Die Namen der Toten

  • Penguin
  • Erschienen: Januar 2018
  • Lodnon: Gregory & Company, 2017, Titel: 'All the Lost Ones', Originalsprache
  • München: Penguin, 2018, Seiten: 464, Übersetzt: Stefan Lux
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Thomas Gisbertz
80°

Krimi-Couch Rezension vonFeb 2018

Düsterer Englandkrimi mit interessanten Ermittlern

Sergeant Vega wird bewusst zum "Murder Investigation Team" um DI Daria Rosen geholt, da er vor Jahren bereits im Mordfall des 11-jährigen Tom Healy ermittelt hat, der wie das jetzige Opfer mit einer Bolzenschusspistole hingerichtet wurde. Als Täter nahm Vega den damals 12-jährigen Shane Johnson fest, der erst vor vierzehn Tagen wieder aus der Jugendstrafanstalt entlassen wurde. Dieser kommt aber als Täter nicht in Frage, da er als Teil seiner Bewährungsauflagen einen Sender tragen muss und somit sein Aufenthaltsort immer bekannt ist.

Dennoch ist das Tatmuster zu ähnlich, um von Zufall ausgehen zu können. Es kommen Zweifel auf, ob Johnson damals wirklich der Täter war. Im Rahmen der Ermittlungen erfährt das Team um Rosen und Vega, dass der Vater des Opfers in illegale Geschäfte verwickelt war, für die er zu einer Geldstrafe und zweijähriger Bewährung verurteilt wurde. Hat dies etwas mit der Ermordung Deanos zu tun? Wollten sich ehemalige Geschäftspartner auf diese Weise an ihm rächen? Unklar ist auch, wo sich Deanos älterer Bruder Reese aufhält, den Vega damals im Rahmen der Ermittlungen zum ersten Mordfall als Zeugen befragt hat. Plötzlich gibt es einen weiteren Todesfall und es wird immer klarer, dass der Fall viel weitreichender ist als zunächst angenommen.

Glaubwürdige Ermittler mit Tiefgang

Detective Sergeant Richard Vaga ist sicherlich einer der interessantesten Ermittler der letzten Jahre. Erst nach und nach gewährt Bailey dem Leser einen Einblick in seine Vergangenheit. Dennoch bleibt vieles seiner Vita bis zum Schluss im Unklaren. Vega hat in früheren Jahren als Militärpfarrer gearbeitet und wird während des Falles immer wieder an diese Zeit erinnert. Sein Auftreten ist recht ambivalent: Zum einen erscheint er mitfühlend und gutmütig, zum anderen kann er aber Kollegen gegenüber sehr bestimmend, jähzornig und sogar gewalttätig werden. Seine hilfsbereite Seite zeigt er vor allem gegenüber Cherry, einem drogenabhängigen Mädchen, für welches er fast schon väterliche Gefühle entwickelt und die seit mehreren Jahren bei ihm wohnt.

Besonders ihr familiäres Schicksal scheint Vega sehr zu berühren. Beruflich zeigt er sich dagegen von einer rauen Seite. Er weiß, dass Gefühle und Nachlässigkeiten ihn an der Ausführung seines Berufes hindern. Fehler der Kollegen kann er nicht verzeihen. Sentimentalitäten sind ihm als Ermittler fremd. Wäre da nicht Detective Inspector Daria Rosen, mit der er eine Affäre hatte und von der er nicht loskommt, obwohl er weiß, dass sie ihren Ehemann nicht für ihn verlassen wird. Besonders in dieser Beziehung wird Vegas ständiges Schwanken zwischen Herz und Verstand immer wieder deutlich.

