Die Lieferantin

Erschienen: Januar 2017

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Suhrkamp, 2017, Seiten: 350, Originalsprache

Couch-Wertung:

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Jochen König
der Brexit ist Alltag

Buch-Rezension von Jochen König Aug 2017

Der Brexit ist Alltag. Die Kluft zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander, die Straßen gehören den "Rotweißblauen", jenen wirrköpfigen und gewaltbereiten Nationalisten, die von der aktuellen Lage profitieren wollen und Jagd machen auf alles, was die falsche Hautfarbe und/oder Gesinnung hat. Dabei handelt es sich nicht nur tumbe Toren aus dem Prekariat, die Rotweißblauen setzen sich aus allen Bevölkerungsschichten zusammen, viele der begeisterten Jubelnazis stammt aus dem universitären Umfeld, das die dunkelhäutige Moraya Humphries, kurz Mo genannt, aus ihrer Studienzeit zur Genüge kennt.

Phrasendrescher garnieren ihre Worte gerne mit Gewalt

Ihre Bildung und elaborierte Sprache sind auf der Straße nichts mehr wert. Mo gehört zu denjenigen, "die sich dahin verpissen sollen, woher sie gekommen sind". Wäre in Mos Fall Edinburgh, doch so meinen es die Phrasendrescher nicht, die ihre Worte gerne mit Gewaltakten garnieren. Mo, die Frau mit dem besten Jahresabschluss ihrer ehemaligen Schule, die erfolgreich Geoinformatik studierte und einen hochdotierten, wen auch geheimnisumwitterten Job hat, flüchtet. Doch nicht weg aus Brixton, sondern nach Innen. Reisemittel: Heroin, das sie allerdings raucht und nicht spritzt. Das Geld dafür verdient Mo locker.

Weniger gut betucht ist der Barbesitzer Leigh. Obwohl sein Laden sehr gut läuft, hat er finanzielle Sorgen. Was an dem Geldeintreiber Gonzo liegt, der Schutzgeld für die Gangstersippe Boyd kassiert. Erst in einem Rahmen, der Leigh genügend Spielraum zum Leben lässt, dann steigern sich seine Forderungen ins Unrentable. Was den eigentlich friedfertigen Leigh explodieren und Gonzo einzementiert im Kneipenboden enden lässt.

Später macht sich Leigh schwere Vorwürfe. Doch nicht nur wegen des Totschlags im Affekt, sondern weil ein Gangsterkrieg ausbricht, der auch Leighs Freunde und Bekannte in Mitleidenschaft zieht.

Suche nach dem Geldeintreiber endet mit einer Leiche

Der Boyd-Clan sucht nach dem verschwundenen Gonzo. Und geht dabei über Leichen. Vater Walter zieht die Strippen, Sohn Mick, der eigentliche Erbe, ist nur noch beratend tätig, also wird sein jüngerer Bruder Declan, Akademiker mit anfänglichen Ressentiments, auserkoren, die Dynastie weiterzuführen. Die Vermisstensuche mit all ihren Konsequenzen soll eine Art Einführung sein. Endet mit einem Toten, was große Probleme für Ellie Johnson, die titelgebende "Lieferantin", mit sich bringt.

Denn der aus dem Leben geschiedene Jimmy Macfarlane war Ellies Zulieferer, die via Darknet Drogenbestellungen aufnimmt und mittels hochentwickelter Drohnen ausliefern lässt. Eine Technologie, die natürlich auch die Boyds interessiert. So treibt es die Beteiligten unweigerlich aufeinander zu, während England in Auflösung begriffen ist und auf der Straße Kämpfe toben. Keiner der Konflikte wird sich friedlich lösen lassen.

