Blutschatten

  • Blessing
  • Erschienen: Januar 2018
  • New York: Bantam, 2017, Titel: 'Two nights', Seiten: 324, Originalsprache
  • München: Blessing, 2018, Seiten: 400, Übersetzt: Heike Schlatterer
Blutschatten
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Annette Wolter
75°

Krimi-Couch Rezension vonJan 2018

Kann Sunday Night mit Tempe Brennan konkurrieren?

"Die Nachbarin zu meiner Rechten hält mich für verrückt und bringt mir deshalb Käse." Ein genialer erster Satz. Leider hat der Verlag den englischen Titel "Two Nights" ín "Blutschatten" geändert. Die Heldin heißt Sunday Night und der Name ist für den Verlauf der Geschichte wichtig.

Exzentrik par excellence

Genauso außergewöhnlich wie ihr Name, ist auch Sundays Verhalten. Dass Sunday eine Waffennärrin ist, ungeschminkt rumläuft, aber schwarzen Nagellack trägt (fehlt noch, dass ihre Nägel abgekaut sind) ist zu vernachlässigen. 

Aber: Die rothaarige, 183 Zentimeter große und dünne junge Frau ist eine ziemlich paranoide Exzentrikerin. Der Leser bekommt einen Teil der Geschichte um Sunday gleich zu Beginn des Buches serviert, und muss sich nicht allzu sehr wundern. 

Trotz oder wegen ihrer Traumata kommt Sunday leicht zickig und unsympathisch rüber. Auf jede noch so harmlose Frage gibt es eine unverschämte oder bestenfalls sarkastische Antwort. Sie erinnert mich irgendwie an Carrie Mathison aus der Fernsehserie "Homeland". Auch die drückt ihren Willen immer völlig irrational durch. Fast immer mit Erfolg.

Machen Traumata, Alkohol und Drogen einen Menschen zum guten Ermittler?

Erstmal scheint es nicht so: Sunday Night wurde in Unehren aus dem Militärdienst entlassen und auch ihre spätere Karriere bei der Polizei endete wegen eines tödlichen Schusses zur persönlichen Verteidigung desaströs - Innendienst oder Ausscheiden waren die Optionen. Sunday entschied sich für Letzteres.

Nun hat sich die von Geistern und Dämonen der Vergangenheit gepeinigte junge Frau nach "Goat Island" vor der Küste South Carolinas in eine Art Einsiedlerdasein zurückgezogen. Da ihr Ziehvater Beau (selbst Polizist) dieses selbstgewählte Exil auf der Felseninsel für äußerst ungesund hält, vermittelt er ihr den Auftrag einer wohlhabenden Witwe, die ihre Tochter und einen Enkel bei einem heimtückischen Bombenanschlag vor einer jüdischen Schule verloren hat, und nun über Erkenntnisse verfügt, dass ihre Enkelin Stella (deren Leiche man nicht fand) wahrscheinlich am Leben und in der Gewalt der Attentäter ist.

Kathy Reichs wird ihre Erfolgsgeschichte mit Sunday Night fortsetzen

Nach 18 Romanen um die forensische Anthropologin Tempe Brennan hat Kathy Reichs mit dem im amerikanischen Original im Juli 2017 erschienenen "Two Nights" eine völlig neue Heldin kreiert, über deren ihr Leben prägende traumatische Jugenderlebnisse im Verlauf der Handlung bruchstückhafte Informationen eingeflochten sind. Wiederum entwickelt Kathy Reichs in der Beschreibung von Menschen und Situationen geniale sprachliche Bilder. Die zunächst eher gemächlich wie in einem Detektiv-Roman beginnende Handlung entwickelt bald eine höhere Dynamik bis hin zum nahezu atemlosen und schockierenden Finale.

Opaline Drucker und Jules Oliphant

Sunday besucht die arrogante und bösartige alte Dame Opaline Drucker und nimmt den Auftrag widerstrebend an. Der Name Opaline Drucker ist absolut Programm. Ein Südstaaten-Haushalt in Charleston wie gemalt: Eine schwarze Hausangestellte empfängt Sunday, es gibt viel Gold und Marmor im Haus - und süßen Eistee.

Hier wundere ich mich wirklich, warum die alte Hexe überhaupt am Schicksal dieses 15-jährigen Mädchens interessiert ist. Als sie ihre Enkelin Stella beschreiben soll, fragt sie, ob Sunday den Ausdruck des "traurigen Clowns" kennt. Beim jovialen Anwalt Jules Oliphant gibt es anschließend spärliche Informationen, Spesen und Fachsimpelei über Schusswaffen.

Sinatras "Toddling Town" Chicago: Ein gefährliches Pflaster?

Von da an nimmt die Story rasant an Fahrt auf. Sunday wird gleich im Hotel Ritz in Chicago mehrfach überfallen, weiß sich aber zu wehren. Sie bekommt dann auch überraschend Unterstützung, von einem attraktiven Afro-Amerikaner namens Gus, den sie als ihren Bruder bezeichnet. Das ungleiche Duo beschattet und verfolgt mal eine zwielichtige junge Frau, schießt um sich, sitzt in Fast-Food-Restaurants und liefert sich semi-witzige Wortgefechte.

Von Chicago geht es nach Los Angeles, wieder retour - und schließlich endet alles in Kentucky beim Showdown während eines berühmtesten Pferderennens mit einem doch überraschenden Finale. Ich fand die Story sehr ansprechend und spannend; wären die Figuren eingehender charakterisiert worden, würde der Krimi noch gewinnen.

Serien-Auftakt lässt noch viel Raum für Entwicklung

Da es der Auftakt einer Serie ist, wird Kathy Reichs uns sicher und hoffentlich viel tiefer in die Psyche von Sunday Night eintauchen lassen. Da ist noch viel Raum. Die Beschreibung der einzelnen Bundesstaaten und Bewohner ist gelungen.

Ich konnte die Atmosphäre von Chicago, Kentucky, LA und sogar "Goat Island" nachspüren. Die Charaktere werden treffend beschrieben. Da der ölige, braungebrannte Anwalt, hier die Polizisten ("Dumm und Dümmer"), die den Fall so ziemlich verbockt haben, dort eine naive Mitwisserin. Kathy Reichs versteht ihr Metier.

Das Ende ist sehr interessant. Es gibt eine Entwicklung, die den sonst vorhersehbaren Plot noch etwas aufmischt. Leser, die Tempe Brannen gewohnt sind, werden sich vielleicht am Anfang schwer tun. Nebenbei: Ich habe auch etwas über Edgar Allen Poes Lieblingspub gelernt, der sich ganz in der Nähe von Sundays Homebase befindet.

Kleine Minuspunkte: Die Koketterie mit den Waffen nervt mich total. Sunday behandelt "Glock" und "Beretta" wie ihre kleinen Babys. Hier bin ich nicht sicher, ob Reichs die amerikanische Einstellung zu Waffen kritisieren oder eine Law&Order-Politik verteidigen möchte. Ich glaube, ich habe mal ein Tempe-Brennan-Buch beiseite gelegt, weil sie extrem mit der Todesstrafe geliebäugelt hat. 
Ein Cop braucht eine Waffe, ein Killer ein Beil, ein Messer oder was immer. Trotzdem: Im Krieg und im Krimi ist - nicht - alles erlaubt.

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