Das Geheimnis von Sittaford

Erschienen: Januar 1931

Bibliographische Angaben

  • New York: Dodd, Mead & Company, 1931, Titel: 'The murder at hazelmoor', Seiten: 308, Originalsprache
  • Leipzig: Goldmann, 1933, Seiten: 286, Übersetzt: Otto Albrecht van Bebber
  • München: Goldmann, 1951, Seiten: 218, Übersetzt: Otto Albrecht van Bebber
  • München: Goldmann, 1955, Seiten: 187, Übersetzt: Otto Albrecht van Bebber
  • München: Goldmann, 172, Seiten: 175, Übersetzt: Otto Albrecht van Bebber
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1990, Seiten: 193, Übersetzt: Otto Albrecht van Bebber
  • München: Goldmann, 1997, Seiten: 206, Übersetzt: Otto Albrecht van Bebber
  • Marburg: Verl. und Studio für Hörbuchproduktionen, 2008, Seiten: 6, Übersetzt: Hans Eckardt, Bemerkung: ungekürzt
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2007, Seiten: 206, Übersetzt: Otto Albrecht van Bebber

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Michael Drewniok
Reicher Onkel - geiziger Onkel - toter Onkel

Rezension von Michael Drewniok Okt 2021

Sittaford, ein Dörflein am Rande des englischen Dartmoors, enthüllt landschaftliche Reize eher im Sommer. Deshalb ist Captain Joseph Trevelyan, ein wohlhabender Ex-Offizier, erstaunt über eine Anfrage aus Südafrika: Mrs. Willet will mit ihrer Tochter Violet unbedingt den englischen Winter erleben und sein Landhaus mieten! Die angebotene Summe überzeugt den für seinen Geiz berüchtigten Mann, der solange ins nahe gelegene Exhampton zieht.

In dem gemieteten Haus findet man ihn nach einer seltsamen Séance, zu der Mrs. Willet eingeladen hat: Offenbar meldet sich ein ‚Geist‘ und verkündet Trevelyans gewaltsamen Tod. Tief beunruhigt kämpft sich Major Burnaby, ein Freund Trevelyans, durch den Schnee nach Exhampton durch: Der Captain liegt dort mit eingeschlagenem Schädel.

Inspektor Narracott übernimmt den Fall. Er schaut sich in der übersichtlichen Familie des Verstorbenen nach Verdächtigen um. Es gibt Jennifer, eine Schwester, sowie eine Nichte und zwei Neffen, von denen einer im fernen Australien lebt. James Pearson, der andere Neffe, gerät bald ins Visier der Polizei: Er steckt in finanziellen Nöten, hatte den Onkel am Tag des Mordes besucht und war mit seiner Bitte um ein Darlehen abgeblitzt.

Emily Trefusis, James‘ energische Braut, kann an die Schuld des eher trotteligen Fast-Gatten nicht glauben. Sie begibt sich nach Exhampton, um dort auf eigene Faust zu ermitteln. Zu ihr gesellt sich der Journalist George Endicott, der auf eine Schlagzeile hofft. Planlos, aber mit wachsendem Geschick fragt sich Emily durch, bis sie der Wahrheit und damit dem Täter auf die Schliche kommt …

Die Frauen sind längst am Ruder

„Das Geheimnis von Sittaford“ ist ein Roman der noch relativ jungen Agatha Christie. Bereits erworbene Schriftstellerroutine fließt in einen Krimi ein, der war sehr genreklassisch, aber noch nicht in seinen Mustern erstarrt ist. 1931 waren die „Roaring Twenties“ noch in deutlicher Erinnerung. Hervorgebracht hatte diese Ära u. a. eine Frau, die sich buchstäblich von den alten Zöpfen der Vergangenheit getrennt hatte: „Bubikopf“ nennt Journalist Endicott die leger gekleidete und auch sonst lockere Emily Trefusis, die keine Sekunde daran denkt, die Fahndung nach Captain Trevelyans Mörder der Polizei zu überlassen.

Umgekehrt legt ihr Inspektor Narracott keine Steine in den Weg. Christie liegt ein literarischer „Kampf der Geschlechter“ fern. Sie dokumentiert quasi einen Ist-Zustand, der Tradition und (weibliche) Moderne harmonisch verknüpft. Problemlos übernimmt Emily jene Rolle, die sonst Hercule Poirot oder später Miss Marple innehaben: Sie ermittelt parallel zum Inspektor, mit dem sie freilich im Gedankenaustausch steht. Dass ihr ‚Gehilfe‘ Endicott ein Mann ist, den sie geschickt zu manipulieren weiß, kann nach dem bisher Gesagten nicht mehr überraschen.

Auch in der Schar der Verdächtigen nehmen Frauen prominente Rollen ein. Weit oben stehen Mutter und Tochter Willet, die ausgerechnet im klirrendkalten Winter in ein Haus am Ende der Welt ziehen. Darüber hinaus findet jenes ominöse Tischrücken, das angeblich vom Mord-Tod des Captains kündet, im Rahmen einer Gesellschaft der Willets statt. Zu ihnen gesellen sich weitere Frauen, die sich als potenzielle Mörderinnen in einer männlich dominierten Welt keineswegs an den Rand drängen lassen.