Der Brexit spaltet Großbritannien in unvereinbare Teile

"Die Lieferantin" ist eine beklemmende, spannende Mixtur aus Dystopie und Kriminalroman. Wobei die Dystopie an die Gegenwart andockt und diese konsequent weiter interpretiert. Der Brexit hat nicht nur die Briten auf sich selbst zurückgeworfen, er spaltet das Land in unvereinbare Teile. Sozialprogramme werden gekürzt, abgeschafft oder stumpf vergessen. Rassismus und Nationalismus prägen den Alltag. Können, Bildung und Kreativität spielen kaum eine Rolle mehr, wenn die Herkunft und Hautfarbe nicht stimmen. Die Regierung setzt weiterhin auf eine harte Linie und propagiert den "Druxit", der den Drogenbesitz und -gebrauch nicht nur hart bestraft, sondern die Abhängigen auch selbst überlässt, indem ihnen jegliche Form der Unterstützung entzogen wird. Was auch die medizinische Versorgung betrifft.

Es fällt leicht, sich aktuell aktive Politiker*innen als Propagandisten dieser Maßnahme vorzustellen. Natürlich gibt es eine Gegenbewegung, die bei ihren Protesten gerne, und ohne großen Widerstand auflaufender Polizeikräfte, von den "Rotweißblauen" niedergeknüppelt wird. Todesfälle eingeschlossen. In solchen Momenten wird der Roman zur finsteren Satire, die realen Verhältnissen und Begebenheiten ihre Schärfe verdankt. Zoë Beck hat genau hingeschaut und bringt das passgenau in den Text ein, ohne es mit der Krimihandlung allzu hart kollidieren zu lassen.

Die auf einen Kampf zwischen dem Vertreter eines klassischen, patriarchalischen Gangsterclans und der modern und letztlich aus lauteren Motiven agierenden Lieferantin Ellie Johnson hinausläuft. Deren Beweggründe, neben einer florierenden Firma zur Hard- und Softwareentwicklung, eine Drogen-Drohnenflotte zu betreiben, man schlucken muss. Ist doch der Drogentod ihres Bruders, für den sich Ellie mitverantwortlich macht, Hauptauslöser unter die Rauschgifthändler zu gehen. Als Protest gegen die Versorgung mit gepanschtem und in seiner Wirkung kaum zu berechnendem Stoff.

Es fällt nicht ganz leicht, dieser Argumentationskette ohne Stirnrunzeln zu folgen. Dass Ellie ihren kleinen Drohnenverkehr aber mit weiteren und ganz anderen Hintergedanken vollzieht, ist glaubwürdig. Denn sie wendet die Möglichkeit zur grenzenlosen Überwachung konsequent gegen deren Befürworter an. Dieser Erzählpart um die Verwendung hochentwickelter, kaum vogelgroßer Drohnen führt zu einer scharfen Kritik des gerade von neoliberalen Polithasardeuren so gerne wie gehaltlos verkündeten: "Digital first, Bedenken second."

Wütende Gesellschaftskritik und düsterer Gangsterthriller als stimmiges Mix

Zoë Beck gelingt es fast mühelos, die unterschiedlichen Themen in ihrem effizient geschriebenen Roman zu vereinen, ohne dass die Handlung von instruktivem Gebaren überlagert wird. Lediglich an wenigen Stellen neigt sie zum Dozieren. Wie in jenem ausführlichen Dialog, in dem sich Großdealer und Kundin über die Rauschmittel-Historie Edinburghs ausmähren. Wobei das vermittelte Wissen in diesen Passagen erhellend bleibt und dank Becks geschliffenem Stil nicht zur reinen Fußnote wird.

"Die Lieferantin" zeichnet sich per se durch gestalterische Ökonomie aus. Die Charaktere werden knapp und nachvollziehbar entwickelt, ausschweifende, seitenstreckende biographische Abschweifungen bleiben aus. Die verzweigte und verzwickte Handlung zerfasert nicht, sondern bewegt sich konsequent von unterschiedlichen Ausgangslagen zu ihren Kulminationspunkten. Wütende Gesellschaftskritik, düsterer Gangsterthriller und ein nicht zu unterschätzendes Maß an Komik (explizit der Part um den sorgenvollen Kneipier Leigh) ergeben ein stimmiges Ganzes, bei dem sich auch scheinbar widerstrebende Teile prächtig ergänzen.

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