Berlin Underground

Erschienen: Januar 2017

Bibliographische Angaben

  • Köln: Emons, 2017, Seiten: 317, Originalsprache

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Andreas Kurth
Zwischen großen Mühlsteinen werden kleine Leute zerrieben

Buch-Rezension von Andreas Kurth Aug 2017

Im Kosovo tobt 1999 der Unabhängigkeitskrieg gegen die serbische Zentralregierung. Im fernen Berlin wird die Leiche einer vermeintlich Obdachlosen aus dem Landwehrkanal geborgen, und die Kommissare Hans-Dieter Knoop und Harald Hünerbein müssen in dem Fall ermitteln, denn die junge Frau wurde ermordet - ihre Hände sind auf dem Rücken gefesselt. Die Recherchen führen schnell in die Obdachlosenszene und damit in die schier endlosen Katakomben unter der Hauptstadt. Knoop hat die Frau kurz vor ihrem Tod noch gesehen, gegen Finderlohn hat sie ihm den verlorenen Schultornister seines Sohnes angeboten.

Im Kosovo sind zahlreiche Akteure am Start, UCK, Serben, Amerikaner, NATO, Russland - die Lage ist unübersichtlich. Die junge Journalistin Amra Milicevic ist bei ihren Recherchen für eine kritische kosovarische Zeitschrift mehr als eifrig, und bringt sich selbst in Lebensgefahr. Sie droht nämlich zwischen verschiedene Interessengruppen zu geraten.

Die Ermittlungen der Berliner Kommissare führen derweil zunächst in einige Sackgassen - bis deutlich wird, dass auch hier verschiedene Interessen eine gewichtige Rolle spielen.

Guter Plot wurde vom Autor mit kleinen Fehlern ausgearbeitet

Oliver G. Wachlin schrieb zahlreiche Texte, Konzepte und Drehbücher für Film und Fernsehen - darunter auch einige Tatort-Folgen. "Berlin Underground" ist der fünfte Band seiner Reihe um die Berliner Kommissare Knoop und Hünerbein. Wachlins Romane sind von den Lesern der Krimi-Couch durchweg gut beurteilt worden, der vierte Band der Reihe bekam sogar die Durchschnittsnote 80 Grad.

"Berlin Underground" kann das in meinen Augen nicht ganz bestätigen, denn den wirklich guten Plot hat Wachlin mit einigen Fehlern ausgearbeitet.

Man merkt, dass der Autor gelernter Drehbuch-Schreiber ist. Die Ereignisse in Berlin finden auf verschiedenen Zeitebenen statt, und das Geschehen im Kosovo liegt noch weiter zurück. Der Leser kann das zwar irgendwann erahnen, aber Datumsangaben am Beginn der kurzen und knackigen Kapitel, wie das viele Autoren in so einem Fall machen, wären überaus hilfreich gewesen und hätten für mich den Lesegenuss erhöht.

Als Drehbuch-Autor kann man auf solche Zeitangaben möglicherweise verzichten, obwohl auch in Filmen mittlerweile meistens entsprechende Angaben eingeblendet werden, wenn es in der Zeit hin- und hergeht. Aber in diesem Buch fehlt mir das wirklich. Und auch sonst hat das Werk kleinere Schwächen - dennoch ist "Berlin Underground" ein spannender und lesenswerter Roman.

Kosovo-Krieg beschäftigte deutsche und europäische Öffentlichkeit

Verwirrend sind allerdings der Titel und der Klappentext. Zwar gibt es Einblicke in die Szene unter der Erde, und ein großer Teil der Ermittlungen spielen sich im Untergrund ab, aber die Parallelwelt unter dem Pflaster ist nur zufällig Teil der Geschichte. Das Oberthema "Kosovo-Konflikt" ist dagegen für 1999 gut gewählt, dieser Krieg beschäftigte damals die deutsche und europäische Öffentlichkeit. Nicht in allen Analysen und Korrespondenten-Berichten wurde die Interessenlage der verschiedenen Akteure völlig klar, manches musste erst später aufgearbeitet werden.

Den Background stellt Wachlin perfekt dar, die großen Player werden allerdings eher durch kleinere Figuren repräsentiert - zumindest wirken sie im Roman so. Ex-Stasi-Offizier Siggi Meyer hat mir dagegen gefallen, auch wenn ihm Wachlin angesichts seiner persönlichen Erfahrungen mit der Staatsmacht der DDR ein wenig zu viel zutraut. Das Personal-Tableau ist insgesamt glaubwürdig und authentisch aufgebaut, auch die zunächst eher tollpatschig wirkenden Kommissare gewinnen im Zuge der Handlung an fachlicher Kompetenz.

Zwei völlig unterschiedliche Welten werden miteinander verknüpft

Der Autor hat geschickt arrangiert, wie Knoop und Hünerbein im Untergrund landen. Knoops Sohn hat seinen Tornister verloren, und so wirkt der Anruf, in dem die Fundsache angeboten wird, recht glaubhaft. Knoop macht sich auf in die Tiefen von U- und S-Bahnhof - und wirkt dabei leicht verunsichert. Bei den späteren Ermittlungen kennt er dann allerdings kein Zögern, und landet diesmal tief in der unbekannten Welt. Durch Buch-Titel und Klappentext wird das zwar etwas überbewertet, aber ihre Erlebnisse in den Katakomben Berlins sind dafür klasse geschildert.

Diese zweite Welt in der Stadt, tief unter dem Asphalt, mit Herrschern und Beherrschten, mit Führern und Geführten, haben schon andere Autoren thematisiert. "Berlin Underground" ist auch deshalb spannend, weil hier zwei völlig unterschiedliche Welten verknüpft werden - und erst im Finale wird deutlich, wie fatal diese Verknüpfung ist. Der Ausgang der Geschichte mag manchen Leser überraschen, ich fand es konsequent zu Ende gedacht. Nochmals: Leichte handwerkliche Fehler, die aber angesichts des guten Plots und der interessanten Figuren verzeihlich sind. Insgesamt also ein lesenswertes Buch, unterhaltsam und kurzweilig.

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