Mörderjagd im Schneetreiben

Auch sonst geizt Christie nicht mit farbenfroh gezeichneten Verdächtigen. Exhampton und Sittaford gehören zu jenen Krimi-Weilern, in denen die Zeit stehengeblieben ist. Es gibt kein Telefon, nur ein Automobil, und hoher Schnee führt dazu, dass man womöglich über Wochen von der Umwelt abgeschnitten ist, was die ideale Umgebung für ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Mörder, Polizei und ‚Privatdetektiv‘ bietet!

Christie nutzt die Landschaft des Dartmoors nicht so bildgewaltig wie Arthur Conan Doyle, aber eine Reminiszenz an dessen „Hund der Baskervilles“ kann sie sich nicht verkneifen. Ansonsten steht weniger die Trostlosigkeit, sondern die isolierte Lage im Vordergrund. Wie so oft geschieht ein Verbrechen, das unmöglich von jenen begangen werden konnte, um die dieser Krimi kreist, weil es dennoch eine Lücke gibt, die selbstverständlich erst nach langwierigen Ermittlungen bzw. ‚zufällig‘ entdeckt wird.

Der Auslöser dieser Auflösung wird - es soll bzw. muss angemerkt werden - nicht gerade elegant ins Spiel gebracht. Was sich daraus ergibt, sorgt aber für zufriedenstellende Erklärungen - das effekthascherische Tischrücken vom Anfang inklusive! Wie es sich für einen ‚fairen‘ Rätsel-Krimi gehört, streut die Autorin diverse Hinweise ins Geschehen, die auf den tatsächlichen Täter hinweisen. Christie sorgt dafür, dass diese ‚Hilfestellungen‘ in einem Wust falscher, fehlgedeuteter und unwichtiger Indizien untergehen. Die Identität des Täters ist jedenfalls eine Überraschung, nachdem Christie bis zuletzt mit der Schuld mehrerer Figuren balanciert - um sich (natürlich) für einen ‚Außenseiter‘ zu entscheiden!

Augen und Ohren sind stets geöffnet!

Eigentlich sollten Verbrecher aus Kriminalromanen lernen, dass sie gerade auf dem scheinbar unübersichtlichen und primär von Trotteln bewohnten Land besonders gefährdet sind. Sie wagen sich auf ein Terrain, dessen (ohnehin eher scheinbare) Ereignisarmut durch die geschärfte Aufmerksamkeit der dennoch Anwesenden aufgewogen wird!

Auf sich konzentrierte Gemeinschaften unterliegen besonders strengen Regeln. Jede/r behält jede/n im Blick, zumal es wenige Ablenkungen gibt. Geheimnisse bleiben meist nur oberflächlich solche, weil der lokale Tratsch sie bewahrt; vor Ort weiß man ihn zu entschlüsseln! Dass Emily Trefusis sich unter Exhamptons und Sittafords ‚Klatschweiber‘ begibt - der Begriff wird übrigens geschlechtsübergreifend verwendet, und Emily trifft in der Tat auf weibliche und männliche ‚Informanten‘ -, ist deshalb ein kluger Schachzug, obwohl es sie zwingt, wertvolle Infos aus dem Wortschutt zu sieben, mit dem sie übergossen wird. Für die Autorin ist dies eine weitere Möglichkeit, die echten Hinweise möglichst unbemerkt einzuflechten.

Auf dem englischen Land leben fast ausschließlich skurrile, beschränkte, ulkige Zeitgenossen, wenn man dem klassischen Krimi Glauben schenken möchte. Dies ist natürlich eine generische Prämisse, um die Aufmerksamkeit der Leserschaft zu wecken und für jene Nebenbei-Unterhaltung zu sorgen, die man rasch höher einschätzt als die doch allzu sehr dem Klischee unterworfenen Liebeshändeln, mit denen solche Krimis oft verschnitten werden. (Zwar ‚liefert‘ Christie auch in diesem Punkt, wartet aber mit einer echten Final-Überraschung auf.) Inspektor Narracott fügt sich unauffällig, aber nicht tatenlos in diese unkonventionelle Ermittlung ein, die auch viele Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung erstaunlich frisch wirkt und unterhält!

„Das Geheimnis von Sittaford“ im Fernsehen

„Das Geheimnis von Sittaford“ wurde 2006 für die zweite Staffel 2 (Folge 4) der britischen TV-Serie „Agatha Christie’s Marple“ verfilmt, was überrascht, da Miss Marple in der Vorlage überhaupt nicht auftritt. Doch auf der Suche nach Krimi-Stoff, den man für neue Fälle der überaus beliebten Privatermittlerin nutzen konnte, stießen die Drehbuchautoren auf den Roman von 1931, den sie - nach mehrheitlicher Ansicht der Kritiker - mehr schlecht als recht umstrickten. Immerhin traten neben Geraldine McEwan als Jane Marple renommierte Darsteller wie Timothy Dalton, Robert Hardy oder Rita Tushingham vor die Kamera.

Fazit:

Dieser frühe Roman präsentiert Agatha-Christie-Unterhaltung noch ohne allzu intensive Krimi-Routine. Die Autorin macht einmal mehr deutlich, dass sie auch ohne ihre Serienfiguren Poirot oder Marple für Spannung sorgen kann: ein auch wegen der neuen Übersetzung ‚frisch‘ wirkendes Lektürevergnügen.

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