Der Commissaris fährt zur Kur

Erschienen: Januar 1983

Bibliographische Angaben

  • Utrecht: Bruna, 1982, Titel: 'De Straatvogel', Seiten: 224, Originalsprache
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1983, Seiten: 222, Übersetzt: Hubert Deymann
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1999, Seiten: 240
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2003, Seiten: 222

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Wolfgang Weninger
Eine Aneinanderreihung idiotischer Verhaltensmuster

Rezension von Wolfgang Weninger Aug 2003

Auch der beste Kriminalist ist nicht gerade sonderlich erfreut, wenn morgens um drei das Telefon läutet. Wenn sich dann heraus stellt, dass der Fürst des Amsterdamer Rotlichtmilieus durch eine Salve aus einer Maschinenpistole in die ewigen Jagdgründe verabschiedet wurde, müssen jedoch die Besten der Besten aus den Matratzen springen und zum Tatort eilen.

Da hätten wir zu Allererst den Commissaris. Eigentlich schon im Rentenalter und von Rheuma geplagt, interessiert in vorerst ein Geier über dem Tatort mehr als die Leiche. Und da er ja über fähige Mitarbeiter verfügt, kann er es sich erlauben, nach Österreich zu fahren, wo ihm eine Kur in heilendem Schlamm seine Leiden vergessen lassen sollte. Doch sein Riecher befiehlt ihm, die Kur sausen zu lassen und andere Ermittlungswege einzuschlagen. Und so verkleidet er sich, begibt sich ins Haus einer ehemaligen Prostituierten, die so nebenbei die Gespielin von Adjutant Grijpstra ist, und lässt sich von ihr munter massieren und mit dem Nachbarn bekannt machen. Dieser Onkel Wisi von Nebenan ist so etwas wie ein Medizinmann und genauso schwarz und abergläubisch, wie die Leiche. Zusätzlich hält er sich noch eine schwarze Katze, die immer wieder in der Nähe des Tatortes auftaucht und den eingangs erwähnten Geier, der auf den Namen Opete hört.

Ebenfalls an diesem Fall interessiert ist Brigadier Jurriaans, der eigentliche Herrscher über den Rotlichtbezirk. Er weiß nicht nur, was seine Polizisten zu tun haben, sondern auch, was rund um seine Wache an Delikten passiert. So weit es dabei um Prostitution und Drogenhandel geht, ist sein Wissen allerdings nicht nur beruflicher Natur, denn ein guter Polizist, lässt sich für geregelte Verhältnisse nicht nur vom Staat bezahlen. Ordnung muss nun mal sein und die schafft der Brigadier, wenn es nötig ist auch mit Gewalt.

Unterstützt wird er dabei tatkräftig von Brigadier de Gier, so ferne dieser nicht gerade dabei ist, mit seinen Kollegen Jazzmusik zu machen und sich den Körper mit Alkohol und Drogen zu füllen. Auch Adjutant Grijpstra teilt einige dieser Interessen, wenn er ein Schlagzeug malträtiert oder eine der Nutten aufsucht.

Und als wären diese Polizisten noch nicht genug, gibt es noch einen eifrigen jungen Mitarbeiter namens Cardozo, zwei Konstabel mit den eigenartigen Namen Karate und Ketchup und die bildhübsche Adjutantin Adèle, bei der sämtliche genannten Polizisten zu ausschweifenden, feuchten Gedanken verführt werden.

So schwierig kann der Fall eigentlich nicht sein, denn für so eine grauenvolle Tat können nur die zwei Kontrahenten des Unterweltfürsten Luku Obrian verantwortlich gemacht werden. Natürlich können sich auch Amsterdamer Polizisten nicht über alle Gesetze hinweg setzen. Um wenigstens halbwegs innerhalb der Vorschriften zu bleiben, werden ein paar hübsch illegale Razzien gestartet, wobei eine angezettelte Schlägerei noch die harmloseste Aktion ist. Aber irgendjemand war der Übeltäter. Ob Jude oder Radfahrer, Rollschuhläufer oder Medizinmann, hier wird jeder verdächtigt. Sogar die Polizei!

Janwillem van de Wetering hat 1993 mit Der Commissaris fährt zur Kur einen reichlich zwiespältigen Kriminalroman vorgelegt, der im Mai 2003 im Rowohlt Taschenbuch Verlag seine Auferstehung feiert. Was an diesem Krimi so völlig anders ist, sind die verkorksten Typen bei der Amsterdamer Polizei, die fast noch schlimmer sind, als ihre Schäfchen von der anderen Seite des Gesetzes. Dabei führen die Herrschaften gelegentlich einen Dialog, dessen Jargon haarscharf an den Grenzen des Anstandes vorbei läuft, so als wären sie alle kleine Charles Bukowskis. Die Gedanken der handelnden Personen könnten gelegentlich einem LSD-Rausch entsprungen sein und was hier an Sprüchen zitiert wird, sollte jeder Emanzipations- und Antisemitengruppe die dunkelrote Farbe ins Gesicht treiben.

Das Lesegefühl bei diesem Buch wird schon durch das Schriftbild extrem stark strapaziert. Selbst mit Brille sind die 223 engst beschriebenen Seiten nicht unbedingt lustig zu lesen. Wenn dann die Klassifizierung eines Einbruches als einfach oder schwer an Hand der Fäkalien auf dem Teppich erfolgt, dann wird für mich ein Krimi schlichtweg zur Farce. Wie mir überhaupt des Öfteren schien, als wäre dieses Buch einfach nur eine Aneinanderreihung idiotischer Verhaltensmuster, um daraus mit dem Krückstock einen Krimi zu zimmern. Entweder war der Autor stellenweise so high, dass er seine eigenen Crackphantasien verarbeiten musste, oder er versuchte streckenweise sein Lesepublikum zu verarschen. Aber wenn die Time urteilt "Ein Krimischreiber der Superlative", dann habe ich wohl einiges in diesem Buch nicht verstanden.

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