Nina und das Meer

Erschienen: Januar 2002

Bibliographische Angaben

  • Stockholm: Bonnier, 1999, Titel: 'Nina och sundet', Seiten: 269, Originalsprache
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2002, Seiten: 319, Übersetzt: Regine Elsässer

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Peter Kümmel
Verlangt dem Leser viel Aufmerksamkeit ab

Rezension von Peter Kümmel Sep 2003

 

"Ein Breugheltag, dachte Peo, als er den Vorhang zur Seite zog und über den Park schaute. Es war Ende März, die Sonne schien von einem blauen Himmel, der aussah, als wollte er die ganze Welt umarmen."

 

So beginnt Fredrik Ekelund seinen Roman "Nina und das Meer". Gar nicht die gewohnte Schreibweise der Mehrzahl der skandinavischen Kriminalautoren mit den kurzen prägnanten Sätzen. Nein, Ekelund erzählt sehr ausführlich, oft ausschweifend, insbesondere im ersten Teil des Buches, den sehr lange Absätze auszeichnen. Dabei nimmt sich der Autor enorm viel Zeit, seine äußerst vielschichtigen Charaktere sehr detailliert und bildhaft darzustellen.

 

"Sein Gesicht erinnerte an ein Gürteltier, und die Ringe unter den Augen waren so tief wie Autospuren im Matsch. Er hatte einen Stiernacken, einen wässrig blauen Blick, den nur seine besten Freunde einfangen konnten, über der rechten Wange hatte er eine lange Narbe...."

 

So wird Inspektor Jönsson, der die Ermittlungen im Fall Ulander leiten soll, in die Handlung eingeführt.

Doch erst einmal von Vorne: Die Leiche des Finanzberaters Gabriel Ulander wird in einem gestohlenen schwarzen BMW mitten in Malmö entdeckt. Man vermutet, dass Geldeintreiber für seinen Tod verantwortlich sind, wobei sich die Polizei nicht sicher ist, dass sein sein Tod überhaupt beabsichtigt war. Ulander wurde betäubt und ist dann erstickt.

Zwei Monate später wird Adrian Palmfeldt an der gleichen Stelle wie zuvor Ulander tot aufgefunden, ebenfalls im Kofferraum eines schwarzen BMW. Nun beginnt man nach Zusammenhängen zwischen den beiden Geschäftsleuten zu suchen. Diese findet man bei der Firma Lime AB, wo beide Herren gleichzeitig im Vorstand waren. Man beginnt in dieser Richtung weiter zu forschen und stösst auf eine Serie von Todesfällen, hervorgerufen durch den krebserregenden Stoff Asdixin. Außerdem erregt ein Schadenersatzprozess, den eine Witwe führte, nachdem ihr Mann bei einem Betriebsunfall getötet wurde, die Aufmerksamkeit der ermittelnden Beamten.

Daß den beiden Morden wohl noch weitere folgen sollen, wird klar, als der Kriminalreporter Peo Lindgren seinem Freund, dem Kriminalinspektor Hjalle Lindstöm, mitteilt, welche Nachricht er auf seinem Anrufbeantworter vorgefunden hat; eine Frauenstimme hinterließ nur den einen Satz: "Vier weniger zwei macht zwei".

Ekelund hat seinen Roman in drei Teile untergliedert, von denen die ersten beiden jeweils ein Viertel des Gesamtumfangs enthalten, der dritte Teil umfasst dann die komplette zweite Hälfte.

Der zweite Abschnitt wird aus einer völlig anderen Sicht beschrieben. Im Mittelpunkt stehen hier zum einen die ominöse Nina, zum anderen Katrin und ihre Tochter Karen. Die Mutter ist eine alkoholsüchtige Prostituierte, die Tochter versucht, sich von ihr zu distanzieren, wird jedoch hauptsächlich durch den Ruf der Mutter und das soziale Umfeld mit in den Sog hineingezogen. Dem Leser stellt sich die Frage, welche Rolle Nina dabei spielt. Welchen Bezug hat Nina zu Mutter oder Tochter?

Man erfährt zwar im zweiten Abschnitt schon, wer der Mörder ist, doch tut dies der Spannung keinen Abbruch, denn noch viel zu vieles bleibt unklar. Erst im letzten Teil bemerkt man, wie der Autor mit dem Leser spielt. So nach und nach kristallisieren sich erste Zusammenhänge heraus. Man merkt erst relativ spät, dass in den einzelnen Szenen nicht nur Ort und Personen, sondern auch die Zeiten ziemlich aprupt wechseln. Es wird deutlich, dass Ekelund geschickt meist die Nennung von Jahreszahlen oder Altersangaben vermeidet, so daß man erst sehr langsam Verbindungen knüpfen und Fäden entwirren kann.

Was auffällt, sind die vielen Namensähnlichkeiten. Da gibt es Lindgren und Lindström, Nielsen und Nilsson, Katrin und Karen, Tine und Trine, Martinsson und Magnusson, die meist sogar in direktem Zusammenhang zu finden sind. Vermutlich sogar absichtlich eingebaut, um die Aufmerksamkeit des Lesers zu fordern oder aber mit zur Verwirrung beizutragen.

Auffällig ist weiterhin, dass der Autor keinen Protagonisten herausbildet. Scheint es zu Beginn so, dass dem Journalisten Peo diese Rolle zugedacht ist, so verliert sich dessen Rolle im Verlauf der Handlung immer mehr. Aus diesem Charakter wäre wesentlich mehr herauszuholen gewesen. Ebenso verhält es sich mit Hjalle. Er tritt nie so in den Vordergrund, dass sich der Leser mit ihm identifizieren könnte. Den Frauenfiguren, die im Mittelteil zutage treten, ist mehr eine Opferrolle zugedacht.

"Nina und das Meer" ist einer dieser Romane, wo Täter- und Opferrolle sehr eng verknüpft sind und man dem Täter gegenüber viel Verständnis aufbringt. Es ist ein Sozialdrama mit tiefgehender Handlung, dem jedoch die richtigen Spannungsmomente etwas fehlen.

Ekelund hat mit einem sehr intelligenten Aufbau einen ungewöhnlichen und überaus interessanten Kriminalroman geschaffen, der seinem Leser viel Aufmerksamkeit abverlangt.

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