Werner Löch-Lawrence

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Thomas Gisbertz
Eher Milieustudie als Krimiroman

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Jan 2019

Keiner würde in der 59-jährigen, gebrechlichen Maureen Phelan eine Mörderin vermuten. Aber auf dem Küchenboden liegt ein Toter - von Maureen mit einer Devotionalie der heiligen Maria erschlagen. Während sie noch darüber nachdenkt, mit welchen Hausmittelchen man wohl die Blutlache aus den Fugen bekommt, ahnt sie nicht, dass sie eine Reihe von fatalen Ereignissen in Gang setzt. Zunächst muss die Leiche entsorgt werden, allerdings hat die Dame eine große Abneigung gegen Hausarbeiten aller Art, weshalb sie ihrem Sohn Jimmy die Arbeit überlässt. Der kontrolliert das organisierte Verbrechen in Irlands zweitgrößter Stadt Cork. Da er sich ebenfalls die Hände nicht schmutzig machen will, beginnt eine Verkettung von Geschehnissen, die bald nicht mehr aufzuhalten ist.

Geldeintreiber, Buchmacher, Drogenkuriere und Zuhälter: Alle hören auf das, was Jimmy Phelan ihnen sagt. Da ist es selbstverständlich, dass er nicht persönlich eine Leiche wegschafft, auch wenn diese von seiner Mutter erschlagen wurde. So etwas überlässt er anderen. In diesem Fall spannt er seinen alten Kumpel Tony Cusack ein. Der ist als alleinstehender Vater mit der Erziehung seiner sechs Kinder heillos überfordert und flüchtet sich in den Alkohol. Nur ungern übernimmt er das Entsorgen des Leichnams - aber Jimmy schlägt man keine Bitte ab.

Cusacks ältester Sohn Ryan hat als 15-Jähriger bereits eine beachtliche Karriere als Drogendealer hinter sich. Eine seiner Klientinnen ist die junge Prostituierte Georgie. Deren Freund Robbie steigt gerne und regelmäßig in Häuser ein, um den beiden ein gemeinsames Leben zu ermöglichen. Allerdings ist er seit kurzem spurlos verschwunden.

Debütroman einer irischen Bloggerin

Lisa McInerney wuchs bei ihrer Großmutter im Westen Irlands auf. Sie studierte später in Cork und machte mit einem Internetblog auf sich aufmerksam. Der irische Schriftsteller und Journalist Kevin Barry erkannte das Talent der 37-jährigen und ermutigte sie, auch Kurzgeschichten zu schreiben. Nachdem sie zwei Bände mit ihren Erzählungen veröffentlicht hatte, erschien 2016 ihr Debütroman „Glorreiche Ketzereien“, und wurde mit dem „Baileys Woman’s Prize for Fiction“ sowie dem „Desmond Elliot Prize“ ausgezeichnet.

Love, Drugs und die irische Dreifaltigkeit

Die Autorin liefert mit ihrem Debütroman eine Sozialstudie über die tragischen Figuren der irischen Stadt Cork ab, die täglich ums Überleben kämpfen und Anti-Helden sind: Arbeitslose, Trinker, Drogenabhängige, Prostituierte, Kriminelle. Gewinner gibt es in diesem Roman keine. Ihre Schicksale sind auf tragische Art miteinander verknüpft. McInerney zeigt eine fatalistische Welt auf, aus der es kein Entkommen gibt.

So zahlreich die Figuren sind, so vielfältig sind auch die Themen, die die junge Autorin aufgreift: Es geht um Liebesbeziehungen, Drogen, Prostitution, Gewalt und Mord. Aber auch mit Kritik am irischen Katholizismus spart sie nicht. Besonders diese Stellen im Roman wissen zu überzeugen. Vor allem Maureen Phelan, die als junges Mädchen in einem Erziehungsheim gelebt hat, klagt immer wieder in zynischer, aber auch nachvollziehbarer Weise Gott und die Kirche an. Ihr zunehmender Hass gipfelt später darin, dass sie ein Gotteshaus anzündet.

Die Unfähigkeit der Kirche zeigt sich auch bei Georgie, der jungen Prostituierten. Sie sucht einige Zeit nach dem Verschwinden ihres Freundes Robbie Zuflucht bei der freikirchlichen Gemeinschaft „Christen Aktiv Im Licht“. Doch statt Hilfe und Halt zu finden, wird sie dort schwanger und muss ihr Kind abgeben. Statt Unterstützung erfährt sie auch hier nur Zurückweisung und Erniedrigung.

