Das Auge von Hongkong

Erschienen: August 2018

Bibliographische Angaben

  • ?: Crown, 2014, Titel: '13 . 67', Originalsprache
  • Zürich: Atrium, 2018, Seiten: 576, Übersetzt: Sabine Längsfeld

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Thomas Gisbertz
Mehr als nur ein asiatischer Sherlock Holmes

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Jun 2018

Die Wahrheit zwischen Schwarz und Weiß (2013):

Inspector Lok weiß im Fall des ermordeten Direktors des Fung-Hoi-Konsortiums, Yuen Man-bum, nicht weiter. Daher sucht er den Rat seines alten Mentors Kwan. Allerdings gibt es ein Problem: Der ehemalige Superintendent liegt im Koma - Leberkrebs im Endstadium. Er kann weder sprechen noch sich bewegen. Loks einzigen Hoffnung ist ein EEG (Elektroenzephalogramm), das die Bewegung der Hirnströme aufzeichnet. Mit Hilfe der Apparatur soll Inspector Kwan mit den anderen "kommunizieren" und ihnen auf Ja-/Nein-Fragen eine Antwort geben können. Lok lädt hierzu alle Verdächtige an der Ermordung des Direktors ins Krankenhaus vor. Wird es Inspector Lok durch Unterstützung seines alten Mentors gelingen, den Mörder zu überführen? Es beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel mit einem mehr als überraschenden Ausgang.

Gefangenenehre (2003):

In den frühen Morgenstunden des 5. Januars führt die Polizei unter der Leitung von Inspector Sonny Lok eine groß angelegte Drogenrazzia gegen die Triade Hung-yi Union durch - mit durchschlagendem Misserfolg! Chor Hon-keung, Chef dieser Triade, steht in Verdacht, in zahlreiche kriminelle Machenschaften verwickelt zu sein, ohne dass die Polizei ihm dies bisher nachweisen konnte. Lok hat aber keine Zeit, über die Gründe des Scheiterns nachzudenken, da bereits ein neuer Fall auf seinem Schreibtisch liegt: Candy Ton, aufsteigender Star am Musikhimmel und bei Boss Chor unter Vertrag, wird eines nachts von einer Gruppe Vermummter ermordet. Steckt Yam Tak-ngok, von allen nur Onkel Ngok genannt, dahinter? Wollte der zweite mächtige Triadenchef sich an Boss Chor rächen? Inspector Lok lässt sich auf ein gewagtes Spiel ein und droht zu scheitern - wäre da nicht noch sein Mentor, Inspector Kwan.

Langer Tag (1997):

Seinen letzten Arbeitstag als Leiter der Abteilung B der Hongkonger Polizei hat sich Inspector Kwan sicherlich anders vorgestellt. Ausgerechnet heute gelingt dem Schwerkriminellen Shek Boon-tim die Flucht aus dem Gefängnis. Der Flüchtling sitzt 20 Jahre wegen bewaffneten Raubüberfalls und Entführung ein. Zu allem Überfluss bricht an diesem Tag in Hongkong das Chaos aus: Es kommt zu einem schweren Unfall eines Chemielasters, ein Großhaus gerät in Brand und es wird zum dritten Mal innerhalb eines halben Jahres ein Säureanschlag auf einen Wochenmarkt verübt. Was haben die zwei Kriminellen vom chinesischen Festland, die die Polizei seit kurzem im Auge hat, mit diesen Vorfällen zu tun? Der einzigen, der die Übersicht behält, ist Inspector Kwan. Dem Mastermind ist klar, dass die Ereignisse irgendwie zusammenhängen müssen. Gemeinsam mit seinem Zögling Sonny Lok will er den Fall in wenigen Stunden lösen - bevor er endgültig in den Ruhestand tritt.

