Der Fall Kallmann

Der Fall Kallmann
Der Fall Kallmann

Erschienen: Januar 2017

Erschienen: Januar 2017

Bibliographische Angaben

  • Stockholm: Bonnier, 2016, Titel: 'Eugen Kallmanns ögon', Seiten: 543, Originalsprache
  • München: btb, 2017, Seiten: 576, Übersetzt: Paul Berf

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Almut Oetjen
Eine Kleinstadt im Schatten des Verbrechens

Buch-Rezension von Almut Oetjen Aug 2017

Der Gesamtschullehrer Eugen Kallmann aus der nordschwedischen Kleinstadt K. kommt bei einem Treppensturz im Mai 1995 zu Tode. Die Polizei legt die Angelegenheit schnell als Unfall ab. Kallmann war ein beliebter, charismatischer Sonderling, ein Einzelgänger, stand kurz vor der Pensionierung, hatte weder Freunde noch Familie. Doch was wollte er nachts in der seit langem leerstehenden Villa, die als das Deutsche Haus bekannt ist? Und was hatte sein Schüler, der geniale Charlie Mattis, dort um Mitternacht zu suchen, als er den Toten entdeckte?

Kallmann hinterlässt Tagebücher mit brisantem Inhalt

Studienrat Leon Berger aus Stockholm, der vor kurzem Frau und Tochter bei einem Fährunglück vor der Küste Sansibars verloren hat, tritt im neuen Schuljahr Kallmanns Nachfolge in der Bergtunaschule an. Er findet im Schreibtisch seines Vorgängers mehrere Tagebücher. Deren Inhalt ist so beunruhigend, dass Leon nicht weiß, ob es sich um Wahrheit oder Dichtung handelt. Kallmann, der nebenher Romane schrieb und sich für Kriminologie interessierte, behauptet darin unter anderem, dass er die Gabe besitzt, einen Mörder zu erkennen, wenn er ihm in die Augen sieht; und dass er zufällig einen Mörder in K. entdeckt hat und herausfinden will, wer das Opfer war.

Leon bekommt Zweifel daran, dass Kallmanns Tod ein Unfall war. Er vertraut sich der Beratungslehrerin Ludmilla Kovacs an, einer ehemaligen Kommilitonin, sowie dem Lehrer Igor Masslind, der mit Kallmann befreundet war. Auch Leons 15-jährige Schülerin Andrea Wester betätigt sich mit Freundin Emma als Hobby-Detektivin, allerdings in eigener Sache. Sie bezweifelt, dass ihr Vater ihr biologischer Vater ist. Außerdem scheint es eine alte Verbindung zwischen ihren Großeltern und Kallmann zu geben. Ihr Mitschüler Charlie Mattis weiß mehr darüber, doch der hat Kallmann Diskretion geschworen und hüllt sich in Schweigen. Bald gibt es einen zweiten Toten.

Es kann nicht mehr schlimmer werden?

Gut 19.000 Einwohner zählt die Stadt K. bei der letzten Volkszählung 1994, ein Jahr vor Beginn der Romanhandlung. In den Wäldern des mittleren Nordschwedens gelegen, nahe des 63. Breitengrades, war sie früher ein kleines Zentrum der Schuhproduktion, seit den 70er Jahren haben sich einige kleine, erfolgreiche Industriebetriebe angesiedelt. Dominiert wird K. von einem der ausbruchsichersten Gefängnisse des Landes. Kirche, Trabrennbahn, Slalomhang, zwei Gesamtschulen, eine davon die Bergtunaschule, eine geschlossene Polizeidienststelle, ein träger Fluss, lange kalte Winter. Durchschnittlicher könnte der Ort nicht sein, an dem Håkan Nesser die Handlung seines Romans, abgesehen von einem Abstecher nach England, ansiedelt. Es scheint der ideale Ort für einen Neuanfang, wenn man frisch verwitwet und die Tochter verschollen, vermutlich tot, ist. Weit weg von den eigenen Erinnerungen und dem bald aufgebrauchtem Mitleid der Kollegen. Kaum angekommen, wird Leon Berger in einen mysteriösen Fall hineingezogen, der immer weitere Kreise zieht.

