Nach uns die Pinguine

Erschienen: Januar 2017

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Galiani, 2017, Seiten: 207, Originalsprache

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Jörg Kijanski
Und dann gab es nur noch die Falklandinseln

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Okt 2017

Wer hätte gedacht, dass das Schicksal der Menschheit sich ausgerechnet in Port-au-Prince entscheidet? Die Stadt liegt nach einem Erdbeben in Trümmern, als jemand auf die verheerende Idee kommt, ausgerechnet dort eine schmutzige Bombe zu zünden. Tote Haitianer allein hätten wohl kaum das Interesse der internationalen Öffentlichkeit geweckt, doch traf es auch einige Blauhelmsoldaten, darunter rund zweihundert Pakistaner. Und da der Präsident der Dominikanischen Republik gerade auf Staatsbesuch in Indien weilt, gibt es eine atomare Retourkutsche. Prompt gehört die Innenstadt von Neu Delhi der Vergangenheit an, was natürlich Konsequenzen nach sich zieht.

"Das Geheimnis des angelsächsischen Erfolgs in der Welt war immer das Frühstück. Ganz im Ernst! Nimm zum Vergleich die Franzosen. Ein Croissant, ein Café au lait, danach vielleicht eine Zigarette: pfff! Damit bringt man dann eben nur einen Napoleon zustande. Und verliert die Schlacht von Waterloo."

Dies alles ist nun schon einige Jahre her, die Menschheit weitgehend ausgestorben. Neben einigen Überlebenden in der "Republik der Tugend" (vormals Schanghai) und in der "Republik der Liebe" (vormals San Francisco), spielt sich das Leben der Menschheit wohl ausschließlich auf den Falklandinseln und einem davor ankerndem Kreuzfahrtsschiff ab.

Der jüdische Mormone Joshua Feldenkrais brach mit diesem Schiff damals zu seiner Missionsreise auf und landete so auf den Falklandinseln. Die Weiterfahrt scheiterte am Ausbruch des Weltkrieges, ein Wort, welches man auf der Insel keineswegs aussprechen darf, stattdessen spricht man von den "betrüblichen Ereignissen, über die wir ungern reden."

Ein "locked-room mystery"-Fall - und doch viel mehr

So geht das Leben der Insulaner beschaulich weiter bis eines Tages im Salon des Government House der äußerst beliebte Gouverneur Ralph Mac Naughtan erschlagen aufgefunden wird. Aber wie kann das sein? Alle Türen des Salons waren verschlossen, die Schlüssel steckten von innen, auch die Fenster waren fest verriegelt. Und überhaupt: Warum bringt jemand gerade jetzt den Gouverneur um, jeder Insulaner weiß doch, dass er nur noch wenige Wochen zu leben und der Krebs ihn fest im Griff hatte?

"Manchmal gönne ich mir den düsteren Spaß, die Pseudoängste des zwanzigsten Jahrhunderts vor meinem inneren Auge vorüberdefilieren zu lassen. So fürchteten die guten Leute jener goldenen Epoche sich vor der Überbevölkerung. Heute können wir darüber natürlich nur bitter lachen: Die Optimisten unter uns glauben, dass auf der Erde vielleicht hunderttausend Menschen übriggeblieben sind."

Joshua, Moderator des einzigen Radiosenders und bester Freund des Gouverneurs, will den Fall aufklären. So macht sich der Ich-Erzähler auf die Suche nach dem Mörder, wobei Krimi-Puristen hier enttäuscht sein dürften. Zwar wird ermittelt und letztlich der Fall aufgelöst, allerdings geht es Autor Hannes Stein um ganz andere Themen. Der Krimi dient hier nur als Kulisse.

Breit gefächerter Blick in die Geschichte und Religionen der Menschheit

Mit einer gekonnten Mischung aus Postapokalypse, Philosophie und britischem Humor zeigt der Autor einen breit gefächerten Blick in die Geschichte und Religionen der Menschheit. Dabei kommt es auch zu unübersehbaren Fingerzeigen in unsere Gegenwart. Nachdenklich stimmend, dabei britisch unterhaltsam, wird erkennbar, wie leicht Dinge außer Kontrolle geraten und Kriege entstehen können. Der Blick in die Vergangenheit zeigt zudem, dass nicht wirklich zu erwarten ist, dass sich jemals eine Lernfähigkeit der Menschheit abzeichnet.

"Gute Nacht, homo sapiens sapiens, du unselig Mittelding von Engeln und von Vieh! Wir gehen den gleichen Weg wie einst die Dinosaurier zu Ende. Nur war es dieses Mal kein Meteor, der die dominante Spezies zur Strecke gebracht hat. Oder anders: Der Meteor, der uns erledigt hat, das waren wir selbst."

Da die Geschichte ausschließlich auf den Falklandinseln spielt, gerät natürlich deren besondere Stellung als britische Kronkolonie in den Fokus der Betrachtung. Ebenso das Verhältnis zwischen England und Argentinien, zwei Nationen, die eine durchaus militärisch geprägte Vergangenheit aufweisen können. Man denke an den Einmarsch der Engländer in Tasmanien im Jahr 1803 oder jenen der Argentinier in Patagonien im Jahr 1878.

Auch dies "betrübliche Ereignisse, über die wir ungern reden."

Selbstredend kommen die Begebenheiten des Falklandkrieges (1982) nicht zu kurz. Wer hat angefangen, wer trägt die meiste Schuld? Egal, Hauptsache die Eskalation der Gewaltspirale geht weiter. Nun geht nichts mehr, selbst Geburten gibt es keine auf der Insel, das Ende der Menschheit scheint beschlossen. Doch bei aller Tristesse, winkt zumindest am Ende ein kleiner Lichtstreifen.

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