Die Waage der Themis (1989):

In dem achtzehnstöckigen Gebäudekomplex der Ka Fai Mansions kommt es bei der Jagd auf den Schwerkriminellen Shek Boon-sing zu einem regelrechten Massaker. Nach tagelanger Observation des Hochhauses durch verschiedene Polizeieinheiten überschlagen sich plötzlich die Ereignisse: Als die Gruppe um Shek und seine Helfer das Gebäude fluchtartig verlassen will, entscheidet sich die Einheit um Inspector Tang Ting, zu der auch der noch unerfahrene Sonny Lok gehört, eigenmächtig zum Zugriff. Während Inspector Kwan alles vom gegenüberliegenden Gebäude per Funk verfolgt, kommt es zu einer wilden Schießerei zwischen Tang Ting und den Verbrechern, bei der zahlreiche Zivilisten sterben. Auch Shek und seine Anhänger sind unter den Opfern. Wie konnte es dazu kommen? Inspector Kwan hegt Zweifel am Ablauf des Zugriffs. Wurden die Verbrecher zuvor von einem geheimen Informanten gewarnt? Sollte beim Zugriff etwas verschleiert werden? Erneut ist der Spürsinn des Masterminds gefragt.

Geborgter Ort (1977):

Stella Hill und ihr Ehemann leben seit drei Jahren in Hongkong. Nachdem sie in England Schulden gemacht haben, erhoffen sie sich einen Neustart in der neuen Heimat. Graham Hill ist dort in leitender Funktion bei der internen Antikorruptionseinheit der Polizei tätig. Derzeit beschäftigt ihn eine Drogenrazzia auf einem Großmarkt, bei dem zahlreiche Verdächtige verhaftet wurden. Diese behaupten, weitere Korruptionsfälle bei der Polizei aufdecken zu können, falls man ihnen Straferlass gewährt. Just in diesem Moment wird Sohn Alfred Hill von einem Unbekannten entführt. Gegen den Willen des Entführers schaltet sein Vater die Polizei um Senior Inspector Kwan ein. Die geplante Geldübergabe gestaltet sich aber als sehr aufwendig. Dies macht Kwan stutzig. Warum betreibt der Entführer einen solchen Aufwand? Wer könnte hinter dem Kidnapping stecken? Plötzlich erkennt der Inspector, dass das wahre Ziel der Entführung gar nicht der Junge ist.

Geborgte Zeit (1967):

Im Laufe der prokommunistischen Unruhen kommt es fast täglich zu Bombenanschlägen in Hongkong. Kwan Chun-dok, damals noch als Streifenpolizist unterwegs, kommt mit Hilfe des Gelegenheitsarbeiters Young Tong auf die Spur einer Gruppe von Aktivisten, die mehrere Anschläge planen. Nachdem die Anschlagsziele ermittelt wurden, scheint man das Schlimmste gerade noch verhindern zu können. Doch Young Tong hegt Zweifel und überzeugt auch Kwan davon, dass die Polizei in eine Falle getappt ist. Doch wo sollen die Anschläge tatsächlich verübt werden und wer ist das eigentliche Ziel? Es beginnt eine wilde Jagd durch Hongkong, bei der sich die Ereignisse plötzlich überschlagen.

Mehr als ein klassischer Kriminalroman

Mit "Das Auge von Hongkong" ist Chan Ho-kei ein Roman der absoluten Extraklasse gelungen. Der in Europa noch weitgehend unbekannte Autor wurde 1975 in Hongkong geboren und arbeitete unter anderem als Computerspiel-Entwickler und Manga-Lektor. Für seine Short Storys wurde er mit dem "Mystery Writers of Taiwan Award" ausgezeichnet. Für seinen ersten Roman gewann er den wichtigsten chinesischen Krimi-Preis. Der Autor gehört mit Sicherheit zu den aufstrebenden Stars der Krimi-Szene.

Chan Ho-kei gelingt ein Kriminalroman, bei dem er das klassisch-kriminalistische mit dem gesellschaftskritischen Genre verbindet. Während der traditionelle Kriminalroman eher auf Rätsel und auf logische Schlussfolgerungen aufgrund von Indizien Wert legt, beschäftigt sich das gesellschaftskritische Format mit dem Zustand einer Gesellschaft und konzentriert sich auf Charaktere und Situationen. Chan Ho-kei bietet in seinem Roman beides - und dies auf beeindruckende Art und Weise. Dem Autor gelingt mit seinem Werk spannende Kriminalliteratur im Wechselspiel mit der Geschichte Hongkongs seit den späten 60er-Jahren.