Interessante Nebenfiguren sorgen für reichlich Lesespaß

Dass bei aller Spannung, zuweilen auch Brutalität, der Lesespaß nicht verloren geht, dafür sorgen vor allem die interessanten Nebenfiguren. Da wäre zum einen Constable Zaid Khan, der erst seit Kurzem zum Team gehört und vor allem durch protzige Uhren, Anzüge und verspiegelte Sonnenbrillen auffällt. Obwohl beide anfänglich kaum etwas verbindet und sie sich gegenseitig zum Teil anfeinden, freunden sie sich im Laufe der Handlung mehr und mehr an.

Besonders seine jugendliche Unbekümmertheit und seine saloppe Ausdrucksweise lassen den Leser ebenso oft schmunzeln wie bei Vegas Vorgesetztem, Detective Chief Superintendent Bishop, der aufgrund seiner schnoddrigen Art immer wieder für humorvolle, teilweise sarkastische Spitzen sorgt. Dieser Humor steht im Kontrast zu den Grausamkeiten, mit denen sich die Ermittler herumschlagen müssen. Ähnlich wie die Polizeibeamten scheint der Leser genau diesen Humor und Sarkasmus zu brauchen, um mit der Gewalt innerhalb des Romans umgehen zu können.

Spannend und mit psychologischem Tiefgang

"Der Namen der Toten" ist ein spannender und lesenswerter Roman. Der Leser bekommt nie das Gefühl, dass es sich hierbei um einen Debütroman handelt. Sarah Bailey schafft mühelos den Spagat zwischen detaillierter Beschreibung der Ermittlungsarbeit und den privaten Einschüben aus dem Leben der Ermittler. Mit zunehmender Handlung wird auch deutlich, wie beides immer stärker miteinander verwoben ist und zusammenhängt. Die Autorin gibt den Figuren Zeit sich zu entwickeln, wobei auch Rückblenden das Bild der Figuren immer differenzierter erscheinen lassen.

Der Roman erlangt seine Spannung durch eine Mischung an dunklen Geheimnissen, Gewalt und interessanten Wendungen, die es kaum zulassen, das Buch aus der Hand zu legen. Besonders durch die Ambivalenz der Figuren, deren Verhalten und Aussagen sich zwischen Verzweiflung und Galgenhumor bewegen, glaubt man einen Einblick in das Seelenleben der Ermittler zu erhalten. Dadurch bricht Bailey die Distanz zum Leser auf und lässt ihn mit den Figuren mitfühlen. Dies gelingt ihr immer dann besonders gut, wenn sie dem Leser die Ausweglosigkeit und Hilflosigkeit mancher Figuren vor Augen führt, die ihrem Schicksal nicht entkommen können.

Auch sprachlich weiß Baileys Debütkrimi zu überzeugen. Besonders wenn sie die Figuren ihren beruflichen Alltag reflektieren lässt, gewinnt der Roman an Tiefe. So sagt Vega zu DC Khan: "In diesem Job werden Sie ihren schlimmsten und ihren besten Seiten begegnen. Wir versuchen, ein bisschen Licht in die Finsternis zu bringen, mehr können wir nicht tun. Manchmal ist das genug. Oftmals auch nicht. Aber das muss ich Ihnen nicht erzählen. Sie werden selbst dahinterkommen."

Gelungener Debütroman, der Lust auf Mehr macht

Sarah Bailey hat Kriminologie und Angewandte Psychologie studiert. Beides spürt man mehr als deutlich in diesem Roman. Die polizeiliche Ermittlungsarbeit wird ebenso detailliert beschrieben wie die Psychologie der Figuren. In der Darstellung der polizeilichen Arbeit hebt sich die Autorin wohltuend von so manchem Regional- oder Inselkrimi ab. Ja, der Krimi ist düster und auch stellenweise brutal, er erscheint aber immer realistisch und verliert sich nicht in Gewaltorgien. Ein guter Krimi nach englischer Tradition. Wer Ian Rankin, James Oswald oder Stuart MacBride mag, liegt auch hier richtig. Man darf sich schon jetzt auf die nächsten Fälle des "Murder Investigation Teams" freuen.

Die Namen der Toten

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