Foresta Nera

Erschienen: Januar 2018

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: Polar, 2018, Seiten: 210, Originalsprache

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Jochen König
Spurensuche im finstersten Wald

Buch-Rezension von Jochen König Mär 2018

Dass die Entnazifizierung in der Bundesrepublik Deutschland bestenfalls halbherzig durchgeführt wurde, hauptsächlich aus politischem und wirtschaftlichem Kalkül, ist kein Geheimnis. Schlimmer noch, die alten Seilschaften funktionierten weiterhin, und viele "ehemals" überzeugte Nationalsozialisten konnten in der jungen Republik ohne Abstriche erfolgreich weiterarbeiten. Gerne in der Justiz. Nicht nur als Anwälte oder Richter, sondern auch im Dienst diverser Strafverfolgungsbehörden.

Meine Ehre heißt Treue

Im der Baden-Württembergischen Grenzregion trifft Hans Cremer, Kommissar der Wasserschutzpolizei, auf weitere ehemalige Angehörige seiner SS-Division, die mittlerweile beim Bundesgrenzschutz untergekommen sind. Manche machten schnell Karriere, andere - wie Cremer - verflüchtigten sich, nicht ganz freiwillig, zur Fremdenlegion, bevor sie wieder in Deutschland Fuß fassten. Vereint wird die Gruppe durch eine komplexe Ermittlung. Junge Frauen werden umgebracht, ein Kunstmaler stirbt unter mysteriösen Umständen, ein französischer Gendarm mischt sich ein, im Hintergrund mischen der BND, der OAS sowie das organisierte Verbrechen auf deutscher und französischer Seite mit.

Die "Boxsportgruppe Süd" als Sammelhort alter Kampfgenossen wird gegründet, es herrscht ein schier unüberschaubares Chaos mit Verbündeten und Gegnern, die kaum auseinanderzuhalten sind. Und dann wird Cremers einstige Einheit radikal dezimiert. Ein Racheengel scheint den Schwarzwald, "Foresta Nera" eben, zu durchstreifen, um die früheren SS-Soldaten gezielt zu eliminieren. Cremer kämpft an vielen Fronten und verliert den Überblick. Er ist nicht der Einzige.

Zudem wird der Kommissar von Erinnerungen an ein brutales Massaker an Frauen, Männern und Kindern geplagt. Seine eigene Beteiligung an den Morden bleibt verschwommen wie die Alpträume, die ihn verfolgen. Doch besteht die Möglichkeit, dass diese Massenexekution Auslöser für die Morde im Jahr 1962 sein könnte. Oder doch etwas ganz anderes? In "Foresta Nera" ist der Wald ein schwarzes Loch, das Geheimnisse, Obsessionen, Verstrickungen und Ränke verschluckt, durchkaut und beizeiten wieder auf unschöne Art ausspuckt.

No One Here Gets Out Alive

Friedemann Hahn, der Maler, schreibt wie er zeichnet. Fragmentarisch, skizzenhaft, voller Symbole, Verweise und abstrakter Figuren. Sein Bild "Foresta Nera" verrät tatsächlich viel über das Romandebüt. Leser*innen sind gefordert sich aus den Bruchstücken, die der Autor anreicht, selbst eine (oder mehrere) Geschichte(n) zu zimmern.

Zeitebenen verschwimmen, geraten durcheinander, Ereignisse werden zu Träumen, die wiederum auf erfahrener Realität beruhen. Figuren besitzen in den Rückblenden andere Namen als in der erzählten Gegenwart, es dauert bis sich Zusammenhänge erschließen, die allerdings auch von fehlerhafteten Erinnerungen, psychotischen Schüben und feiger Verdrängung geprägt sein können. Nichts ist sicher in dieser Welt, die der Faschismus aufbereitet hat und die seine agilen Vertreter weiterhin umpflügen.

Führt manchmal dazu, dass der Roman zerfasert, die Bruchstücke allzu mühsam aufgesammelt werden müssen, sodass die wichtige Erkenntnis, dass Verbrechen der Vergangenheit unweigerlich zu gegenwärtigen Verbrechen führen, etwas beliebig abgehandelt werden. Dabei gelingen Hahn immer wieder großartige, intensive Tableaus und Schilderungen, die atemlos machen und das Verrottete einer Welt, die auf menschenverachtendem Zynismus und Gewinnstreben fußt, in deutliche Worte fasst.

Hänschen klein ging allein

"Foresta Nera" ist kein Roman für Menschen, die sich gerne mit den geschilderten Protagonisten identifizieren möchten. Es gibt keinen moralischen Führer durch eine verderbte Welt, das höchste der Gefühle sind Menschen wie Hans Cremer, deren moralischer Kompass schon vor langer Zeit abhandengekommen ist, die aber wenigstens erkennen, dass am deutschen Wesen die Welt nicht genesen sondern zugrunde gehen wird.

So wandelt der verschachtelte Roman durch einen Schwarzwald, dem jeder Sonnenstrahl, jeder Lichteinfall entzogen wurde. Der zweite deutsche Polar, nach Roland Sprangers "Tiefenscharf", im Polar-Verlag ist eine fiebrige Phantasmagorie, in der die Hölle nicht lodert sondern von schwarzer Kälte durchzogen ist.

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