Der scheinbar idyllische Ort hat eine düstere Vergangenheit

Die Menschen in K. leben mit einer düsteren Vergangenheit, deren Schatten in die Gegenwart reicht. Da ist nicht nur der Tod des Lehrers und ein paar Monate später der Mord an einem Schüler. Seit 1979 wird der Prediger Henry Adamsson-Schmidt vermisst, der mit seiner Sekte das Deutsche Haus bewohnte. Seitdem steht es leer und manche Leute glauben, er wurde ermordet, von einem gehörnten Ehemann, denn er hatte zahlreiche Affären. Schnell ist man als Leser dabei, einen Zusammenhang zu Kallmann zu konstruieren, denn Kallmann kam 1979 nach K. Ein paar hundert Seiten später stellt man fest, dass die Romanwelt viel komplexer und komplizierter ist. In der Gegenwart von 1995/1996 haben die Stadt K. und die Bergtunaschule ein massives Skinhead-Problem. Wände werden beschmiert, eine jüdische Lehrerin erhält Drohbriefe, ausländische Schüler werden bedroht, überfallen, verprügelt. Daneben ereignet sich eine Reihe privater Dramen im Leben der Hauptakteure. Ehen zerbrechen, Familien zerfallen. Man kann dabei zusehen. Menschen machen sich Gedanken, was aus ihrem Leben, ihren Familien, ihrer Gesellschaft geworden ist - wie Leon oder Ludmilla. Es gilt, sich unangenehmen Wahrheiten zu stellen. Leon muss einsehen, dass die Wahrscheinlichkeit, seine Tochter könne noch leben, gegen Null tendiert und seine Ehe in den letzten Zügen lag. Ludmilla ist frustriert von ihrer Ehe, fühlt sich mit Beruf und Kindern überfordert und verdächtigt ihren Mann einer Affäre.

Nesser schneidet seinen Figurendas Fleisch von den Knochen

Unerbittlich und nicht ohne Humor schneidet Nesser seinen Figuren das Fleisch von den Knochen, seziert sie und legt ihre düsteren Gedanken frei, ihre Ängste und Sehnsüchte, lässt sie existentielle Fragen stellen nach ihrer Herkunft, Identität, Geschichte. Es herrscht allseits großes Schweigen und Geheimniskrämerei, man belügt andere und sich selbst, kunstvoll werden unangenehme Fakten und Familiengeheimnisse unter den Teppich gekehrt, wo sie vor sich hinmodern und das Leben aller vergiften, dreier Generationen im Fall der Familie Wester, den Nesser ästhetisch ansprechend mit dem Fall Kallmann verknüpft.

Erzählt werden die Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven von den Amateurdetektiven Leon, Ludmilla, Igor, Andrea, Charlie sowie Andreas Mutter Ulrika. Auch Kallmann, der ein düsteres Lebensgeheimnis verbirgt, meldet sich zu Wort, in seinen viereinhalb Tagebüchern. Der größte Teil der Handlung spielt im Schuljahr 1995/96, Rückblenden führen ins Jahr 1979 und in die Zeit von Kallmanns Kindheit im Zweiten Weltkrieg. Der Roman endet mit einem Sprung ins Jahr 2015.

Menschen suchen nach Mustern - und nach Ordnung, Sinn und Wahrheit

Nesser belässt vieles im Vagen, wie seine Welt überhaupt vage ist, voller Ungewissheiten und Zweifel, eine Welt des Mehr-oder-weniger, des Im-Großen-und-Ganzen, der Wiederholungen zur Selbstvergewisserung, der relativierenden Einwürfe, Halb- und Viertelsätze, die das Tasten nach der Wahrheit spiegeln. Seine von Insomnie und Alpträumen geplagten Figuren mühen sich in einer chaotischen Welt auf der Suche nach Mustern und nach Ordnung, Sinn, Wahrheit, nach einer Geschichte, die ihnen das Leben begreifbarer macht. Das Ende klärt einige und wirft neue Fragen auf, beispielsweise ob Kallmann nicht einem Mörder, sondern gar einem Doppelmörder auf der Spur war. Man bekommt nicht auf alles eine Antwort - um Charlie zu zitieren. Der Fall Kallmann ist ein düsterer Kriminalroman aus Schweden, poetisch, tiefgründig, wendungsreich, spannend und mit sprödem Humor. Raffiniert bohrt sich Nesser in die Gedanken- und Gefühlswelt seiner Figuren.

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