Coming-of-age-Story im  Mittelpunkt des Romans

Im Zentrum der Handlung steht Ryan, Tony Cusacks Sohn, der schon früh mit Drogen dealt und deswegen auch schon im Gefängnis ins Gefängnis muss. Ryan fällt zunächst immer tiefer:  „Nichts weiter als ein betrügerisches Arschloch in einer Stadt voller betrügerischer Arschlöcher.“ Dabei ist er die einzige Figur, die ihre Fehler erkennt und versucht, sich mit seiner Freundin Katrine eine sichere Zukunft aufzubauen. Sein Talent als Musiker lässt er ungenutzt. Obwohl er auch eine gewisse Weitsicht und sogar die Cleverness besitzt, Jimmy Phelan auszutricksen, trifft auch er die falschen Entscheidungen und resigniert am Ende.

Er leidet besonders unter der Zurückweisung seines Vaters, der trotz eines Entzugs nie vom Alkohol wegkommt. Gleichzeitig hat er auch Angst, genauso zu werden. Dabei hätte er das Talent, seinem Schicksal zu trotzen. Nachdem sich auch seine Freundin von ihm abwendet, die er über alles liebt und mit der er von einer besseren Welt träumt, sieht er keine Perspektive mehr für sich und stellt hoffnungslos fest: „Ich hatte etwas Gutes und habe es zerstört, kaputt gemacht. Was bin ich ohne sie?“

Wirklichkeitsgetreuer Blick auf die Figuren

Lisa McInerney erzählt mehrere Geschichten parallel aus ständig wechselnden Perspektiven. Dennoch hängen alle Handlungsstränge zusammen und verdeutlichen eigentlich nur die Unmöglichkeit, seinem hoffnungslosen Dasein zu entkommen. Es gibt keine Gewinner, nur Verlierer. Die Autorin beschreibt ihre Figuren so liebevoll, als würde sie ihnen wünschen, dass sie ihrem Schicksal entkommen könnten. Ihre Sprache ist dabei oftmals derb und vulgär, aber sie wirkt authentisch.

Es gibt leider aber auch immer wieder längere Passagen, die langatmig und thematisch etwas dünn sind. Wenn Katrine und Ryan zum Beispiel seitenweise über ihre sexuellen Vorlieben diskutieren (das Thema Sex wird in Nebensträngen immer wieder aufgegriffen), trägt das weder zum Rollenverständnis bei, noch bringt es den Roman weiter. Für Spannung sorgen einzelne Episoden, nicht aber die Handlung im Ganzen. Dafür spürt man zu sehr, dass es kein Happyend geben wird.

„Glorreiche Ketzereien“ ist ein Roman - kein Kriminalroman und auch kein Thriller. Morde und Gewalt sind fester Bestandteil der Lebenswelt und fast schon normal. Auch weiß jeder oftmals, wer dafür verantwortlich ist, aber selbst die „Gardaí“, wie die irische Polizei genannt wird, hält sich zurück.

Sprachgewaltig, aber auch immer wieder trivial

Lisa McInereys Roman ist voll groteskem und bitterbösem Humor, gleichzeitig aber schreibt die Autorin einfühlsam, fast schon zärtlich und mit großer Anteilnahme für ihre Figuren. Oftmals sind ihre Sprachbilder aber auch recht eigenwillig und nicht mehr als Worthülsen. Genau diese Ambivalenz erlebt man ständig bei der Lektüre: Gerade noch seziert McInerney die Perversität der Gesellschaft mit fast schon düsterer Poesie, dann kippt alles ins Banale und Belanglose.

Man darf gespannt sein, ob es McInerey in ihrem Fortsetzungsroman „The blood miracles“ gelingt, diese Diskrepanz aufzuheben. Auf jeden Fall wird es interessant werden zu lesen, wie es mit Ryan weitergehen wird.

Glorreiche Ketzereien

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05.01.2019 11:27:31
elke17

Cork. Hafenstadt im Süden Irlands. Bischofssitz. Erzkatholisch. Lisa McInerney erzählt in ihrem Erstling „Glorreiche Ketzereien“ von Menschen am Rand der Metropole. Von unten. Aus der Sozialbausiedlung. Sie erzählt von Familien, von Erwartungen, von Reue und der Suche nach Erlösung. Von dem Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Von den Auswirkungen der Religion auf die irische Gesellschaft.

