Ein Teil von ihr

Erschienen: Januar 2018

Bibliographische Angaben

  • Köln: Lübbe Audio, 2018, Seiten: 8, Übersetzt: Nina Petri

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Almut Oetjen
Mutter und die Weltveränderungsarmee

Buch-Rezension von Almut Oetjen Jun 2018

Wer "Ein Teil von ihr" liest, wird vielleicht an einen Hollywoodfilm mit ähnlicher Prämisse erinnert. James Camerons "True Lies - Wahre Lügen" (1994), in dem Arnold Schwarzenegger für Frau und Tochter ein Vertreter für Computer ist, tatsächlich aber Mitarbeiter in einer geheimen Organisation zur Terrorbekämpfung. Anders als dieser Film erzählt Slaughter ihre Geschichte, für ihr Werk eher überraschend, über eine längere Strecke recht langsam.

Die Charaktere werden in aller Ruhe vorgestellt und entwickelt

Die Autorin legt viel Wert auf die Charakterentwicklung. Die introvertierte Andrea, oder Andy, wie sie genannt werden will, arbeitet bei der New Yorker Polizei in der Nachtschicht der Notrufzentrale. Sie hat Schwierigkeiten, wichtige Entscheidungen zu treffen. Ihre Vorstellungen von einem erfolgreichen Leben erschöpfen sich darin, anderen Menschen zuzuarbeiten. So hat sie es während ihres Studiums und bei den anschließenden vielfältigen Aushilfsjobs gehalten. Ihrer Mutter gefällt das nicht. Ihr beruflich erfolgreicher Adoptivvater, der Anwalt Gordon Oliver, liebt Andy und kritisiert sie nicht dafür.

Mutter und Tochter leben in einer kleinen Gemeinde außerhalb Savannahs. Das liegt zwar in Georgia und damit bleibt Slaughter dem Staat ihrer erfolgreichen Serien treu. Aber die für sich stehende Geschichte spielt nicht in einer Großstadt wie Atlanta, ihr bislang bevorzugter Handlungsraum. Die Serienfigur Will Trent, der unter Dyslexie leidet, wird hier in einer Form von Umkehrung ersetzt durch eine Sprachtherapeutin. Trents Arbeitsplatz, das Georgia Bureau of Investigation, wird einmal direkt genannt.

Karen Slaughter erzählt hier mal eine ganz andere Geschichte

Eine gewisse Entfernung zum sonstigen Werk Slaughters weist "Ein Teil von ihr" insoweit auf, als die Autorin keine prozedurale Ermittlungsgeschichte erzählt. Es gibt mithin einige Dinge, die mit der Erwartungshaltung des einen Lesers oder der anderen Leserin kollidieren können. Keine Überraschung gibt es im Hinblick darauf, wie das Buch geschrieben ist. Man mag den Stil Slaughters - oder eben nicht. Die Story hingegen dürfte in ihrer geschickten Konstruktionsweise eher keinen Anlass zum Mäkeln geben. Erzählerisch bewegt sich Slaughter im großen Terrain des Kriminalromans auf einem Feld, das ihren (ursprünglich) zwei Serien noch nahe ist, aber die Geschichte, die sie erzählt, ist eine ganz andere. Der Kriminalfall, der sich zu Beginn abzeichnet, ist aufgrund der Verbindung zu den sozialen Medien lediglich ein Auslöser für die Dinge, die kommen.

Slaughter verknüpft zwei Handlungen miteinander, die 32 Jahre auseinanderliegen. Auf der Zeitlinie "Sommer 1986" erfahren wir die Geschichte Lauras, in der Gegenwart "Sommer 2018" lesen wir von den Abenteuern Andys, die etwas über ihre Herkunft und die Vergangenheit ihrer Mutter erfährt. Im Verlauf der Erzählung aus 1986 erhalten wir Informationen zum Verständnis der Gegenwart. Laura hat alles verloren, was ihr etwas bedeutete.

Sie kennt den Verantwortlichen und fliegt nach Oslo, um ihm die Rechnung auf spektakuläre Weise zu präsentieren. Eine Zeitlang lesen sich die beiden Teile wie unabhängige Texte, was sich im späteren Verlauf der Handlung ändert. Bis dahin ist die Reisegeschichte Andys (ihre Suche nach der Wahrheit, oder, weniger aufregend, nach Antworten auf Fragen) allein tragfähig, weil man wissen will, was am Ende herauskommt. Die zweite Handlungslinie trägt erst recht spät dazu bei.

