Doch am Altar fehlte die Braut

Erschienen: Januar 1970

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen unter dem Titel „The Bride That Got Away“
- London : Hale 1967 - Bern - München - Wien : Scherz Verlag 1970. Übersetzung: Karin Reese. [keine ISBN]. 174 Seiten
- Frankfurt/Main : Fischer Verlag 2016. Übersetzung: Karin Reese. ISBN-13: 978-3-596-31404-1. 174 Seiten
- Frankfurt/Main : FISCHER E-Books 2016 [eBook]. Übersetzung: Karin Reese. ISBN-13: 978-3-1056-1412-9. 0,72 MB [ePUB]

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Michael Drewniok
Gauner gegen Gauner - und ein lüsterner Pfarrer

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jan 2020

Henry Bohm ist ein Pechvogel: Seine Kosmetik-Firma ist auf dem absteigenden Ast, da er auf allzu großem Fuß lebt. Carole Jenner, eine verflossene Geliebte, die (zu) viel über ihn weiß, gedenkt sich ihn nicht durch die Finger schlüpfen zu lassen. Zu allem Überfluss hat sich Bohms Braut Lynn Kelly gegen die Heirat entschieden und ihn buchstäblich vor dem Altar stehenlassen. Seitdem ist sie verschwunden.

Auf der Suche nach einem Motiv irren Henry und seine schadenfrohen Mitmenschen: Lynn war durchaus heiratswillig, bis sich unvermittelt Freddie Petterson bei ihr meldete; ein Mörder, der aus dem Gefängnis ausgebrochen ist und als tot galt, was von Vorteil für Lynn war, die Freddie in jugendlichem Leichtsinn geheiratet hatte. Die Ehe wurde nie geschieden, und Lynn mag keine Bigamistin werden.

In einem anderen Kosmetik-Unternehmen - das heftig mit Bohms Firma konkurriert - wurde die Rezeptur für ein bahnbrechendes Anti-Aging-Produkt gestohlen. Unter Ausschluss der Polizei und falls notwendig unter Einsatz unlauterer Methoden soll der abenteuerlustige Junior-Direktor Max Borrodaile die Formal zurückstehlen - von Bohm, der als Hauptverdächtiger gilt.

Zu allem Überfluss mischt auch der Gangster Gastouni mit, der im verrufenen Londoner Stadtteil Soho ein schmieriges Etablissement als Zentrale für üble Geschäfte nutzt. Er wittert Geld und schickt seine Gorillas aus. Kurz darauf ist Freddie tot, und Lynn wird von Gaunern, der Polizei und der Presse gejagt. Auf ihrer Seite stehen der inzwischen in sie verliebte Max, ein ehrbarer Taschendieb und ein Pfarrer mit Hang zum Rotlichtmilieu, was für zusätzlichen Tumult in der Unterwelt sorgt …

Vergehen führt zu Strafe - und das Schicksal ist boshaft

Verbrechen zahlt sich vielleicht nicht aus, aber es sorgt für ein interessantes Leben: Unter großzügiger Ausblendung der Realität kann dies für eine gute Geschichte sorgen. Seldon Truss, der meist Kriminalromane schrieb, in denen Polizisten oder Detektive Verbrechen aufklärten, wechselt hier in gewissen Weise die Seiten. Zwar tritt ein Superintendent Weems als Ermittler auf, doch er verschwindet nach wenigen Sätzen spurlos aus dem Geschehen, das ansonsten von Kriminellen dominiert wird.

Obwohl diese hin und wieder durchaus brutal und blutig agieren, fällt es schwer ernst zu nehmen, was uns der Autor auftischt. So ist es gewollt, weshalb die Mehrzahl der geschilderten Untaten in einem gemeinsamen, vom Verfasser deutlich gelenkten, aber höchst turbulenten Finale gipfeln, das gleichzeitig dafür sorgt, dass echte Strolche von liebenswerten Spitzbuben getrennt und einer verdienten Strafe zugeführt werden, sodass nicht das Gesetz, aber immerhin die Gerechtigkeit siegt. Wer ein Lump ist und trotzdem davonkommt, wird vom Schicksal in die Kniekehlen getreten.

