Club Kalaschnikow

Erschienen: Januar 2002

Bibliographische Angaben

  • Moskau: Eksmo, 1998, Titel: 'Место под солнцем', Seiten: 540, Originalsprache
  • Berlin: Aufbau, 2002, Seiten: 445, Übersetzt: Margret Fieseler
  • Berlin: Aufbau, 2003, Seiten: 445
  • Berlin: Aufbau, 2007, Seiten: 445

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Thomas Kürten
Ein exquisiter Club von Neureichen

Buch-Rezension von Thomas Kürten Sep 2003

Gleb Kalaschnikow, der seinen Namen nicht vom gleichnamigen Waffenkonstrukteur, sondern von einem berühmten russischen Schauspieler geerbt hat, besitzt in Moskau unter anderem ein Spielcasino und ein Balletttheater, in dem seine Frau Katja Orlowa als Prima Ballerina der umjubelte Star ist. Mit den hohen Einnahmen aus dem Casino subventioniert er das Theater und kann trotzdem in Saus und Braus leben; Kontakte zur Mafia liegen auf der Hand. So glaubt zunächst auch die Moskauer Miliz an einen Auftragskiller, als Gleb spätabends nach einer gefeierten Premiere vor der eigenen Haustür in den Armen seiner Frau erschossen wird.

Aber obwohl der Mafioso Täuberich bereits seine Leute in Glebs Casino platziert hat und sich nach dem Mord erst mal aus dem Staub macht, gibt es auch Anzeichen, die für eine andere Variante sprechen. Gleb führte ein sehr ausschweifendes Leben mit einer gefährlichen Kombination aus zu vielen Affären und zu viel Alkohol. Eine Gefahr für Valera Lunjok, Glebs Paten, dass der gute im Suff etwas zu viel ausquatscht? Gerade erst hatte Olga Guskowa, eine bildhübsche junge Studentin, enttäuscht ihre Beziehung zu Gleb beendet, da er sich unter keinen Umständen von seiner Frau Katja trennen wollte. Aber ist die Trennung wirklich so schmerzlos abgelaufen, wie es zunächst den Anschein hat? Als die Tatwaffe auftaucht, scheint alles gegen die Studentin zu sprechen: Es ist eine Armeepistole, die Guskowas Eltern in Anerkennung ihrer Leistungen im Afghanistankrieg erhalten hatten.

Mit Papier und Bleistift lesen

Polina Daschkowa schildert im Club Kalaschnikow nicht einfach nicht einfach ein Verbrechen und seine Aufklärung, sondern baut bei jeder einzelnen Figur eine ganz persönliche Schicksalsgeschichte auf. So werden dem Leser nicht nur Gewinner und Verlierer von Glasnost und Perestroika präsentiert, werden nicht nur die gesellschaftlichen Veränderungen im Großraum Moskau dargestellt. Nein, ganz nebenbei verflechtet die Autorin die Einzelschicksale und so entstehen Beziehungen zwischen beinahe allen auftretenden Figuren über gemeinsame Freundeskreise, verbotene Affären, Geschäfte und weitere Berührungspunkte. Und wenn man nicht mit absolutem Enthusiasmus beginnt, das Buch zu lesen, dann mag man schnell dazu neigen, den Kopf über die allzu weit reichenden Vergangenheitsschilderungen zu schütteln.

Doch genau wird Club Kalaschnikow interessant. Während im ersten Viertel auch der Leser noch im Glauben gelassen wird, die Mafia könnte hinter dem Mord stecken (da auch bei den auftretenden Mafiosos dieses Vergangenheitsspielchen getrieben wird), wächst mit Fortgang der Handlung mehr und mehr die Vermutung, der Täter müsse aus dem näheren Umfeld des Toten stammen. Wer solch verzwickte Romane mit Papier und Bleistift liest, sich die Beziehungsnetze zwischen den Akteuren aufzeichnet und Berührungspunkte markiert, ist hier klar im Vorteil. Der hat nämlich wenigstens noch die Chance, das dichte Geflecht zu überblicken und weiß gegen Ende des mittleren Drittels, wer einzig und allein als Täter in Frage kommt und findet das Motiv auch recht bald raus.

Kritik am modernen Russland

Ein klassischer Whodunit? Eindeutig nein. Dafür stellt Daschkowa zu sehr die Schilderung der gesellschaftlichen Komponente in den Vordergrund und spart nicht an Kritik, was die Gleichgültigkeit der Menschen für das Schicksal ihrer Mitbürger anbelangt.

  1. Alles was nach Verbrechen riecht, hat mit Mafia zu tun und gegen die gibt es ohnehin kein Mittel. Falsch!
  2. Wenn du einen Verdächtigen mit Motiv hast, können die Indizien, die gegen seine Täterschaft sprechen vernachlässigt werden - Hauptsache, der Fall geht als gelöst in die Statistik ein. Falsch!
  3. Nach oben buckeln und nach unten treten. Richtig! Wohin ist der sozialistische Musterstaat, in dem alle Menschen gleich waren, innerhalb weniger Jahre geraten?

Diese Milieustudie ist der Autorin aufgrund der exzellenten Profile ihrer Figuren hervorragend gelungen. Auch der Fall an sich ist sehr gut angelegt. Motivation und Ausführung passen perfekt in Daschkowas Gesellschaftskritik hinein. Die Krimiunterhaltung baut jedoch einzig und allein auf einem unüberschaubaren Beziehungsgeflecht auf. Sobald dieser Knoten vom Leser entwirrt ist, kann eigentlich nur noch eine Person als Mörder in Frage kommen. Daschkowa legt vereinzelt ansatzweise falsche Fährten, unterlässt es aber, ihnen zu folgen. So werden vielversprechende, unterhaltende potenzielle Wendungen leichtfertig verschenkt und die Spannungskurve kann gegen Ende nur noch schwer hoch gehalten werden. Nichtsdestotrotz ist Club Kalaschnikow ein komplexes und ausdrücklich lesenswertes Buch, auch wenn die absolute Begeisterung sich nicht so recht einstellen will.

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