Besonderheiten der Geschichte Hongkongs

Jede Erzählung spielt zu einem für Hongkong entscheidenden Zeitpunkt in seiner neuzeitlichen Geschichte: Mal stehen die historischen Ereignisse im Mittelpunkt, mal werden sie aber nur am Rande erwähnt. Lediglich die erste Erzählung bietet hier eine Ausnahme. Anstelle einer einfachen, althergebrachten Schilderung von Kriminalfällen ist die Darstellung Chan Ho-keis wesentlich komplexer. Der Roman erzählt gleichzeitig die Geschichte einer fesselnden Persönlichkeit, einer faszinierenden Metropole sowie einer brisanten Ära.

Rückwärtiger Aufbau der Erzählungen

Die Erzählungen in umgekehrter Chronologie zu verfassen, ist zunächst ungewöhnlich, bietet dadurch aber viele Verknüpfungen und Überraschungen, die ansonsten nicht möglich gewesen wären. Auch wenn für den europäischen Leser die Namensgebung der Personen zunächst etwas schwierig ist, sollte man genau auf die einzelnen Figuren und Orte achten. Erst am Ende merkt man, wie die einzelnen Fälle im Gesamten doch zusammengehören.

Faszinierender, aber auch charmanter Ermittler

Mit Kwan Chun-dok gelingt dem Autor einer der interessantesten Ermittler der letzten Jahre. Kwan besticht durch eine Auffassungs- und Kombinationsgabe, die stark an Sherlock Holmes erinnert. Nicht umsonst nennt der Autor chinesische Detektivromane als seine Vorbilder. Zwar ähneln sich beide Figuren in ihrem deduktiven Vorgehen beim Lösen der Fälle, dennoch unterscheidet sich Kwan in seinem Charakter deutlich von seinem englischen Pendant: Statt Egozentrik finden wir bei ihm Altruismus, statt Überheblichkeit Zurückhaltung und statt Selbstinszenierung Bescheidenheit. Das Schöne ist: Liest man die einzelnen Erzählungen aufmerksam, nimmt man nicht nur die Perspektive Kwans ein, sondern entdeckt genauso wie er immer häufiger besondere Auffälligkeiten bei den einzelnen Fällen. Aber zugleich gilt: Immer wenn der Leser denkt, dass er den Fall gelöst hat, sorgt der Autor für eine neue Wendung. Ein pures Lesevergnügen!

Neben Kwans Geschichte geht es vor allem um Sonny Lok, der in die Fußstapfen des Masterminds treten möchte. Ähnlich wie die Figur des Dr. Watson bei Doyle tritt Sonny als Reflektorfigur für den Leser auf. Allerdings entwickelt sich Inspector Lok durch die Arbeit mit seinem Mentor stets weiter, sodass er ihm am Ende fast ebenbürtig ist (vgl. "Die Wahrheit zwischen Schwarz und Weiß"). Erst durch die umgekehrte Chronologie der Erzählungen erfährt man nach und nach, wie er sich von seinem Chef Kwan emanzipiert hat.

Ein absolutes Muss für Krimifans

"Das Auge von Hongkong" ist nicht nur ein atemberaubender Krimi, sondern er erzählt auch die Geschichte einer ganz besonderen Stadt. Man darf sich sicherlich schon jetzt auf die Verfilmung freuen. Chan Ho-keis Erzählstil reißt den Leser sofort mit in die faszinierende Welt Hongkongs und seiner Bewohner. Jede einzelne Erzählung ist in ihrem Aufbau, ihrer Sprache und ihrer Handlung mehr als gelungen. Dabei weist jede Geschichte ihre Überraschungen auf. Selbst auf der letzten Seite des Romans staunt der Leser und wird einiges, was er zuvor gelesen hat, in einem anderen Licht sehen - so wie Inspector Kwan es bei seinen Fällen selber auch immer gemacht hat.

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