Die begangenen Verbrechen sind auffällig sinnfrei. Was ist von einer sensationellen Formel zu halten, die offenbar nur einmal notiert und nie kopiert wurde, weshalb sie buchstäblich aus einem Safe gesprengt werden kann, weil auch der Dieb keine Abschrift anfertigt …

Held des Geschehens ist ein smarter Emporkömmling, der die Karriereleiter emporsteigt, indem er für seine Firma - die keine Geheimwaffen, sondern Kosmetik herstellt - Gesetze bricht, ohne sich darüber Gedanken zu machen. Zum Retter in der Not wird ein notorischer Dieb, den selbst die Polizisten leiden können und mit Handschlag grüßen. Ein erfolgreicher Mörder wird vom Autobus überfahren: Mit solchen schrägen Einfällen geizt Truss nie.

Der alte Mann und die Frauen der Gegenwart

Zum drittletzten Mal publizierte Seldon Truss 1967 diesen beiderseits des Ärmelkanals weitgehend in Vergessenheit geratenen Kriminalroman. Seit 1928 hatte er das Genre fleißig mit handwerklich gediegenen, nie wirklich originellen, aber stets lesbaren Werken beschickt. Nun feierte er seinen 75. Geburtstag - 23 Lebensjahre lagen noch vor ihm -, und er spürte wohl, dass ‚seine‘ Krimis aus der Zeit gefallen waren. „Doch am Altar fehlte die Braut“ beweist es: Truss versuchte einen ‚modernen‘ Krimi zu schreiben, was erwartungsgemäß in einem Fehlschlag mündete.

Offensichtlich hatte Truss vom „Swinging London“ gehört, ohne jedoch genau zu wissen, wie sich dieses Phänomen manifestierte. Frauen trugen nun Mini-Röcke, und Sex war irgendwie jener Büchse der Pandora entwichen, in den man ihn spätestens unter der Regentschaft von Queen Viktoria - die Truss noch erlebt hatte - verbannt hatte. Der Autor konnte nicht wirklich über seinen Schatten springen; in gewisser Weise gleicht er dem Pfarrer Hermitt, den er in diesem Roman ebenso boshaft wie klischeelastig als verklemmten Lüstling darstellt, der die Gelegenheit nutzt, seine langweilige Gemeinde und seine noch langweiligere Gattin zeitweilig hinter sich zu lassen, um dort zu ‚recherchieren‘, wo er und Truss das Laster in London lokalisieren: im Stadtteil Soho, wo es in „Tanzbars“ und „Striptease-Schuppen“ kaum maskiert blüht.

Folgerichtig ist die angeblich vom Leben gebeutelte und  verbitterte Lynn Kelly noch immer ein „Mädchen“, das darauf wartet von Mr. Right gerettet zu werden. Aus heutiger Sicht dürfte die Mühelosigkeit, mit der sie vom düpierten Bohn in die Arme des ritterlichen, nur vorgeblich zynischen Max wechselt, für feministisches Stirnrunzeln sorgen; theatralisches Sträuben ist nach Truss Element des Balzverhaltens. Die von ihm geschilderten Frauen sind entweder schön und/oder verrucht oder - wie Mrs. Hermitt, die keine Ahnung hat, dass ihr Anblick dem Gatten Schauer über den Rücken jagt - hässlich wie die sprichwörtliche Nacht. Der daraus resultierende Humor sei hier zugunsten des Verfassers in die Sparte „Zeitgenössisches“ einsortiert …

Das Recht der Komödie

Dorthin gehört auch die Figur des Pfarrers Hermitt, der sich ebenso salbungsvoll wie verlogen allzu gern dort herumtreibt, wo „die Sünde“ haust, die er von Berufswegen verfolgen sollte, aber nur zu gern näher kennenlernen würde. Truss schildert uns ausführlich seine verdrucksten Gedankenspiele, für die sich Hermitt selbst ständig zur Ordnung ruft.

In einer Komödie - und wohl nur dort - kann ein solcher Charakter auftreten, um für erheiternde Episoden zu sorgen und schließlich sogar als Zünglein an der Waage fungieren, als das Böse zu Fall gebracht wird. In diesem Rahmen funktioniert „Doch am Altar fehlte die Braut“ - ein ebenso umständlicher wie unzutreffender Titel, denn die Braut tritt durchaus vor den Altar - weiterhin als leichter, nie ernsthafter Krimi und Zeuge einer versunkenen Ära.

Fazit:

Mischung aus Krimi und Gaunerkomödie, die aufgrund der vom Verfasser eingemischten ‚Frivolitäten‘ unfreiwillig an Komik gewinnt; dennoch ein witziges, die Realität literarisch an den richtigen Stellen missachtendes, überwiegend im positiven Sinn altmodisches Werk.

Doch am Altar fehlte die Braut

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