Das Original

Erschienen: Januar 2017

Bibliographische Angaben

  • München: Heyne, 2017, Seiten: 350, Übersetzt: Kristiana Dorn-Ruhl, Bea Reiter, Imke Walsh-Araya

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Almut Oetjen
 Über Autoren, Bücher und Diebe

Buch-Rezension von Almut Oetjen Aug 2017

Eine Diebesbande raubt die fünf handgeschriebenen Roman-Mmanuskripte von F. Scott Fitzgerald aus der Firestone Library der Princeton University. Zwei der Diebe werden schnell gefasst, die anderen drei bleiben spurlos verschwunden, ebenso wie die Manuskripte. Die Uni erwartet die obligatorische Lösegeldforderung, während FBI und Versicherungsgesellschaft ermitteln. Die Spur führt zu dem Buchhändler Bruce Cable auf Camino Island in Florida. Er führt einen der erfolgreichsten unabhängigen Buchläden des Landes, sammelt moderne Erstauflagen - und dealt mit gestohlenen Büchern.

Die Detektei der Versicherungsgesellschaft will ihm eine Falle stellen und heuert die junge, talentierte Autorin Mercer Mann an. Sie soll sich gegen eine großzügige Vergütung bei Cable einschleichen und ihn ausspionieren. Cable liebt Bücher, vor allem signierte Erstausgaben, und Autoren, vor allem attraktive weibliche. Mercer hat die perfekte Tarnung. Sie hat einen Ruf als Autorin und ist praktisch auf der Insel aufgewachsen. Sie hat die Sommer ihrer Kindheit bei ihrer inzwischen verstorbenen Großmutter verbracht. Deren Strandhaus gehört immer noch Mercers Familie. 

Sie hat zunächst Skrupel und fühlt sich dem Auftrag nicht gewachsen, aber mit dem Job wäre sie ihre finanziellen Sorgen vorerst los und könnte sich ganz ihrem zweiten Roman widmen, statt sich mit Zeitjobs als Uni-Dozentin durchzuschlagen. Schnell lebt sie sich wieder auf Camino Island ein, knüpft über die anderen Autoren auf der Insel Kontakt zu Bruce Cable und dessen Frau Noelle, die mit französischen Antiquitäten handelt. Das Spionieren beginnt ihr Spaß zu machen und es gelingt ihr, in Cables Heiligtum vorzudringen, den Tresorraum im Keller.

Schildkröten bei der Eiablage

Auf den ersten 50 Seiten beschreibt Grisham in einer spannenden und detaillierten Darstellung den minutiös geplanten Ablauf des Fitzgerald-Diebstahls, die Vorbereitungen, den Coup mit dem groß angelegten Ablenkungsmanöver, den Fehler, die Flucht, den Mord.

Dann folgt ein Bruch. In den nächsten zwei Kapiteln werden mit dem "Händler" Bruce Cable und der "Rekrutin" Mercer Mann die beiden eigentlichen Hauptfiguren eingeführt. Grisham schildert ihren Lebenslauf und ihre aktuelle Lage. Dabei gerät der Diebstahl aus dem Fokus. Irgendwann taucht der Anführer der Diebesbande wieder auf. Der Dieb sucht nach den Manuskripten, weil er sich von seinem Zwischenhändler betrogen fühlt.

Die Handlung weist kaum Überraschungen auf. Alles entspricht dem, was gesagt wird. Zudem wimmelt der Roman von Redundanzen und unnötigen Kommentaren des Erzählers. Nur am Ende zieht Grisham das Tempo wieder an, konstruiert ein paar Verwicklungen und Komplikationen.

Der Autor nutzt die Krimihandlung als hübsche Verpackung für sein eigentliches Thema: das Buch als kulturelles Artefakt. Es geht um das Schreiben von und den Handel mit Büchern. Die Zwischenstufen wie Verlage und Marketing oder das Thema Literaturmafia blendet er aus.

Mercer verkörpert den modernen amerikanischen Alptraum

Was geschieht mit einer talentierten Autorin, der nach einem achtbaren Erfolg nichts mehr gelingt? Mercer steckt in ihrem aktuellen Manuskript fest. Sie verwirft es, beginnt ein neues, verwirft auch dieses. Cable hat Ratschläge und eine Idee parat, aber das wäre dann nicht mehr ihr Roman. Kurzum: Mercer fällt einfach nichts ein. Sie glaubt, dass ihre Geldprobleme ihrer Kreativität im Weg stehen. Mercer verkörpert den modernen amerikanischen Alptraum vom hochqualifizierten Akademiker, der keine Beziehungen hat und keine Zukunftsperspektive. Akademisches Proletariat mit miesen Zeitarbeitsverträgen.

Ihr Motiv für die Spionagetätigkeit ist das Geld, das ihr die nötige Unabhängigkeit für eine Schriftstellerkarriere liefern würde. Doch dann vollzieht sie eine Wendung, beginnt sich nur noch für Geld, Sex, Champagner und Bruce Cable zu interessieren und merkt, dass ihr die Ideen für einen Roman fehlen. Sie ist die talentierte Autorin, deren Karriere vorzeitig beendet ist, und die von ihrem Autorenhonorar nicht leben kann.

Vielleicht gehört sie zu den Eintagsfliegen, die einen autobiographischen Roman schreiben und sich damit auserzählen.

