Das Grab unter Zedern

Erschienen: Januar 2018

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Ullstein, 2018, Seiten: 320, Originalsprache

Couch-Wertung:

80°
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Kirsten Kohlbrei
Rechtsmedizin mediterran

Buch-Rezension von Kirsten Kohlbrei Jan 2018

Es ist Ende Juni, und die Hochsaison in der Provence steht vor der Tür, als die Nachricht über die Entlassung Paul Simons den Badeort Le Lavandou in Aufregung versetzt. Simon wurde einige Jahre zuvor als Mörder seiner Tochter Amélie verurteilt, nun aber vom Berufungsgericht in Toulon aus Mangel an Beweisen freigesprochen - und ist zurückgekehrt. Für den Großteil der Einheimischen bleibt er jedoch der Täter, und auch in den Reihen der Polizei, die nun in wieder aufgenommenen Ermittlungen den wahren Schuldigen überführen soll, herrscht Misstrauen.

Le Lavandou, das ist auch die Wahlheimat des deutschen Rechtsmediziners mit französischen Wurzeln, Dr. Leon Ritter. Nach seinem Weggang aus Deutschland ist er an der Côte d'azur privat und beruflich gut angekommen. Der neue Job als Leiter der Rechtsmedizin einer südfranzösischen Provinzklinik gefällt ihm.

Und obwohl ihn die Erinnerung an seine tote Frau noch nicht wirklich loslässt, hat er sich mit der Beziehung zu der stellvertretenden Polizeichefin Capitaine Isabelle Morell auch emotional auf einen Neuanfang eingelassen.

Leon Ritters Ermittlungen deuten auf einen Mord hin

Ritter distanziert sich zunächst von jeglicher Vorverurteilung des Freigesprochenen, wird aber auch beruflich in den Fall Simon involviert, als am Strand ein Toter gefunden wird. Da eigentlich nichts die Urlaubsstimmung der Touristen trüben soll, möchte der Polizeichef Zerna, Isabelles Vorgesetzter, das ganze nur zu gerne als Unfall darstellen. Er reagiert auf Leons Untersuchungsergebnisse, die auf einen Mord hinweisen, wenig begeistert.

Dass seine erfolgreichen, aber unorthodoxen Ermittlungsmethoden dem Einzelkämpfer Leon nicht nur Befürworter, sondern auch Neider und Kritiker bescheren, erfährt er deutlich, als ihm von seinem Klinikleiter ein karrierebewusster Kollege als Partner zugeteilt wird, der ihn seiner Meinung nach in seiner Arbeit eher behindert, als unterstützt. Unbeeindruckt von jeglichen Störungen folgt der deutsche Médicin Légiste allerdings unbeirrt seiner Intuition.

Todesfälle und dunkle Boten der Vergangenheit erschüttern die Sommeridylle

Ein mysteriöser Knochenfund führt ihn auf die der Küste vorgelagerten Insel Porquerolles und als es zu weiteren Todesfällen kommt, zeigt sich, dass die Aufklärung in der Gegenwart nicht ohne die Klärung lang zurückliegender, düsterer Ereignisse erfolgen wird. Wenn Leons Verdacht sich bewahrheitet, droht von einem früheren Täter höchste Gefahr, und nur schnelles Handeln kann Leben retten. Gegen alle Widrigkeiten und Widersacher beginnt mit Isabelles Unterstützung ein Wettlauf gegen die Zeit.

Remy Eyssen schickt seinen wissenschaftlichen Ermittler nun schon zum vierten Mal auf Verbrechersuche. Aber auch für neue Leser funktioniert der Einstieg in die Ritter-Reihe problemlos. En passant liefert der Autor fehlende Informationen und verleiht seinen Hauptcharakteren mehr und mehr Kontur.

Im Alltag ist der deutsche Docteur beliebt bei den Einheimischen, als Gast in seinem Stammbistro "Chez Miou" oder als Mitspieler auf dem Boule-Platz. Zudem beleben weitere charakteristische Personen die Handlung: Isabelles aufmüpfige Teenager-Tochter Lilou, der Veteran der Fremdenlegionär Jean-Claude, die Wahrsagerin Pilar sind da nur einige Beispiele.

Spannung trifft auf das provenzalische Savoir-Vivre

In Kombination mit Komponenten des Savoir-Vivre - dem Café im Bistro, dem "Chillen" beim Glas Rosé im eigenen Weinberg, dem Pastis zwischendurch und den unaufdringlichen Beschreibungen der provenzalischen Landschaft - entsteht ein Gesamtbild, das den Leser die mediterrane Atmosphäre regelrecht wohlig spüren lässt: Sommerhitze, Gesang der Zikaden, Korkeichen und glitzerndes blaues Meer. Die atmosphärische Darstellung korrespondiert mit der Handlung, wenn im wahrsten Wortsinn Sturm an der Küste aufkommt, als sich die Geschehnisse dramatisch zuspitzen. Es kühlt ab, es regnet und der Levant türmt meterhohe Wellen auf.

Eyssens schreibt kurze Kapitel mit knappen Dialogen. Ein zuweilen etwas holpriger Sprachstil wirkt sich auf den Lesefluss nicht zu störend aus. Durch den Prolog und Einschübe aus der Perspektive des nicht genannten Täters bekommt der aufmerksame Leser relativ früh erste Hinweise auf den Schuldigen, kann Leon bei seinen Ermittlungen über die Schulter schauen und selber Verdächtigungen anstellen. Dabei streut Eyssen so manche Spuren, die in der Sackgasse enden.

Im vermeintlichen Paradies lauern unter der Oberfläche düstere Wahrheiten

Nachdem die Handlung lange Zeit ruhig dahinplätschert, fügen sich zum Ende die Ergebnisse wie Mosaiksteinchen zueinander. Die Ereignisse für das Ermittlergespann überstürzen sich dann zwar etwas, aber es bleibt überraschend bis zur letzten Seite.

Auch wenn eine vergleichbare Geschichte im Krimi und schlimmer in der Wirklichkeit nicht neu ist, gelingt Eyssen eine Variante mit gelungenem Spannungsbogen. Dabei bedient er sich gleichermaßen der Elemente eines Wohlfühlskrimis, als auch realistischer Gesellschaftsabbildung.

Letztendlich zeigt er, dass auch im vermeintlichen Paradies unter der Oberfläche düstere Wahrheiten lauern, die aufgedeckt erschreckende Ausmaße annehmen können. Einer Realität, der sich der Einzelne nicht verschließen kann und darf.

Die Provence als Krimi-Schauplatz boomt und da ist "Das Grab unter Zedern" eine gute Wahl, als unterhaltsame, aber nicht seichte Lektüre für den Frankreich-Reisenden oder die Daheimgebliebenen: Oui, c' est bon. D'accord!

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