Zwei Personen dominieren den Roman, dessen Handlungszeitraum sich über starke fünf Jahre erstreckt: Maureen, knapp sechzig, Mutter des lokalen Gangsterbosses Jimmy „JP“ Phelan, erst seit kurzem wieder zurück in Cork. Als junge Frau von ihrer Familie nach der Geburt eines unehelichen Kindes nach London abgeschoben. Nicht ohne ihr vorher das Neugeborene wegzunehmen. Die voll Wut auf alles ist, was mit der Kirche zu tun hat. Die einem Einbrecher mit einem „Heiligen Stein“ den Schädel einschlägt und so eine unheilvolle Spirale in Gang setzt.

Und Ryan Cusack, guter Schüler, talentierter Klavierspieler, aber auch ältester Sohn von Tony, einem alleinerziehenden Vater von sechs Kindern, einem Säufer, Kleinkriminellen und Handlanger von JP, der seinen Ältesten misshandelt. Ryan, der sich nichts sehnlichster wünscht, als gesehen zu werden. Den eine große Liebe mit Karine, dem Mädchen aus der Mittelschicht, verbindet, die ihn zu verschlingen droht. Der zu einem wütenden jungen Mann heranwächst. Der aus den richtigen Gründen die falschen Entscheidungen trifft. Der eine Gefängnisstrafe verbüßen muss. Der aus den falschen Gründen die richtigen Entscheidungen trifft und so, zumindest auf Zeit, ein Leben rettet, dem aber sein eigenes Leben nichts wert ist.

Für den Fortgang der Handlung sind außerdem noch bereits erwähnter Gangsterboss, eine jungen Prostituierte sowie die unsympathische Nachbarin der Cusacks von Bedeutung. Jeder hat mit jedem zu tun und greift auf die eine oder andere Art und Weise in deren Leben ein.

Eine satte Milieustudie sind diese „Glorreichen Ketzereien“, aber auch ein Roman über das Erwachsenwerden unter schwierigsten Umständen. Plus dazugehörige Love-Story. Aber auch eine Abrechnung mit der Bigotterie der Kirche und der irischen Gesellschaft: „Die Kirche will Macht, mehr als alles andere, die Macht über alles Lebende. Die Kirche hat ein Ideal, und sie merzt alles aus, was sich dem in den Weg stellt. Die Kirche braucht blinde Hingabe…sie alle machen da mit. Ihnen ist eine Klasse zugeteilt worden, und an die klammern sie sich. Die Kirche schafft sich ihre Sünder, damit sie jemanden hat, den sie retten kann.“ Aber was geschieht mit denen, die nicht gerettet werden wollen?

McInerney nimmt kein Blatt vor den Mund. Sei es die Sprache oder auch die Themenfelder, die sie beackert. Schnappt euch das Buch und lest es, ihr werdet es nicht bereuen. Denn unter den Neuerscheinungen 2018 ist Lisa McInereys Debüt ein „Diamond in the Rough“!

Übrigens gibt es im Original bereits den Folgeband „The Blood Miracles“, in dem wir Ryan Cusack Wege weiterverfolgen können. Ich freue mich darauf.

22.09.2018 17:39:46
Krimisofa.com

Ein Leben kann sehr schnell zu Ende sein. Zack, eins über den Schädel gezogen und schon wird es dunkel für den Rezipient. Andererseits kann ein Leben verdammt lange sein, Menschen kämpfen mit den übelsten Krankheiten gegen den Tod und widersetzen sich Jahr für Jahr. Doch am Ende bekommt der Sensenmann uns doch alle – jeden von uns. Und dann kommen wir in den Himmel, oder die Hölle; oder verrotten einfach nur in einer Holzkiste unter der Erde. Was auch immer passiert, Lisa McInerney hat ein Buch geschrieben, in dem es um Mord, Moral und etliche andere Dinge geht.

Ryan ist der Sohn von Tony Cusack und Bruder von fünf Geschwistern. Sein Vater war fleißig - nicht nur, was die Kinderzeugung betrifft. Er trinkt auch gerne und kennt Jimmy Phelan, der jetzt seine Hilfe benötigt, denn in der Wohnung dessen Mutter Maureen liegt eine Leiche, die wegmuss. Na, habt ihr noch den Überblick? Moment, es geht noch weiter, denn da ist noch Georgie: Prostituierte, Drogensüchtige und auf der Suche nach Robbie, bei dem sie wohnt und der plötzlich wie vom Erdboden verschluckt ist. Die Drogen besorgt ihr Ryan, der gerade mal fünfzehn ist und seine erste Freundin - Karine - hat. In der ersten von vielen Szenen hat er einen ziemlich verfrühten Samenerguss - vom Drogendealen hat er zu der Zeit mehr Ahnung.