Ausführlich schildert Grisham auch den Werdegang von Bruce Cable, der sich gegen die Konkurrenz von Buchketten und Online-Handel behauptet, durch Selbstausbeutung und interessante Marketing-Ideen.

Plakative Hauptfiguren bleiben weitgehend blass

Beide Hauptfiguren sind plakativ und blass und kaum in der Lage, die Krimi-Handlung voranzutreiben. Die Geschichte plätschert seicht vor sich hin mit Anbahnungsgesprächen, konspirativen Treffen zwischen Mercer und ihrer Auftraggeberin. Mercer liegt am Strand, trägt Bikini oder leichtes Sommerkleid, sonnt sich, beobachtet tagsüber einen knackigen Jogger und nachts die Eiablage der Unechten Karettschildkröte (Caretta caretta), hängt sentimentalen Kindheitserinnerungen nach, kuriert ihren Kater aus, lernt die Autoren von Camino Island kennen.

Diese Autorentreffen gehören mit zu den wenigen Highlights des Romans. Ironisch, entlarvend und bissig entwirft Grisham eine Autoren-Typologie: die Freundinnen Myra und Leigh, die gute Schriftstellerinnen sind, aber unter Niveau und Pseudonym erotische Liebesromane schreiben, der Krimiautor Andy, ein Trinker und Raufbold, das "Vampirmädchen" Amy, Bob, der im Knast das Schreiben von Wirtschaftskrimis gelernt hat. Schund verkauft sich, Literatur bringt nichts ein, so die zynische Message.

Da wird gnadenlos getratscht und sich gegenseitig zerrissen. Der Leser erfährt einiges über das Elend einer abgebrochenen Lesereise und welche zehn Fehler ein Autor aus Sicht von Profi-Leser Bruce Cable tunlichst zu vermeiden hat. Die fiktiven Schriftsteller reden viel über sich selbst, aber noch mehr über andere, nicht-fiktive Autoren, wie Kristin Hannah, Anne Tyler, Louise Erdrich oder Zelda Fitzgerald und Ernest Hemingway.

Über weite Strecken langweilig und langatmig

John Grishams Thriller "Das Original" thematisiert das Buch und sein Umfeld. Die Suche der Heldin nach den gestohlenen Manuskripten von Scott F. Fitzgerald gerät dabei ins Abseits. Es gibt zu viele gute Romane, um seine Zeit mit schlechten zu vergeuden, meint Bruce Cable. Dem kann man sich nur anschließen. Grishams 30. Roman ist über weite Strecken langweilig und langatmig. Es dürfte wohl spannender sein, die Unechte Karettschildkröte bei der Eiablage zu beobachten.

Das Original

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Letzte Kommentare:
31.03.2019 08:36:41
Nitram27

Das erste Buch von John Grisham, bei dem die Gefahr bestand, dass ich es zur Seite lege, bevor ich es durch gelesen habe.
Grisham verliert sich in hundert Details unwichtigster Nebensächlichkeiten. Die Protagonisten sind einschichtig und absolut vorhersehbar in ihren Handlungen. Die Geschichte ist zu dünn für die Extension, in der sie erzählt wird.

24.12.2017 22:31:39
Leser

Ich habe nun viele John Grisham Bücher gelesen, selten war ein Buch von ihm so langweilig, aber bei weitem nicht so schlimm wie die Vorgänger.
Seit " Komplott" hat John Grisham keinen richtigen spannenden Thriller mehr geschrieben, vielmehr Romane.
Allmählich fällt ihm keine neue Geschichten mehr ein, kein Wunder, wenn er zwei Romane in einem Jahr heraus bringt. Dabei muss man sich fragen, schreibt er selbst oder eine Maschine für ihn.
Auf jeden Fall ist dieses Buch ziemlich eintönig, monoton und enthält keinerlei Spannungen.

04.11.2017 13:04:24
Marius

Wer den Klapptext gelesen hat merkt, dass es sich bei dem Buch nicht um einen packenden Thriller, sondern um einen gemütlichen Krimi zum Entspannen handelt. Als schwachen Punkt anzuführen, dass "Das Original" nicht spannend genug sei ist, als würde bei einem Drama kritisieren, dass es nicht komisch genug ist. Zum nebenher lesen taugt das Buch allemal und man merkt wie sehr John Grisham die Buchwelt liebt. Mehr als ein "Krimi für zwischendurch" ist "Das Original" trotzdem nicht.
Ich gebe solide 75 Punkte.

13.09.2017 18:18:24
JoMu

Leider nicht gut. Dieses Urteil muss man so deutlich aussprechen, weil der Autor es sonst besser kann. Aber diese Geschichte über den Raub von Manuskripten und deren Rückkehr ist in keiner Hinsicht gelungen. Der Anfang verspricht zwar noch eine spannende Handlung und ist sehr gut gelungen. Danach verflacht die Handlung aber so sehr, dass man sich ständig wundert, wann denn nun endlich etwas passiert. Es passiert aber nichts, oder besser, es passiert nichts überraschendes. Die Geschichte verläuft genau so, wie die im Buch handelnden Personen sie ankündigen. Spannung kann sich daher nicht aufbauen und der Rest des Buchs bietet keinen Ausgleich. Denn Grisham kann keine fesselnden Personenbeschreibungen oder Hintergründe schildern. Vielmehr leben seine Bücher von der Spannung und einer rasanten und abwechslungsreichen Handlung. Wenn das aber fehlt, dann bleibt - wie hier - wenig übrig.