Opfer

Erschienen: Januar 2018

Bibliographische Angaben

  • Paris: Albin Michel, 2012, Titel: 'Sacrifices', Seiten: 362, Originalsprache
  • Stuttgart: Tropen, 2018, Seiten: 329, Übersetzt: Tobias Scheffel

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Thomas Gisbertz
Das Schicksal ist ein mieser Verräter

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Jun 2018

Die Verbrecher gehen mit ungeahnter Brutalität vor. Nur durch Zufall überlebt Verh½vens Geliebte den Überfall. Mit Gewehrkolben schlagen die Gewalttäter ihr wieder und wieder ins Gesicht und treten mit harten Schuhabsätzen auf ihren Kopf ein. Auf der Flucht kann das Opfer den Schüssen aus einer Pumpgun zweimal nur knapp entkommen.

Als Kommissar Verh½ven später die Bänder der Überwachungskamera sieht, überkommt ihn ein Gefühl von absoluter Machtlosigkeit. Nach dem Tod seiner Frau scheint er zum zweiten Mal in seinem Leben dem Schicksal wehrlos ausgeliefert zu sein. Er schwört, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Ihm bleibt nicht viel Zeit, denn er ermittelt, ohne dass die Staatsanwaltschaft und sein Vorgesetzter von seiner Beziehung zu Anne wissen.

Verh½ven ist sich sicher, den Haupttäter zu kennen. Der Ablauf des Überfalls und die Gewalt, mit der die Räuber vorgehen, erinnern ihn an eine Überfallserie zu Beginn des Jahres. Damals raubten die Täter gleich vier Juweliere an einem Tag aus.

Ein Thriller der Extraklasse

Pierre Lemaitre ist Autor mehrerer preisgekrönter (Kriminal-)Romane. In der Presse wurde besonders seine Erzählung "Drei Tage und ein Leben" (2016) gefeiert. Sein Roman "Wir sehen uns dort oben" (2013) wurde mit dem wichtigsten französischen Literaturpreis, dem "Prix Goncourt", ausgezeichnet. Dass Lemaitre ein Autor von hoher Qualität ist, zeigt sich auch an seinem aktuellen Roman "Opfer". Es ist bereits der fünfte Fall um Kommissar Verh½ven, allerdings nach "Ich will dich sterben sehen" (2012) erst der zweite in deutscher Übersetzung.

Überragender Stilist und Romancier

Der Schreibstil Lemaitres ist außergewöhnlich gut. Das mag daran liegen, dass er in erster Linie eine Geschichte zu erzählen hat, die er dann als Thriller verpackt. Teilweise erinnert seine Art zu schreiben an Thomas Bernhard. Dann wiederum rückt er ähnlich wie Marcel Proust die Subjektivierung der menschlichen Wahrnehmung in den Mittelpunkt seiner Handlung, und wirkt darüber hinaus fast schon so existenzialistisch wie Jean-Paul Sartre. Der Autor thematisiert in seinem Roman vor allem zu Beginn die Bedeutung des Schicksals und seiner Folgen für den Menschen. Kann man dem Schicksal entgehen? Ist man, wenn man im Leben genug erlitten hat, "immun" gegen das Schicksal?

Aber der Krimifreund muss keine Sorge haben: Lemaitre philosophiert ohne zu philosophisch zu werden. Denn schon im nächsten Augenblick denkt der Leser, er würde einen Roman von John Le Carré oder Robert Ludlum lesen.

Pierre Lemaitre schreibt bitterböse, sarkastisch, brillant. Er versteht es unter anderem meisterhaft, brutale Dinge als banal, fast schon entschuldigend zu schildern:

"Ich [drückte] ihm zur Unterstreichung der gutgemeinten Worte das Jagdmesser in die Überreste des Knöchels, die Klinge dringt durch alles hindurch und bohrt sich auf der anderen Seite in die Dielen. Wenn er die Wohnung zurückgibt, wird ihm ein Loch im Boden auf jeden Fall von der Kaution abgezogen, aber egal."