Es war zu Beginn eine on/off-Beziehung, die mich mit dem Buch verband, eigentlich sollte es bei [Vorschau #11] dabei sein, ist aber kurz vor deren Erscheinen rausgeflogen. Das Cover ist nicht gerade ansprechend - mehr shabby als shiny;–, und repräsentiert so gewissermaßen den Inhalt. Nicht das dieser nicht ansprechend wäre, aber doch speziell; ohne richtigen Hauptcharakter, ganz zu schweigen von Protagonisten - ein Buch voller Antihelden trifft es eher. Ich war anfangs wirklich geneigt, dieses Buch abzubrechen, doch andererseits war es doch interessant. Verlage sind immer auf der Suche nach Autoren mit einem außergewöhnlichen Schreibstil, mit einem Schreibstil, der sich vom Einheitsbrei abhebt - der Liebeskind Verlag hat mit „Glorreiche Ketzereien“ den Jackpot geknackt, denn ein solches Buch, so weit vom Mainstream weg, wie es nur geht, habe ich tatsächlich noch nie gelesen. Voller Innovationen, voller Überraschungen. Aber eines sei auch gesagt: schön ist das Kind zwar einigermaßen, aber lieb sicher nicht, denn alle, wirklich jeder Charakter, der in dem Buch auftritt, hat Dreck am Stecken.

Lange sucht man in diesem Pulk an Charakteren den einen, den Hauptcharakter - Tony? Nein. Maureen? Ja, nein, nicht wirklich. Also schon irgendwie, aber, hm, eher nein. Gut, weiter - Jimmy? Nope. Georgie? Auch irgendwie, aber dann doch nicht so ganz. Tatsächlich ist Ryan, der Schnellspritzer, der Charakter, der die Geschichte irgendwann an sich reißt. Und auch im Bett macht er sich irgendwann, klar, er hat ja auch genug Zeit, der Plot geht über mehrere Jahre in denen man beobachten kann, wie Ryan heranwächst, um schließlich erwachsen zu werden. Zwischendurch gibt es immer wieder kursive Kapitel, die zumeist sehr emotional sind und aus der ersten Person Ryans erzählen.

Die Geschichte bietet einiges; Fellatio und Cunnilingus, Sakrileg und Skapulier - und einen Nachbarschaftsstreit, der irgendwann eskaliert. Neben Sex und Drogen spielt auch die Kirche eine große Rolle, vor allem Maureens Zerrissenheit zwischen Schuld und Glaube. Sie sieht den Geist ihres unabsichtlichen Mordopfer immer in ihrer Wohnung herumgeistern, was ihr nicht ganz geheuer ist - aber sie findet einen Weg, damit umzugehen. Damit, und mit ihrer inneren Zerrissenheit.

McInerney hat einen guten und düsteren und äußerst maskulinen Schreibstil, was man vor allem am Vokabular merkt, das teilweise sehr vulgär ist. Das Buch ist allerdings weit weniger lustig als ich erwartet hätte – das Buch wurde mir als „bitterböse (Krimi)Komödie“ beschrieben –, oder es trifft nicht mein Humorzentrum.

Teilweise verliert man  sowohl beim Plot als auch bei den Charakteren die Übersicht. McInerney springt teilweise in den Zeiten hin und her, was zwar selten vorkommt, aber umso verwirrender ist. Charaktere tauchen zwei, drei mal auf und beim dritten Mal weiß man gar nicht mehr, wer das jetzt nochmal war. Dadurch, dass sich die Geschichte über mehrere Jahre zieht, wirkt sie teilweise inkohärent. Und der Schreibstil ist stellenweise sehr zäh, von der Spannung gar nicht zu sprechen; was ich aber nicht der Autorin anlasten will, das kann auch an der Übersetzung liegen. Alles in allem ist „Glorreiche Ketzereien“ aber wirklich sehr außergewöhnlich und ich bin froh, es doch beendet zu haben, auch wenn es nicht zu hundert Prozent meinen Geschmack trifft. So richtig will McInerneys Debüt auch nicht ins Krimigenre passen, dafür aber in viele andere. Das Feuilleton feiert - ich halte mich eher zurück.

