Stunde der Dunkelheit

Erschienen: Januar 2018

Bibliographische Angaben

  • Kapstadt: Penguin, 2015, Titel: 'Hour of darkness', Seiten: 342, Originalsprache
  • München: Knaur, 2018, Seiten: 443, Übersetzt: Alexandra Baisch

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Jörg Kijanski
Vielschichtiger Kapstadt-Thriller

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Mär 2018

Das Dieu-Donné-Anwesen ist ein hochgesichertes Ressort für reiche Weiße in Constantia. Annette Petroussis beteiligt sich an der Earth Hour, in der weltweit für sechzig Minuten das Licht ausgeschaltet werden soll. Doch die Dunkelheit lockt bekanntlich das Verbrechen an und so bemerkt die junge Mutter zu spät die beiden Personen, die sich bewaffnet Zugang zu ihrem Haus verschafft haben und nun sie und ihr acht Monate altes Baby entführen.

Detective Persephone "Percy" Jonas und Detective Ren Tucker übernehmen die Ermittlungen. Während die Suche nach den Entführten zunächst ergebnislos verläuft, erfahren die Polizisten, dass Severine, die Tochter von Dr. Paula Hamilton, die nur zwei Häuser von den Petroussis entfernt wohnt, ebenfalls verschwunden ist. Die Psychologin Marge Labuschagne, die Severine erst kürzlich behandelte, will bei der Suche helfen und kreuzt dabei immer wieder die Ermittlungen von Percy Jonas.

Eine weitere junge Frau verschwindet plötzlich, Teenager Jos will unbedingt das Graffiti seines Lebens platzieren, Percy und Marge stehen vor scheinbar unlösbaren privaten Problemen und Fred Splinters, der für den windigen Politiker Ricardo Heinrich die Drecksarbeit erledigt, versteht plötzlich die Welt nicht mehr...

Ein intensives Lesevergnügen

Südafrika-Thriller haben zurzeit einen guten Lauf. Immer mehr Autorinnen und Autoren machen den dortigen Platzhirschen wie beispielsweise Deon Meyer ordentlich Konkurrenz. Nach "Kap der Lügen" legt Michèle Rowe ihren zweiten Roman mit der (schwarzen) Protagonistin Percy Jonas vor, die es nach ihrem ersten Fall in das Diep-River-Revier verschlagen hat.

Dabei schlägt ihr nicht nur die Entführung der dreifachen Mutter auf den Magen, sondern zunehmend auch ihr Partner Ren Tucker. Er ist ihr (weißer) Branch Commander und zugleich der Ehemann ihrer direkten Vorgesetzten Dina Martinez. Immer wieder nimmt sich Percy vor, ihre ohnehin nur oberflächliche Beziehung zu beenden, hat Angst, dass Dina davon erfahren könnte. Schließlich ahnt es schon fast das ganze Revier. Psychologin Marge Labuschagne ist erneut mit von der Partie und dürfte für nicht wenige Leser die heimliche Hauptfigur sein, zumindest was die Sympathiewerte betrifft.

Viele Handlungsorte und Erzählstränge

Die Handlung spielt auf zahlreichen Ebenen, die sich ständig abwechseln und obwohl der Plot durchweg spannend geschrieben ist, ist "Stunde der Dunkelheit" kein Pageturner. Dafür wechselt auf den eng gedruckten Seiten zu oft das Geschehen, gibt es zu viele Handlungsorte, zu viele Erzählstränge und natürlich einige Nebenschauplätze. Zahlreiche Stadtviertel Kapstadts werden erwähnt, einige Aussprüche im Original vorgetragen - hier hilft ein fünfseitiges Glossar -, so dass der Roman viel Atmosphäre bietet.

Kapstadt wird mit viel Empathie lebendig dargestellt, wobei die dunklen Seiten überwiegen. Eine Landrückforderung einiger Schwarzer sorgt für erregte Diskussionen, skrupellose Bauherren treffen auf ebensolche Politiker. Das reiche, von Weißen bewohnte Constantia zeigt einen grotesken Kontrast zu den Townships der schwarzen Bevölkerung.

Die Apartheid ist formal vorbei, die BBE-Reglementierung, das sogenannte Broad-Based Black Economic Empowerment fördet Minderheiten, doch die Probleme zwischen Arm und Reich sind geblieben. In der "weißen" Eliteschule bleiben keine Wünsche offen, in den Schulen der Townships sind die (schwarzen) Kinder dankbar, wenn ein Lehrer ihnen ab und an von seinem Gehalt ein Frühstück spendet. Die Ursachen für Gewaltverbrechen jedweder Art sind ständig präsent, die weitere Verrohung der Gesellschaft scheint unaufhaltsam.

"Du bist einer der Cops, die wir für ein neues Land brauchen."
"Wenn das hier ein neues Land ist, wieso ist es dann genauso voller Scheiße wie das alte?"

Der Schmelztigel Kapstadt zieht nicht nur Menschen aller Hautfarben, Religionen und Kulturen an, sondern ist ein weltweiter Hotspot des Verbrechens. Die Abgründe, welche nicht selten selbst unter einer wohlbehüteten Oberfläche brodeln, unterscheiden dabei nicht zwischen den Gesellschaftsschichten.

Wer einen bildgewaltigen, aktuellen Blick auf Südafrika werfen möchte und vor komplexeren Handlungen nicht zurückschreckt, der findet mit Michèle Rowe eine vielversprechende Neuentdeckung, die das Genre des Südafrika-Thrillers zwar nicht neu erfindet, aber doch spürbar bereichert.

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