Teuflische Saat

Erschienen: Januar 2018

Bibliographische Angaben

  • Kapstadt: Zebra, 2014, Titel: 'Devil’s harvest', Seiten: 266, Originalsprache
  • München: btb, 2018, Seiten: 320, Übersetzt: Mechthild Barth

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Annette Wolter
Verbrannte Erde im Jenseits von Afrika

Buch-Rezension von Annette Wolter Jan 2018

Der Prolog beginnt mit einem Angriff auf ein Dorf, das in der westlichen Welt wohl keiner kennt: Northern Bahr al-Ghazal im Südsudan. Alle haben panische Angst vor Al Babre.

In Bristol versucht der Dozent Gabriel Cockburn, der in seinen Luxusproblemen nur so schwelgt, in die Arbeit zu kommen. Eine Schlägerei bringt ihn völlig aus dem Konzept. Er grübelt ständig über Dinge nach, wie sein eigenes Leben durch einen Schicksalsschlag (z.B. Tante wird vom übergewichtigen Ehemann beim Sex niedergedrückt, und der bekommt dann einen Herzinfarkt) für immer extrem verändert werden könnte.

Gabriel ist Wissenschaftler am Botanischen Institut, in den mittleren Jahren, seine Ehe ist am Ende und von seiner Frau wird er, nicht nur betrogen, sondern sogar beim Joggen gedemütigt. Bei einer Vorlesung bekommt er plötzlich einen "Ständer" und möchte über eine Studentin herfallen. Dann die Demütigung: Sie ist nicht attraktiv genug. Ein unauffälliger Mann in der Midlife Crisis. Entbehrt nicht gewisser Komik. Aber: Er wird manipuliert.

Cockburn möchte sich in der Wissenschaft positionieren

Cockburn möchte unbedingt einen Professorentitel, und er lässt sich von einem Afrikaner aus dem Nordsudan überreden, eine Reise zu machen. Dieser Afrikaner hatte auch die Szene mit der Studentin beobachtet. Ohne diese Demütigungen hätte Cockburn diese Forschungsreise nach Afrika niemals unternommen. Damit weckt er das Interesse von bösen "Mächten".

Andrew Brown, 1966 in Kapstadt geboren, war während der Apartheit in der United Democratic Front aktiv und wurde mehrfach in Haft genommen.

Eine mehrjährige Gefängnisstrafe konnte durch ein Berufungsverfahren am Cape High Court abgewendet werden. Am selben Gericht ist Andrew Brown inzwischen als Anwalt tätig. Als Reservepolizist ist er jede Woche auf den Straßen Kapstadts unterwegs und in den Townships im Einsatz.

"Schlaf ein, mein Kind" wurde mit dem wichtigsten Literaturpreis Südafrikas ausgezeichnet und stand in Deutschland auf der Krimi/Welt-Bestenliste. Sein Roman "Würde" war auf der Shortlist für den renommierten Commonwealth Writer's Prize. Andrew Brown gilt als neue Stimme in der Literatur Südafrikas. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

Der Südsudan, jüngster Staat der Welt mit blutiger Vergangenheit und ungewisser Zukunft, ist der Schauplatz des Thrillers "Teuflische Saat". Denn gerade dort gilt es für die Briten in der Operationszentrale in Lincolnshire Beweismittel für eine Drohnenoperation aus der Welt zu schaffen, die Großbritannien international kompromittieren könnte. Einer der Luftwaffenoffiziere - George Bartholomew - steht kurz vor der Rente, leidet unter Flatulenzen und mauschelt mit den Fremdmächten herum. Hauptpunkt ist tatsächlich, wie er eine Toilette finden kann.

Schon im Flieger möchte Cockburn umkehren

Der Südsudan hat sich in langen und blutigen Kämpfen vom islamischen Nordsudan abgespalten und ist der jüngste unabhängige Staat der Welt. Cockburn steht schon in der Hauptstadt Juba völlig neben sich und erregt in dem von Gewalt und ethnischen Konflikten zerrissenen Land absolute Aufmerksamkeit. Die Suche nach der Pflanze führt Cockburn in den Norden, nahe der Grenze zum Sudan, von dem sich der Südsudan 2011 nach jahrzehntelangem blutigem Bürgerkrieg abgespalten hat.

Im ölreichen Bundesstaat "Unity" mag offiziell kein Krieg mehr herrschen, die Macht der Milizen ist aber ungebrochen, wie Cockburn auf die harte Tour lernen muss. Als Übersetzerin begleitet ihn die Südsudanesin Alek, die ihn mit spöttischer Distanz behandelt und, wie Gabriel zunehmend dämmert, auf der Reise ihre eigene Agenda verfolgt.

"Das ist Afrika!", ist ein beliebter Spruch bei den Expats, wenn in Ländern, wie dem Südsudan, etwas nicht klappt. Leider gibt es Länder, da liegen herbe Schönheit und das Grauen, Menschlichkeit und Gewalt eng nebeneinander. Länder wie den Südsudan, Somalia, Zentralafrikanische Republik, Kongo Kinshasa, wo jahrelange Gewalterfahrung Krieg und Brutalität für die örtliche Bevölkerung zum Alltag gemacht hat. Länder, wo Neuankömmlinge aus der westlichen Wohlstandsgesellschaft völlig geschockt sind. Auch in der Heimat Browns -Kapstadt- möchte ein Westler wohl nicht durch die so genannten "Flats" wandern (Townships unterhalb des Tafelbergs).

Afrika weit entfernt von den Erfahrungen von Safari-Touristen

Brown hat nicht nur einen spannenden Thriller über ein Land als Spielball der Mächte geschrieben, er zeichnet auch glaubwürdig und überzeugend die Entwicklung des leicht weltfremden Wissenschaftlern, der mit einem Übermaß an Realität weit außerhalb des bisher Gekannten konfrontiert wird.

Brown zeigt ein Afrika weit entfernt von den Erfahrungen von Safari-Touristen. Der Lernprozess Cockburns ist auch eine Anklage gegen die stumpfe Gleichgültigkeit, mit der die internationale Öffentlichkeit den Südsudan und andere Länder in Afrika behandelt.

Gabriel fühlt sich letztlich überall gedemütigt und verarscht. Bei einer Runde mit viel Alk, Nutten und einem südafrikanischen Söldner, der ihn "Boetje" nennt, würde er am liebsten mit einer der armseligen Crackhuren ins Bett gehen. Dafür hasst er sich selbst. Er tut es dann er doch nicht. Das zieht sich immer wie ein roter Faden durch die Handlung. Einzig die Reise weicht vom Muster ab. Brown beschreibt den eitlen, selbstgefälligen und ignoranten Menschen Cockburn meisterhaft. Die Reiseschreibung, ohne die Krimihandlung, hat schon einen Preis verdient.

Ein intelligenter Krimi mit berechtigter Sozialkritik

Dieses Buch hat mich sehr beschäftigt. "Teuflische Saat" bietet weitaus mehr als spannende Unterhaltung. Das Buch zeigt - ohne den erhobenen pädagogischen Zeigefinger - ein düsteres und leider realistisches Bild von der brisanten Lage im Südsudan. Ich werde auch die andern Bücher von Brown lesen. Ich kann mir vorstellen, dass nach der Lektüre dieses Krimis mehr Menschen Interesse an diesem gebeutelten Land zeigen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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