Sommernachtstod

Erschienen: Januar 2018

Bibliographische Angaben

  • Stockholm: Forum, 2016, Titel: 'Slutet på sommaren ', Seiten: 372, Originalsprache
  • München: Droemer, 2018, Seiten: 432, Übersetzt: ?

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Annette Wolter
Morbide Spannung und Einblicke in verkrustete Strukturen

Buch-Rezension von Annette Wolter Mär 2018

Der Prolog klingt schon so richtig unheilschwanger. Ein kleiner Junge möchte ein Kaninchen fangen. Er schleicht sich an und erinnert sich dabei an die Tipps seines Onkels Harald. Der ist ein erfahrener Jäger. Der Junge namens Billy ist mutig und scheint vor nichts Angst zu haben. Aber dann kommt nur noch ein verzweifeltes Mama!

Veronika aus Stockholm ist kein Sommermensch mehr

Zeitsprung nach Stockholm in die heutige Zeit. Die attraktive Veronika ist eine Therapeutin für Menschen, die einen lieben Verwandten oder Freund durch Tod, Unfall oder Selbstmord u.a. verloren haben. Trauerarbeit nennt sich das. Das Ganze stellt sich irgendwie verwirrend dar, denn Veronika darf die Menschen nicht alleine betreuen, sondern bekommt einen älteren Herrn namens Ruud zur Seite gestellt.

Veronika hat ein Geheimnis und wahrhaftig ihr eigenes Kreuz zu tragen. Sie ist selbstzerstörerisch und labil. Trinkt zu viel Alkohol und lässt sich mit vielen Typen ein. Kein Wunder, denn die bedrückende Grundstimmung liegt nicht nur über dem Leben im Heimatdorf von Veronika, sondern auch über deren aktueller Lebenssituation.

Anders de la Motte frischer Wind aus Schweden

Der Name klingt italienisch, ist aber schwedisch. Anders de la Motte, geboren 1971, arbeitete mehrere Jahre als Polizist in Stockholm und in der Security-Branche, bevor er Schriftsteller wurde. 2010 erhielt er für sein Debüt "Game" den Preis der Schwedischen Akademie der Krimiautoren. Sein Roman "UltiMatum" wurde 2015 als bester schwedischer Kriminalroman ausgezeichnet. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Malmö.

Interessantes Psychogram über das Leben und Sterben abseits der Schären

Dieses Buch spielt nicht in der zauberhaften Idylle von Pippi-Langstrumpf-Land. Ich finde besonders interessant, wie detailliert und beinah sezierend beschrieben wird, dass ein tragisches Ereignis, wie das Verschwinden des kleinen Billy, die gesamte Entwicklung einer Familie über Jahrzehnte beeinflussen kann. Als ich diese Beschreibungen gelesen habe, hatte ich das Gefühl, dass de la Mottes Krimi autobiographische Züge trägt.

Alles ist trist, traurig und im Buch kommt eine totale Hoffnungslosigkeit zum Tragen. Eine Sehnsucht nach Liebe und Beachtung der großen Kinder durch die Eltern; aber stattdessen absolute Ignoranz. Niemand kann aus seiner Haut, und das geht bei einem halbwegs sensiblen Leser unter die Haut.

Schon der Moment, wo Veronika nach langen Jahren wieder ins Dorf kommt und absolut kalt und wenig herzlich empfangen wird, lässt frösteln. Einzig ihr Bruder schenkt ihr mal eine Umarmung.

Auch ohne Gemetzel gibt es Serienkiller-Spannung pur

"Sommernachtstod" ist aber gleichzeitig auch ein spannender Roman, in dem der Leser die Protagonistin Vera/Veronika auf der verwirrenden und komplizierten Suche nach der Wahrheit begleitet. De la Motte versteht es, den Leser zu fesseln und ihn auf zwei Zeitebenen stets mitfiebern zu lassen. Die damalige Suche nach dem kleinen Billy ist dabei genauso spannend wie die Personen, die an der Suche beteiligt waren und das, was heute aus ihnen geworden ist.

Neben der eigentlichen Tat spielen auch die perversen Gewohnheiten/Besonderheiten einer kleinen, eingeschworenen Dorfgemeinschaft eine große Rolle in diesem Buch. Das spürt auch der Polizeichef, der bei seinen Ermittlungen bestenfalls belächelt, schlimmstenfalls behindert oder sogar bedroht wird.

Vor allem die seltsamen Hierarchien im Dorf und Jagdrituale werden exzellent beschrieben. Das alles könnte in jedem kleinen Kaff passieren. Vor allem als die Polizei eine versteckte Jagdhütte entdeckt, wird mir von dem beschriebenen Geruch von Fleisch und Blut fast schlecht. Gegensätzlich kommt dann der süße Duft der schönsten Rosen vor, die der Vater im Garten züchtet. Die Auflösung des Ganzen ist wirklich eine Überraschung, aber dennoch ist alles einfach schlüssig und stimmig.

Ich habe das Buch an einem Nachmittag verschlungen, konnte es nicht mehr weglegen. Anders de la Motte steht ganz oben auf meiner (Lese-)Liste. "Sommernachtstod" ist ein Krimi, den man kennen sollte. Wer allerdings rasante Thriller liebt, die eher wenig auf die Psychologie der Protagonisten eingehen, kommt zu kurz.

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