Kreuzschnitt

Erschienen: Januar 2017

Bibliographische Angaben

  • München: Droemer Knaur, 2017, Seiten: 336, Übersetzt: Andreas Brunstermann
  • Oslo: Font 142, 2016, Titel: 'Den svende demonen', Seiten: 313, Originalsprache

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Jochen König
Bestenfalls Durchschnitt statt Kreuzschnitt

Buch-Rezension von Jochen König Aug 2017

Die Kunst und der Tod

Der norwegische Kunsthändler Axel Krogh wird an der Cote D'Azur ermordet. Ein kleines, unscheinbares Gemälde aus seiner Sammlung wurde entwendet. Neben der französischen Polizei unter der Leitung Kommissar Jean Moulins soll Bogart Bull ermitteln, der norwegische Polizist mit den einst beeindruckenden Ermittlungsergebnissen. Bis er den mehrfachen Vergewaltiger Richard Torpe verhaftet. Der sich nach seiner Haftentlassung an Bogart rächt, indem er dessen Frau und Tochter durch einen bewusst herbeigeführten Autounfall tötet. Stuntman Mike lässt grüßen.

"Kripo-Ermittler Bogart Bull" bricht zusammen, wird in Windeseile zum Alkoholiker. Eine engagierte Vorgesetzte rettet ihm den Arbeitsplatz, sein Vater findet die richtige Ansprache zum Innehalten. Bull geht auf Entzug und wird nach seiner Rekonvaleszenz auf den Fall des ermordeten Krogh angesetzt. Er entwickelt sich zum Jet-Setter, der zwischen Frankreich, dem spanischen Festland und Mallorca pendelt. 

Die Ermittlungen gestalten sich schwierig, weitere Menschen sterben, und es stellt sich heraus, dass die Wurzel der Todesfälle bis in Jahr 1943 zurückreicht. Eigentlich sogar bis 1906. Denn da schufen sieben Künstler, darunter Henri Matisse und Edvard Munch, Bilder, die ihre eigenen Dämonen zeigten. Ohne Signatur, aber nummeriert.

Zu den Malern gehört auch der junge Santiago Gaillard, in dessen Haus die Gemälde 1943, während der Naziherrschaft hingen. Auf der Jagd nach Partisanen, die eine Brücke gesprengt haben, fällt ein Trupp SS-Leute in Gaillards Heimstatt ein. In jener schicksalhaften Nacht werden Menschen hingerichtet und geschändet. Wer zweifelt, dass diese Ereignisse einen direkten Einfluss auf die Morde im Jahr 2014 haben, dürfte der Welt der Medien in den letzten fünfzig Jahren ziemlich weit fern geblieben sein.

Unser tägliches Trauma gib' uns heute

Da ist er wieder. Der schwer traumatisierte Bulle, der schwere Altlasten schultern und gleichzeitig in einem aktuellen Fall ermitteln muss. Dass Borge seinen Protagonisten gleich "Bull" nennt, zeigt, dass der Autor keiner der filigranen Art ist. Dementsprechend heißt der französische Ermittler Jean Moulin. Der Verweis aufs filmische Vorbild "Kommissar (Jean Paul) Moulin" (die bekannte Fernsehserie, die zwischen 1976 und 2006 produziert wurde) wird im Roman offensiv kommentiert, damit niemand die Anspielung entgeht.

Für die Mordermittlung spielt Bogarts Trauma keine große Rolle, er reist von A nach B nach C und wieder zurück, ermittelt so stoisch wie unbeholfen, wird nur ab und an von Erinnerungen an seine glückliche Familienzeit und deren abruptes Ende geplagt. Bekommt mit der sympathischen Buchhändlerin Emilie und ihrer elfjährigen Tochter Michelle gar einen möglichen Hoffnungsschimmer serviert. Die Betonung liegt auf Schimmer. Die Ermittlungsarbeit lässt ratlos zurück. Da verschwinden dringend Tatverdächtige, um Liebeshändeln nachzugehen, tauchen später unvermittelt, aber reuig, wieder auf. Und obwohl die Angehörigen der Familie Krogh eine hohe Sterblichkeitsrate aufweisen, sieht man sich nicht genötigt, die vorerst Überlebenden unter Polizeischutz zu stellen. Fernmündliche Kommunikation wird eh überbewertet, zeitintensives Reisen durch halb Europa ist scheinbar effektiver. Können Killer leider auch. 

