Das geheime Evangelium

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • New York: Simon & Schuster, 2015, Titel: 'The fifth gospel', Seiten: 431, Originalsprache
  • Berlin: Rütten & Loening, 2016, Seiten: 555, Übersetzt: Wolfgang Thon
  • Berlin: Aufbau, 2017, Seiten: 555

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Andreas Kurth
Wenn der Streit um die Deutungshoheit tödlich endet

Buch-Rezension von Andreas Kurth Sep 2017

Eine Ausstellung mit brisantem Inhalt steht im Vatikan vor ihrer Eröffnung. Deren Initiator, Ugolino Nogara, hat mit viel Mühe und Engagement die bekannten Evangelien studiert. Inspiriert wurde er dabei von einem bislang unbekannten fünften Evangelium, dem so genannten Diatessaron. Dieser in Edessa geschriebene Text ist eine Art Zusammenfassung der aus der Bibel bekannten Evangelien. In der Ausstellung geht es aber auch um das Turiner Grabtuch und vor allem um dessen immer wieder in Frage stehende Echtheit, die Nogara mit Hilfe des Diatessaron zu beweisen hofft.

Pater Simon hat flankierend vorgearbeitet, auf der orthodoxen Seite diplomatisch gewirkt, denn Papst Johannes Paul II. will in seinem letzten Amtsjahr unbedingt noch das Schisma zwischen katholischer und orthodoxer Kirche überwinden. Doch Nogara wird in Castel Gandolfo von Simon tot aufgefunden. Der ruft seinen Bruder Alex zu Hilfe - und gerät schnell unter Mordverdacht. Gegen alle Widerstände versucht Alex, den Fall aufzuklären und die Wahrheit zu finden. Dabei hat er mächtige Feinde - aber auch ebenso mächtige Verbündete.

Caldwell liegt mit seiner Geschichte ziemlich nahe an der Realität

Ian Caldwell hat sich für seinen Vatikan-Thriller einen spannenden Plot ausgedacht. Das berühmte Turiner Grabtuch, ein bisher unbekanntes Evangelium, neue historische Fakten zur Spaltung der Kirchen in Katholiken und Orthodoxe - da wird einiges aufgeboten. Im Unterschied zu Dan Brown setzt Caldwell deutlich mehr auf Hintergrund und Fakten, weniger auf Action und Elemente von Verschwörungstheorien. Damit hebt er sich wohltuend vom Bestseller-Autor ab - es sei denn, man bevorzugt als Leser die spektakuläre Variante.

Aber vermutlich sollte man die beiden Autoren nicht miteinander vergleichen, denn Caldwells Ansatz ist nun mal ein anderer. Es wird deutlich, dass der Autor den Vatikan tatsächlich kennt, die versteckten Orte, die permanente Bautätigkeit, die geheimen Aufzüge. Und das Turiner Grabtuch ist in der Realität tatsächlich so bedeutungsvoll wie umstritten, hier liegt Caldwell mit seinen Schilderungen ziemlich nahe an der Realität.

Krank und körperlich zerfallend - und doch unbeugsam im Willen

Der Autor nimmt den Leser mit in das Machtzentrum der katholischen Kirche. Der Vatikan und seine Bewohner sind für ganze Gilden von Beobachtern ein schier unerschöpflicher Quell an Nachrichten, Gerüchten und Legenden. Die Ränke der machtbewussten Kardinäle, die kaum nachvollziehbare Bedeutung der unterschiedlichen Kleidungsstücke und ihrer Farben, und nicht zuletzt das tägliche Leben der einfachen Menschen im Vatikan-Staat üben eine große Faszination aus, die von Caldwell ausgezeichnet bedient wird.

Macht, Tradition und gelebter Glaube liegen in der Luft, vor allem, wenn es schließlich um den Papst und seine unmittelbare Umgebung geht. Sorgfältig gehütet von seinem Kammerdiener und dem Kardinalstaatssekretär, bewacht von der Schweizer Garde, krank und körperlich zerfallend - und doch unbeugsam im Willen, das Schisma mit der Ostkirche zu überwinden, so zeichnet Ian Caldwell den polnischen Papst in seinem letzten Lebensabschnitt. Für einen Leser, der selbst weder gläubig noch gar katholisch ist, eine höchst faszinierende Lektüre.

Theologische und historische Feinheiten werden ausgebreitet

Man muss als Leser allerdings schon Interesse an den Kernthemen des Romans haben, um sich von der Geschichte einfangen und fesseln zu lassen. Caldwell schildert die Liebe in ihren zahlreichen Facetten - zwischen Brüdern, zwischen Mutter und Kind, zwischen Eheleuten. Der Autor lässt seine Leser tief in das Herz der Protagonisten blicken.

Viel zentraler waren für mich aber die theologischen Erläuterungen zu den Evangelien und zum Diatessaron. Dieser allgemein als Evangelienharmonie bezeichnete Text wurde tatsächlich von Tatian um 170 in Edessa verfasst, und war offenbar in syrischen Gemeinden als alleiniger Evangelientext verbreitet. Daraus seinen Protagonisten einen Beweis zur Echtheit des Turiner Grabtuchs und zu anderen historischen Streitfragen ableiten zu lassen, ist ein spannender Ansatz - der im Roman auch die dadurch freigesetzte kriminelle Energie erklärt.

Caldwell zeigt, dass er über enormes Hintergrundwissen verfügt. Die Erzählung ist dennoch in meinen Augen spannend, auch wenn Freunde konventioneller Thriller die Lektüre zuweilen als trocken empfinden könnten. Aber das ist eben eine Frage der Sichtweise - man muss schon Spaß an solchen Vatikan-Geschichten haben, um diese Geschichte genießen zu können. Wer sich darauf einlässt, wird intelligent und überaus kurzweilig unterhalten.

Das geheime Evangelium

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Letzte Kommentare:
29.09.2019 10:29:38
Anita Marini

Eines der besten Bücher die ich je gelesen habe. Es ist sehr spannend geschrieben. Ich fand es außerdem noch sehr wissensreich, was man sonst nicht so oft bei einem guten Roman hat. Nur zu empfehlen