Walter muss weg

Erschienen: Januar 2018

Bibliographische Angaben

  • Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2018, Seiten: 390, Originalsprache

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Thomas Gisbertz
Spannungsarmer, aber schwarz-humoriger Roman

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Jun 2018

Das hat sich die 70-jährige Hannelore Huber anders vorgestellt. Nach dem Tod ihres Mannes freute sie sich auf den wohlverdienten Ruhestand. Von Trauer um ihren verstorbenen Ehemann keine Spur. Beide haben zwar beinah das ganze Leben miteinander verbracht, allerdings eher aneinander vorbei als miteinander gelebt. Eher widerwillig macht sich daher die grantige Huberin auf die Suche nach dem Leichnam ihres Gatten. Schließlich will sie endlich ihre Ruhe haben.

Da passt es ihr natürlich ebenso wenig, dass ihr Walter unter seltsamen Umständen gestorben ist: Nicht etwa durch einen Verkehrsunfall oder einen Schlaganfall. Nein. Laut ärztlicher Diagnose war es beides: Angeblich hat den alten Huber beim Sex mit der Prostituierten Svetlana ein Gehirnschlag ins Jenseits befördert. Zu allem Überfluss ist auch die Angestellte des Bordells "Marianne" seit Tagen verschwunden. Hat Svetlana etwas mit dem Tod Walters zu tun? Und warum setzt Bürgermeister Stadlmüller, der ebenso als Arzt tätig ist, alles daran, die Todesursache als Sportunfall darzustellen?

Hannelore Huber mag alt sein, senil ist sie aber noch lange nicht. Darum sind ihr auch die trauernde Unbekannte und der Rosenkavalier am Grab ihres Mannes direkt aufgefallen: Beide sind nicht aus dem Ort und auch sonst scheint niemand sie zu kennen. Haben sie vielleicht etwas mit dem Verschwinden von Walters Leichnam zu tun? Während Polizist Wolfgang Swoboda von der Dienststelle Sankt Ursula die beiden Fälle des verschwundenen Ehemanns und des toten Bestatters eher gemütlich angeht, ist bei seiner Kollegin Unterberger-Sattler der Spürsinn geweckt. Das ist auch nötig, denn schon bald gibt es die nächste Leiche.

Start einer neuen Reihe um Hannelore Huber

Thomas Raab hat sich als Autor der Romane um den Restaurator Willibald Metzger einen Namen gemacht. Zwei Fälle wurden bereits für das Erste verfilmt. Der Autor gehört zu den erfolgreichsten Autoren Österreichs und wurde 2017 mit dem erstmals verliehenen Österreichischen Krimipreis ausgezeichnet. Auch der 2015 erschienene Roman "Still. Chronik eines Mörders" wurde vom Feuilleton hoch gelobt.

Mit "Walter muss weg" startet der Autor eine neue Krimireihe um die grantige Hannelore Huber. Wie auch schon bei der Metzger-Reihe darf sich der Leser auf sehr viel Sprach- und Wortwitz freuen. Thomas Raab ist wie immer: humorvoll, sarkastisch und sehr böse.

Ein Feuerwerk des Wort- und Sprachwitzes

Wenn Raab über die Einfältigkeit der Bewohner im Glaubenthal herzieht und damit stellvertretend menschliche Schwächen und Borniertheit aufdeckt, dann brilliert er mit dem, was er am besten kann: Sprachspielereien vom Feinsten! Raab ist ein Meister darin. Man muss sich beim Lesen Zeit nehmen, damit einem auch keine Pointe und kein witziges Bonmot entgehen.

Er legt die Engstirnigkeit und Unbelehrbarkeit seiner Figuren ebenso herrlich böse offen wie er auch deren zutiefst empfindsamen Seelen zeigt. Die Charaktere sind zuletzt doch alle liebevolle Figuren. Sei es der tote Huber, der im Nachblick mehr Liebe für seine Gattin und seine Mitmenschen an den Tag legte als er die längste Zeit seines Lebens gezeigt hat, oder sei es die Huberin selber, die am Ende ihre Zuneigung für ein kleines Mädchen entdeckt.