Der Leser weiß durch die Rückblenden eher als die ermittelnden Beamten, wo der Affe seinen Zucker versteckt hat. Bull darf gelegentlich Material finden, das ihn auf die richtige Fährte bringt. Hat was von einem Computerspiel. Bei dem aber Action und Adventure zu kurz kommen. Immerhin werden pittoreske Schauplätze besucht, deren Beschreibung allerdings nicht über Flugblattinfos einschlägiger Reisebüros hinausgeht. 

Das besitzt einen oberflächlichen Unterhaltungswert, doch die schablonenhaft entwickelten und agierenden Charaktere bleiben blass, Täter werden präsentiert wie Kaninchen aus des Zauberers Zylinder. Nachdem der Magier den scheinbar leeren Hut hat rumgehen lassen und das aufmerksame Publikum die flauschigen Öhrchen bereits vorm Entpacken unten im Dunkel hat zucken sehen können. 

The Good, the Bad and the very Ugly

Womit wir bei den Kapiteln wären, die im Jahr 1943 spielen. Die sich wie eine Mixtur aus "Inglorious Basterds" und Italo-Western präsentieren. Durchaus spannend dargereicht, doch verkommen Krieg und Besatzungszeit zum bloßen Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Um als popkulturelle Abstraktion zu taugen, fehlt Borge die poetische Vision. Fast erwartet man, dass Obersturmführer Wittmann, dem jungen Tigo Gaillard eine Harmonika zwischen die Lippen drückt, und ihm befiehlt: "Spiel mir das Lied vom Tod!", während der Junge seinen Vater, mit einem Strick um den Hals, auf den Schultern balancieren muss. So weit geht der Autor nicht, doch es wird böse enden. Passt bedauerlicherweise so gar nicht ins naturalistische Setting. 

Ähnlich verhält es sich mit den Motiven des Mörders. Die sind über weite Strecken nachvollziehbar, doch wird eine gedankliche Auseinandersetzung mit den Taten nahezu unmöglich gemacht, indem aus dem erst sehr bewusst agierenden Killer im späteren Verlauf ein belangloser potenzieller Serienmörder wird, auf den ein genretypischer Showdown wartet. 

Gelungen ist die Passage aus dem Jahr 1906, eine kleine, sympathische Künstlerschnurre aus der wilden Aufbruchszeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Weltkriege bestenfalls drohende Schatten am ganz weiten Horizont waren. Diese Preziose aus Bohemien hätte die Grundlage für einen wesentlich interessanteren Roman sein können. Bleibt im vorliegenden Fall bloßer Stichwortgeber.

Der Drudenfuß mit dem Davidstern 

Sprachlich bewegt sich der Roman zwischen spröder Solidität und schmerzhaften Ausrutschern, die sich meist in schiefen Bildern äußern. Nur ein kleines, nicht einmal schwerwiegendes, Beispiel von vielen:

"Endlich zeigte der Stundenzeiger auf dem cremeweißen Zifferblatt nach oben, und die Uhr gab zwölf zarte Schläge von sich. Nachdem der letzte Ton verklungen war, blieb er liegen und lauschte [wir hoffen inständig, dass der Ton wieder auf die Beine kommt]."

Ein geringfügige, aber völlig überflüssige, zur Fremdscham einladende Peinlichkeit ist der Umstand, dass Borge dem möglichen Satanisten Lozano tatsächlich einen "fünfzackigen" Davidstern ans Revers heftet, genauer: "Ein fünfzackiger Davidstern, umgeben von zwei Kreisen und einigen kleinen, unbegreiflichen Zeichen [unbegreiflich? Nicht wirklich]."

Gemeint ist natürlich das hinlänglich bekannte Pentagramm (alias Drudenstern), das im Gegensatz zum Davidstern beim Satanistenzirkel von nebenan eine bedeutende Rolle spielt. Ist leicht zu recherchieren. Im vorliegenden Fall ist explizit das "Siegel des Baphomet" der Church Of Satan gemeint, das unser verdächtiger Satansjünger und Kunsthändler am Jackenaufschlag zur Schau stellt.

Fortsetzung folgt?

Am Ende befindet sich ein wenig überraschender Teaser zur bereits geplanten Fortsetzung. Der Anreiz darauf hält sich in Grenzen, die so weit weg sind, dass sie auf dem Radar diesseits der Tastatur nicht auftauchen, geschweige denn überschritten werden.

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