Die Überlebenden der Kerry Dancer

  • Kindler
  • Erschienen: Januar 1958
  • 1
  • München: Kindler, 1958, Seiten: 403, Übersetzt: Hans Egon Gerlach
  • München: Lichtenberg, 1963, Seiten: 167
  • München: Heyne, 1967, Seiten: 156
Die Überlebenden der Kerry Dancer
Die Überlebenden der Kerry Dancer
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Michael Drewniok
85°1001

Krimi-Couch Rezension vonSep 2026

Wir halten durch, denn wir sind die Guten!

Im Februar 1942 steht der Krieg im Pazifik schlecht für die Alliierten. Vor allem die Briten stehen unter Druck. Allzu siegessicher hatten sie sich in Südostasien gefühlt. Nun überrollt sie die japanische Kriegsmaschine. Niederlage folgt auf Niederlage. Die letzte Bastion stellt Singapur am Südzipfel der Halbinsel Malaysia dar, doch auch sie wird fallen.

Mit in der Falle sitzt Brigadekommandeur Foster Farnholme, Agent des britischen Geheimdienstes. Ihm fiel ein japanischer Plan in die Hände, der die anstehende Invasion Nordaustraliens in allen Einzelheiten darstellt. Dieser muss unbedingt nach England gelangen! Also vertraut sich Farnholme dem zwielichtigen ‚Kapitän‘ Siran an. Der befehligt die „Kerry Dancer“, eigentlich ein 500-Tonnen-Frachter, tatsächlich ein heruntergekommener Seelenverkäufer.

Mit an Bord retten sich einige Krankenschwestern und versprengte Soldaten. Singapur kann man verlassen, aber japanische Flugzeuge sichten die „Kerry Dancer“ und beschießen sie. Die Überlebenden werden vom Ölfrachter „Viroma“ unter Kapitän Findhorn gerettet, der ebenfalls vor dem Feind flüchtet. Auch dieses Schiff wird von den Japanern versenkt. Nur wenige Männer und Frauen retten sich in zwei kleine Rettungsboote.

Ohne Treibstoff, Wasser und Lebensmittel treibt man über die Java-See. Überall lauert der Feind. Die Gruppe ist zerstritten, denn Siran und seine Spießgesellen warten auf ihre Chance, die Macht an sich zu reißen. Die Sonne brennt erbarmungslos, im Wasser lauern hungrige Raubfische - und unter den Überlebenden verbirgt sich unerkannt ein Spion, der sein eigenes, infames Spiel treibt ...

Der Verlust von Größe

Leben und Moral - Diese beiden Begriffe stellen aus Sicht des Verfassers eine Einheit dar. Immer wieder hat Alistair MacLean (1922-1987) dies in seinen Romanen thematisiert, wobei er auf eine krasse Schwarz-Weiß-Zeichnung verzichtete: Auch die ‚Bösen‘ folgen ihrem moralischen Kompass. Der mag ihnen eine falsche Richtung weisen, aber sie fühlen sich ebenso im Recht wie ihre Gegner. Dies sorgt für eine plausible Ambivalenz, die der Autor oft zuungunsten echter Stereotypen aufweicht.

In „Die Überlebenden der Kerry Dancer“, MacLeans dritten Roman, übernehmen japanische Militärs wie Oberst Kiseki diese Rolle. Sie sind gleichermaßen vornehm und höflich, aber doch vertierte Sadisten oder bestenfalls Überzeugungstäter; eine Einschätzung, die zeitgenössische Leser sicher besser verstanden haben als wir Nachgeborenen: Die Pazifikkrieg gegen das japanische Kaiserreich wurde aufgrund der enormen Opfer und der Grausamkeit, mit der er geführt wurde, nicht nur zum Trauma der USA nach Pearl Harbor. Die Japaner fielen über Ost- und Südostasien her, wo sie die einheimische Bevölkerung unterjochten und grausam drangsalierten, aber auch die etablierten Kolonialmächte vor sich hertrieben.

Vor allem Großbritannien stand nach dem Fall von Singapur unter Schock. Eine solche Niederlage war im nationalen Selbstverständnis einfach nicht vorgesehen! Schließlich hatte man ein Viertel des Globus’ kolonial in Besitz genommen und fühlte sich als die Großmacht dieser Erde. Singapur ließ die Briten spüren, dass ihre Zeit vorüber war. Japan und dann die USA waren an ihnen vorbeigezogen. Im folgenden Kriegsjahr 1944 sollten der Sturm auf Italien und die Invasion in der Normandie das Abgleiten in die globale Zweitrangigkeit unterstreichen.

Standfestigkeit als Anker

Die Tatsache war als solche nicht zu leugnen, aber man konnte sie bemänteln. „Die Überlebenden der Kerry Dancer“ sind nicht nur gebeutelte Schiffbrüchige. Sie repräsentieren Tugenden, die ungeachtet einer verlorenen Sache ihren Teil weiterhin bestehender Pflichten übernehmen. Dass dies mit einer endlosen Kette qualvoller Prüfungen verbunden ist, verstärkt die symbolträchtige Eindringlichkeit der Erfahrung: Wir halten durch, auch wenn oder gerade, weil unsere Welt in Stücke bricht!