Bewertung für den Showdown entfällt, weil es so etwas in der bewährten Form nicht gibt.

tl;dr: „Glorreiche Ketzereien" von Lisa McInerney ist ein zwar kein wirklicher Krimi, dafür aber weit weg vom Mainstream. Ein Buch, so vielschichtig und mit so vielen interessanten Charakteren, dass man sich erst eingrooven muss. Ein Buch ohne Protagonisten und voller Antihelden; und dennoch schließt man sie irgendwann ins Herz - was ist da schon Mord, Drogenhandel oder Prostitution? Dennoch hat das Buch auch einige Schattenseiten; man fliegt nicht gerade durch die Geschichte und verliert auch öfter mal den Überblick

12.08.2018 13:03:14
elke17

Cork. Hafenstadt im Süden Irlands. Bischofssitz. Erzkatholisch. Lisa McInerney erzählt in ihrem Erstling „Glorreiche Ketzereien“ von Menschen am Rand der Metropole. Von unten. Aus der Sozialbausiedlung. Sie erzählt von Familien, von Erwartungen, von Reue und der Suche nach Erlösung. Von dem Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Von den Auswirkungen der Religion auf die irische Gesellschaft.

Zwei Personen dominieren den Roman, dessen Handlungszeitraum sich über starke fünf Jahre erstreckt: Maureen, knapp sechzig, Mutter des lokalen Gangsterbosses Jimmy „JP“ Phelan, erst seit kurzem wieder zurück in Cork. Als junge Frau von ihrer Familie nach der Geburt eines unehelichen Kindes nach London abgeschoben. Nicht ohne ihr vorher das Neugeborene wegzunehmen. Die voll Wut auf alles ist, was mit der Kirche zu tun hat. Die einem Einbrecher mit einem „Heiligen Stein“ den Schädel einschlägt und so eine unheilvolle Spirale in Gang setzt.

Und Ryan Cusack, guter Schüler, talentierter Klavierspieler, aber auch ältester Sohn von Tony, einem alleinerziehenden Vater von sechs Kindern, einem Säufer, Kleinkriminellen und Handlanger von JP, der seinen Ältesten misshandelt. Ryan, der sich nichts sehnlichster wünscht, als gesehen zu werden. Den eine große Liebe mit Karine, dem Mädchen aus der Mittelschicht, verbindet, die ihn zu verschlingen droht. Der zu einem wütenden jungen Mann heranwächst. Der aus den richtigen Gründen die falschen Entscheidungen trifft. Der eine Gefängnisstrafe verbüßen muss. Der aus den falschen Gründen die richtigen Entscheidungen trifft und so, zumindest auf Zeit, ein Leben rettet, dem aber sein eigenes Leben nichts wert ist.

Für den Fortgang der Handlung sind außerdem noch bereits erwähnter Gangsterboss, eine jungen Prostituierte sowie die unsympathische Nachbarin der Cusacks von Bedeutung. Jeder hat mit jedem zu tun und greift auf die eine oder andere Art und Weise in deren Leben ein.

Eine satte Milieustudie sind diese „Glorreichen Ketzereien“, aber auch ein Roman über das Erwachsenwerden unter schwierigsten Umständen. Plus dazugehörige Love-Story. Aber auch eine Abrechnung mit der Bigotterie der Kirche und der irischen Gesellschaft: „Die Kirche will Macht, mehr als alles andere, die Macht über alles Lebende. Die Kirche hat ein Ideal, und sie merzt alles aus, was sich dem in den Weg stellt. Die Kirche braucht blinde Hingabe…sie alle machen da mit. Ihnen ist eine Klasse zugeteilt worden, und an die klammern sie sich. Die Kirche schafft sich ihre Sünder, damit sie jemanden hat, den sie retten kann.“ Aber was geschieht mit denen, die nicht gerettet werden wollen?

McInerney nimmt kein Blatt vor den Mund. Sei es die Sprache oder auch die Themenfelder, die sie beackert. Schnappt euch das Buch und lest es, ihr werdet es nicht bereuen. Denn unter den Neuerscheinungen 2018 ist Lisa McInereys Debüt ein „Diamond in the Rough“!

Übrigens gibt es im Original bereits den Folgeband „The Blood Miracles“, in dem wir Ryan Cusack Wege weiterverfolgen können. Ich freue mich darauf.