Zahlreiche skurrile Figuren und Geschehnisse

Der Roman lebt von seinen schrägen, bisweilen kauzigen Protagonisten, die sich in diesem kleinen Dorf in den Bergen nicht aus dem Weg gehen können und irgendwie miteinander auskommen müssen. Thomas Raab sorgt immer wieder für aberwitzige Situationen, wenn er seine Figuren aufeinander prallen lässt. Sehr scharfsinnig deckt er dabei menschliche Schwächen und Eigenarten auf.

So ist zum Beispiel das eigentliche Anliegen der Anwesenden bei der Beerdigung Walter Hubers nicht etwa, dass man ihm die letzte Ehre erweist, sondern der Leichenschmaus danach. Oder mit den Worten des Autors: "Die Dreifaltigkeit des Brucknerwirts, sprich Leberknödelsuppe, Schweinsbraten, Schwarzwälder Kirschtorte."

Raab spart nicht mit humorvollen, teilweise grotesken Szenen, wenn zum Beispiel Friedrich Holziger, ein ehemaliger Volksschuldirektor, nun den ausländischen Prostituierten im Ort Deutschunterricht erteilt, oder der Orientierungsläufer Jürgen Hausleitner auf eine Moorleiche stößt. Immer wieder erzählt er die Nebenhandlungen mit viel Liebe zum Detail.

Lesenswert sind auch die Dialoge mit Amelie Glück, einem sechsjährigen Mädchen, das mit seiner behinderten Mutter in das ehemalige Elternhaus der Huberin zieht. Amelie deckt mit ihrer kindlichen Naivität die wahren Gefühle der Bewohner und damit ihre innere Unzufriedenheit auf. Selbst die grantige Hauptfigur Hannelore kann sich deren Charme letztendlich nicht entziehen.

Mehr humorvoller Heimat- als Krimiroman

Wer eine spannungsgeladene Kriminalerzählung sucht, liegt bei Thomas Raabs neuestem Werk leider nicht richtig. Der Roman bietet keinen Nervenkitzel, sondern ist sowohl thematisch als auch aufgrund der Darstellung seiner einzelnen Figuren eher ruhig angelegt. Nicht ohne Grund steht auf dem Cover der Hinweis "Roman". Die beiden Polizisten sind eher Randfiguren und mehr mit sich und ihren Streitereien beschäftigt als mit den beiden Fällen.

Auch die Huberin ermittelt keineswegs wie eine Miss Marple, sondern stößt eher zufällig auf einige Hinweise. Ihr geht es eher darum, ihren Mann endlich unter die Erde zu bekommen, als dass sie an der Aufklärung des zweiten Todesfalls interessiert ist. Teilweise erinnert "Walter muss weg" thematisch und in der Darstellung der Figuren an Fernsehserien wie "Mord mit Aussicht" und "Der Bulle von Tölz".

Der Roman spricht zwischen den Zeilen aber auch ernste Themen an: Einsamkeit im Alter, fehlende Liebe, Krankheit und soziale Isolation sind nur einige Aspekte, auf die der Autor aufmerksam macht. Dies tut dem Roman sehr gut, auch wenn einem manchmal das Lachen im Halse stecken bleibt. Zum Ende hin macht Raabs Roman sogar nachdenklich und stimmt einen traurig, wenn gleich die nächste Pointe nicht lange auf sich warten lässt.

Extravagantes Lesevergnügen

Thomas Raabs neuester Roman ist mehr als gelungen: bizarr, humorvoll, außergewöhnlich gut. Aber es ist "nur" ein Roman und keine spannende Kriminalunterhaltung. Wer dies sucht, liegt hier falsch. Dafür bietet Raab Wort- und Sprachwitz der Extraklasse und eine Handlung, die dank der facettenreichen Figuren und deren Eigenarten, den Leser laut auflachen lässt. Das Niveau seiner Metzger-Reihe erreicht Raab noch nicht. Aber ein guter Start ist ihm allemal gelungen.

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