Tote, Killer, menschliche Kletten, und böse Polizeiverhöre mit Brechreizfolge

Andy trifft auf ihrer Reise auf wenige Menschen, vor allem einen Mann und zwei Frauen. Sie denkt viel nach und kommt nur langsam voran. Zu Beginn des Romans erklärt ihre Mutter ihr, dass sie nun über 30 ist, was Auswirkungen haben sollte. Auf ihrer Flucht und Suche erinnert Andy mehr an einen Teenager, natürlich von Slaughter beabsichtigt. Um ihr Handeln dennoch besser nachvollziehen zu können, muss man sich gelegentlich daran erinnern, dass sie 31 ist.

Es gibt ein paar Tote, faktische und potenzielle Killer, menschliche Kletten, böse Polizeiverhöre mit Brechreizfolge, eine mobile kleine Privatbank mit 240.000 Dollar unverzinslichem Guthaben. Die Themen Gender und Sexismus in den 1980er Jahren werden angesprochen, ein wenig plakativ. Die drei wichtigen Frauen auf Andys Weg haben Namen, die zum Nachdenken anregen: Paula, Laura und Clara. Man bekommt es mit verstörten Charakteren zu tun, mit psychischem und körperlichem Missbrauch. Mit Frauen, die ihren Lebenssinn darin sehen, sich einem Sektenführer hinzugeben, der wiederum seinen Lebenssinn sieht in Geld und Macht, einem Privatflugzeug und einem Porsche, insbesondere aber wohl darin, andere Menschen dazu zu bringen, Dinge zu tun, die sie eigentlich nicht machen wollen. Dennoch ist die Geschichte nicht annähernd so düster wie "Pretty Girls".

Karin Slaughters "Ein Teil von ihr" liest sich als moderne Geschichte über komplizierte Vereinigte Staaten von Amerika, in der charakteristische Merkmale des American Way of Life ebenso aufscheinen wie der Mythos vom Grenzland. Die Reise von Anrea setzt eine spezifische Dynamik der Gewalt und der Erkenntnis in Gang. Slaughter räumt auch auf mit der naiven Vorstellung, die Welt heute sei komplexer und komplizierter als früher: sie war schon immer komplex und kompliziert; nur äußert sich das in unterschiedlichen Zeiten und Kontexten auf unterschiedliche Weise. Tatsächlich ist in "Ein Teil von ihr" die Welt der Gegenwart durch eine lineare Reise verstehbar, entlang der sich Personen, Ereignisse und Erklärungen reihen, und eine komplizierte Vergangenheit auffalten.

Die Charaktere der Erzählung waren damals und sind heute nicht die, die sie zu sein scheinen. Gemeinsam ist ihnen die Identitätsfrage in Verbindung mit den damaligen Geschehnissen, ihr Gefühl von Heimatlosigkeit, ihre Herkunft aus der Gewalt, in die sie auf eine Weise hineingeraten sind, die sie vermutlich heute noch nicht verstehen, falls dies überhaupt möglich ist. Die Vergangenheit, die sie in die Isolation getrieben hat. Der Refrain dieser Erzählung könnte lauten: Wenn man nicht einmal sich selbst verstehen kann, wie kann man sich dann einbilden, Menschen aus dem Umfeld, wie nah sie einem auch sein mögen, zu verstehen? Kommunikation dient dazu, das Gegenüber einordnen zu können, ob es einem gefährlich werden kann, ob es einem nützlich sein kann, ob es einen benutzen oder gar missbrauchen will.

Diese Kommunikationen durchziehen den Roman, und ihr einziges konsequentes Gegenstück findet sich in der Beziehung zwischen der Hauptfigur und ihrem Adoptivvater, die sich in Herkunft, Alter, Hautfarbe und Geschlecht unterscheiden. Vorgetragen wird das nicht auf sentimentale oder kalte Weise, sondern eher beobachtend aus Sicht einer unbeteiligten Erzählfigur, die nahe an der Hauptfigur ist.

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