Ans Aufgeben denkt niemand, obwohl es Momente der Schwäche gibt. Hungernde, verwundete, fiebernde Helden dürfen sie in Anspruch nehmen - so lange sie nicht aufgeben! MacLean verteilt diese Dulder-aber-Kämpfer-Position auf mehrere Figuren. Er vermeidet dadurch die Konzentration auf nur eine Hauptperson, sodass niemand gegenüber seinen Gefährten erhöht wird. Sie alle bekommen ihre Chancen = Passagen, in denen sie im Dienst der Allgemeinheit glänzen können. Selbst der Opfergang eines Überlebenden, der bewusst für seine Kameraden in den Tod geht, wirkt vor allem deshalb so eindrucksvoll, weil MacLean ihn erst als solchen enthüllt, als die Tat vollbracht ist: Keine ‚großartige‘ Abschiedsszene, kein Triumph im Angesicht des übermächtigen Feindes, sondern die nachträgliche Erkenntnis des Geschehens sorgt für den Effekt.

Bei nüchterner Betrachtung ist es natürlich allzu viel des ‚Guten‘, das unsere Protagonisten ertragen müssen. Schon die zeitgenössische Kritik hat MacLean vorgehalten, dass sein Garn nur einen dünnen roten Faden (die Geheimpapiere!) aufweise und sich auf eine Kette miteinander verknüpfter Zwischenfälle beschränke. Das ist durchaus richtig; man merkt, wie der Verfasser im Mittelteil durchdekliniert, was Schiffbrüchige auf dem offenen Meer durchmachen könnten. Die Liste ist lang; sie berücksichtigt klassische Krisen (Hunger, Sturm, Flaute, Fressfische), die durch zeitaktuelle Drangsale (Japaner zu Lande, zu Wasser und in der Luft) sowie zwischenmenschliche Konflikte (Egoismus, Verrat, [verklausulierte] Geilheit) ergänzt werden. Nichtsdestotrotz sind diese Szenen spannend; es zahlt sich aus, dass MacLean im Zweiten Weltkrieg in der Royal Navy diente und die Region, die Schiffe, das Milieu kannte.

Gott liebt Prüfungen ...

Ohnehin passt diese Episodenhaftigkeit zur Story. Die zunächst Flüchtenden und dann Überlebenden können nicht wirklich planen. Sie verfügen nicht über die notwendigen Ressourcen und müssen sich buchstäblich treiben lassen. Dass dabei Natur und Feinde über sie kommen, scheint nur dann übertrieben, wenn MacLean die Schiffbrüchigen erst einem als Retter getarnten, tatsächlich mehrfach widerlichen japanischen Kommandanten und später, viele, viele Seemeilen weiter seinem noch widerlicheren Vater ausliefert.

Ins Geschehen integriert sind klassische Thriller- bzw. Krimi-Elemente. Das sind zum einen die nun schon mehrfach erwähnten Geheimpapiere, die unbedingt nach England geschmuggelt werden müssen. Hinzu kommt ein kostbarer Juwelenschatz, der ebenfalls Begehrlichkeiten weckt. Zu allem Überfluss geben gleich mehrere Überlebende Identitäten vor, die nicht mit der Realität übereinstimmen - dies zum Wohle der Alliierten, aber auch der Feind ist mit mindestens einem Agenten präsent! Die erst spät (und dann zwar überraschend, aber auch krude) aufgelösten Geheimnisse sorgen für Spannung auch dann, wenn gerade keine Außenprobleme behoben werden müssen.

Schon MacLean war bewusst, dass jede Abenteuergeschichte, in denen ausschließlich Männer agieren, 50 Prozent der potenziellen Leserschaft fernhält. Also sind auch Frauen an Bord der Rettungsboote. Die schöne Gudrun (!) ist die weibliche Hauptfigur. Sie verkörpert (abgedimmtes) Unrecht, das gezielt Frauen im Krieg angetan wird, zeigt aber auch jene Entschlossenheit, die sie auf die Seite der Männer stellt - nicht mit der Waffe in der Hand, aber heilend und tröstend. Heute dürfte diese Form der ‚Gleichberechtigung‘ kritisiert werden, aber im Rahmen dieser Geschichte funktioniert es, zumal MacLean zwar eine Love-Story aufkeimen lässt, der er jedoch nie gestattet, die eigentliche Handlung zu überwuchern. Der Tenor bleibt nüchtern, ohne dadurch dem jeweiligen Geschehen die Emotionalität zu nehmen.

Fazit

Geschichte einer schier endlosen, immer wieder von Zwischenfällen und Missgeschicken geplagten Flucht-Odyssee, die gleichzeitig eine Parabel für den mühsamen, aber notwendigen Kampf gegen das Böse darstellt. Großartige Landschaftsbeschreibungen und Stimmungsbilder gleichen zeitgenössisch übliche Vorurteile aus: ein moderner Klassiker des Abenteuer-Thrillers.

Die Überlebenden der Kerry Dancer

Alistair MacLean, Kindler

Die Überlebenden der Kerry Dancer

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