Durch das Stilmittel der erlebten Rede und dem Wechsel in der Erzählperspektive ist es dem Leser immer wieder möglich, die Gedanken vor allem von Verh½ven und dem Haupttäter an einzelnen Stellen des Romans nachzuvollziehen. Dennoch weiß die Handlung mit zahlreichen Wendungen zu überraschen.

Zutiefst menschlicher Kommissar mit Trauma

Mit Camille Verh½ven entwirft Lemaitre eine ambivalente und vielschichtige Figur. Er ist der Sohn einer bekannten Malerin, der selber gerne zeichnet. Aber auch äußerlich fällt der Kommissar unweigerlich auf: Er ist lediglich 1,45 Meter groß. Nicht nur deswegen fragt sich Verh½ven, was seine derzeitige Freundin an ihm findet (Anne ist 22 Zentimeter größer und mit 40 Jahren zehn Jahre jünger als ihr Freund). Der Pariser Ermittler hat vier Jahre vor der eigentlichen Handlung seine Frau Irène durch einen bestialischen Mord verloren. In den darauffolgenden Jahren hat Verh½ven versucht, durch Klinikaufenthalte über dieses Trauma hinwegzukommen. Erst die Liebe zu Anne half ihm. Er hofft, durch sie zu gesunden und wieder fähig zu sein, ohne seine verstorbene Frau leben zu können.

Dass seine jetzige Geliebte durch Zufall Opfer der Räuber wird, verunsichert den Kommissar erneut zutiefst. Allerdings will der Ermittler keine Rache üben. Die Gelegenheit hierfür hat er auch beim Mörder seiner Frau nicht genutzt. Er hat eher das Gefühl, als wäre durch dieses Ereignis sein eigenes Leben bedroht. Verh½ven hat das Verlangen zu handeln, weil er unfähig ist, sich die Folgen der Tat vorzustellen, die seine Beziehung zu Anne berührt, das Einzige, was seinem Leben seit Irènes Tod wieder einen Sinn gegeben hat. Der Kommissar fühlt sich verantwortlich dafür, "wie es ausgeht, was von ihm abhängt, von seinem Willen, seiner Entschlossenheit, seinen Fähigkeiten, und das ist erdrückend."

Verh½ven ist aber kein seelisches Wrack wie andere Ermittler. Vielmehr hat er die Sorge, dass das Schicksal ihm die zweite Chance, die er mit Anne bekommt, erneut nehmen will - und dagegen stemmt er sich mit allem, was er hat.

Unterstützung erhält er von seinem Freund und Kriminaldirektor Jean Le Guen, der ohne zu wissen, in welcher Beziehung Verh½ven zum Opfer des Überfalls steht, zu ihm hält - auch wenn er ihm zum Teil berechtigte Vorwürfe macht - und durch Louis Mariani, seinen Stellvertreter, der dem Ermittler loyal und ohne Fragen zu stellen, den Rücken stärkt.

Französischer Thriller der besonderen Art

Pierre Lemaitre hat einen in jeglicher Hinsicht gelungenen Thriller geschrieben: Die Handlung hat Tempo, es gibt einen mehr als interessanten Ermittler und der Autor spart nicht mit überraschenden Wendungen. Alles verpackt in einem Schreibstil, der schon alleine das Lesen wert wäre.

Trotz philosophischer Anleihen gelingt es Lemaitre den Spannungsbogen von der ersten Seite an hochzuhalten. Mit Camille Verh½ven lernen wir einen Ermittler kennen, der beginnt, sich gegen sein persönliches Schicksal zu wehren - selbst wenn dies mit beruflichen Konsequenzen verbunden wäre. Dabei agiert er aus polizeilicher Sicht nicht immer richtig, aber dafür zutiefst menschlich. Ein mehr als lesenswerter Thriller.

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