Halbschwergewicht

Erschienen: Januar 2018

Bibliographische Angaben

  • München: Piper, 2018, Seiten: 272, Originalsprache

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Sabine Bongenberg
Voll auf die Zwölf

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Mär 2018

Stefano "Lucky" Ferrente erfüllt das Klischee, das so mancher von uns von einem Boxer im Kopf hat. Er ist offenbar nicht der allerhellste. Aber mit den Fäusten kann er was - und schnell ist er auch &Schnell muss er aber auch sein, denn als er endlich seine "Du-kommst-aus-dem-Gefängnis frei"-Karte erhält, schliddert er von einem Schlamassel in den nächsten und er muss um seine Freiheit oder sein Leben rennen. Je nachdem, ob ihn die Polizei oder seine alten Kumpels als erstes erwischen.

Edgar Rai lässt in seinem furiosen Roman um Lucky - dessen Spitzname in scharfem Kontrast zu seinen eigentlichen Befindlichkeiten steht - von Anfang an nicht anbrennen. Er beginnt unvermittelt mit der schwärzesten Stunde in seinem Leben: Der ehemalige Box-Champion hat sich für einen wichtigen Kampf kaufen lassen. Mit diesem Niederschlag beginnt auch der Niedergang unseres unglücklichen Helden, entfremdet der ihn doch von seinem wichtigsten Freund und Mentor und sorgt auch dafür, dass sein Leben anschließend in steiler Achterbahnfahrt nach unten schießt.

Rai braucht nicht einmal sonderlich viel, um die Gefühlswelt seines Helden zu vermitteln. Seine Tränen, als alles verloren ist, als er sich selbst aufgibt, die sagen alles. Lange emotionale Schilderungen sind ohnehin nicht die Sache dieses Buches, und das ist damit eine erfrischende Neuerung im Vergleich zu den Werken, wo jedes Gefühl und jeder Gedanke langatmig zerredet werden muss.

Eine temporeiche und spannend erzählte Geschichte

Im Laufe seiner Flucht durch das herbstliche Berlin sucht Lucky nach den alten Spuren, die ihn seinerzeit unschuldig ins Gefängnis brachten und bringt dabei eine temporeiche und spannend erzählte Geschichte ins Rollen. Unterhaltsam ist dabei auch, dass ihm dabei gelegentlich alte Kiez-Bekannte begegnen, die mittlerweile aus der Sojamilch-aufgeschäumten gentrifizierten neuen Berliner Gesellschaft ihren Nutzen zu ziehen wissen:

"Lucky wedelt mit der Pistole herum&Der Koch setzt die Zange an "Die Knarre kannst du runternehmen, Lucky. Ich bin's Mann. Hamed." Er beäugt die Fußfessel, als fragt er sich, ob er sie lieber lebend oder tot ins heiße Wasser werfen soll. "Willst du ein Sandwich? &Pastrami. Kennst du nicht? Ist 'ne jüdische Spezialität, Mann." Ein Araber als Chef eines jüdischen Feinschmeckerschuppens . Hamed scheint seine Gedanken erraten zu haben, er sagt: "Berlin, Mann."

Der Gegner am Boden - was für ein gutes Gefühl

Dennoch folgt der Leser mit steigender Beunruhigung dem Weg des Helden, häufen sich doch auf dessen Weg genügend Delikte, um ihn schneller wieder ihn den Knast zu bringen, als der durchschnittliche Gast vermutlich besagtes Sandwich herunter geschlungen hat. Trotz dieser Besorgnis bringt es einen aber doch zum Schmunzeln, dass der ehemalige Boxer wirklich nichts auslässt, um sich in Schwierigkeiten zu bringen. Das kurze Lehrstück über die Jura-Studenten, die meinen, einen stotternden Boxer nachäffen zu müssen, gehört damit sicherlich auch zu einer meiner Lieblingspassagen.

Einen zweiten Erzählstrang baut der Autor nach dem neuen Verbrechen um die Ermittlungen der Polizei auf. Er stellt den jungen Ermittler Florian Siebold und seine Chefin Hannah von Engelbrecht vor. Ihnen präsentiert sich anfangs ein augenscheinlich simpler Fall mit einem klaren Tatverdächtigen Nummer Eins. Dieser Teil stellt meines Erachtens den einzigen schwächeren Punkt des Buches dar. Zu geheimnisvoll wird die Figur der Vorgesetzten aufgebaut, zu wenig wird von ihrer Geschichte berichtet, zu wenig erfährt der Leser auch von der Vorgeschichte ihres jungen Kollegen.

Dabei sind die kurzen Erinnerungs-Flashbacks, die bei allen Personen - leider zu selten - auftauchen, die besonders starken Seiten des Buches. Sie erzählen mit einer großen Wärme von einem Berlin, das es so möglicherweise nicht mehr gibt, von skurrilen Persönlichkeiten und von Freundschaft und Treue. Hier schlägt das eigentliche Herz des Buches, und hier wäre es wünschenswert gewesen, mehr über einige seiner Helden und auch Gescheiterten zu erfahren.

Frau von Engelbrecht hält dem Trinker ihren Dienstausweis hin: "Engelbrecht, Kriminalpolizei." Der Mann versucht, die Schrift scharf zu stellen "Das ist natürlich jetzt Gift für die Stimmung", stellt er fest.

Mit dem Fortschritt der Ermittlungen und Luckys zu guter Letzt doch noch zustande gekommenem Plan verlässt der Roman die Realität. Zu phantastisch ist hier die Auflösung, zu unwahrscheinlich auch die Arbeitsweise der beiden Polizisten. Manchmal entsteht der Eindruck, als würde hier ein Großstadtmärchen oder eine Parabel - über Gut und Böse und richtige oder falsche Wege - erzählt. Dennoch muss das auch kein Manko sein, vorausgesetzt ein Märchen ist gut erzählt - und gut erzählen kann Edgar Rai. Aber an einer möglichen realen Umsetzung dürften doch Zweifel angezeigt sein.

Zu guter Letzt schließen sich die Kreise, und auch wenn mancher Leser vielleicht nicht mit allem zufrieden ist und die eine oder andere Lücke sicherlich noch zu stopfen wäre und im richtigen Leben höchstwahrscheinlich nicht funktioniert, bleibt eines: Eine gut erzählte Story über einen Pechvogel, den das Leben gebeutelt und geschüttelt hat.

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