Corruption

Erschienen: Januar 2017

Bibliographische Angaben

  • Köln: Lübbe Audio, 2017, Seiten: 3, Übersetzt: Dietmar Wunder

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75°
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Birgit Stöckel
Möge die Force mit dir sein

Buch-Rezension von Birgit Stöckel Mai 2017

Denny Malone ist der König von Manhattan. Er ist Mitglied der Manhattan North Special Taskforce, der berüchtigten Elitetruppe des NYPD, kurz Da Force genannt. Ein harter Knochen, der nach 18 Jahren alles gesehen hat, was man im Dienste der Polizei sehen kann - und der für Recht und Ordnung auf den Straßen sorgt. Ein Hero Cop, der mit seinen Partnern, die ihm näher stehen als seine Familie, den größten Drogenfund in der Geschichte New Yorks für sich verbuchen kann, und dafür von der Presse hochgelobt und gefeiert wird. Malone ist aber auch ein Dirty Cop. Er erpresst gnadenlos seine Informanten, um an größere Fische ranzukommen, er unterhält beste Verbindungen zu diversen Mafia-Familien, liefert Bestechungsgelder aus, nimmt auch selber welche an, damit er im richtigen Augenblick in die falsche Richtung sieht und streicht bei Razzien durchaus seinen Anteil an gefundenen Drogen und Geld ein. Doch eines Tages klopft das FBI an seine Tür und konfrontiert ihn mit belastendem Material, und plötzlich ist alles bedroht, was ihm wichtig ist: Seine Karriere, seine Partner, seine und deren Familien, seine Geliebte. Doch die Alternative ist genauso furchtbar: Zum Verräter, zur Ratte werden und andere verpfeifen - und damit tiefer zu sinken, als der schäbigste Kleinkriminelle.

Das Leben ist hart, schmutzig und unfair

Winslow schreibt hart und brutal. Nach 20 Seiten der erste, der unfreiwillig aus dem Leben scheidet - und naturgemäß bleibt er nicht der einzige. Wer Don Winslow kennt, weiß das. Wer Don Winslow kennt, weiß auch, dass dieser kein Blatt vor den Mund nimmt und Grausamkeiten, Tötungsarten und Folter-Methoden detailgenau beschreibt. Ebenso schreckt er nicht vor Fäkalsprache zurück. "Fick dich" und "Arschloch" sind hier schon fast als Kosenamen zu sehen. Wer in dieser Hinsicht zartbesaitet und leicht zu schockieren ist, sollte von diesem Autor die Finger lassen. Winslow will erschüttern und aufrütteln, und das gelingt ihm auch. Die menschlichen Abgründe sind unermesslich tief und schmutzig, und die Cops des NYPD blicken so tief hinein, dass sie darin zu ertrinken drohen. Siebenjährige Kinder, die an einer Überdosis Heroin sterben, ganze Familien, die im Bandenkrieg hingerichtet werden, häusliche Gewalt, sexuelle Gewalt, Beschaffungskriminalität und ungezählte Drogentote so viel Hornhaut kann man gar nicht auf seine Seele legen, als dass diese das unbeschadet übersteht.

Pathos, Klischees und Längen

So sehr es dem Autor auch gelingt, den Leser zu entsetzen und zu schockieren, so sehr rutscht er immer wieder in Klischees, gepaart mit triefendem Pathos, ab. Malone ist ein Bild von einem Cop: Gutaussehend, durchtrainiert, tätowiert und mit einigen Narben gekennzeichnet, die von seinen Heldentaten im Kampf gegen das Böse erzählen. Zudem getrennt von seiner Frau, aber selbstverständlich weiterhin der liebende und fürsorgliche Familienvater, der jeden in der Luft zerreißen würde, der seiner Familie zu nahe kommt. Außerdem ist er wieder verliebt - eine drogenabhängige Schwarze. Klischeehafter geht wohl kaum. Natürlich macht er auch alles, was ihn belastet, mit sich selbst aus. Psychologische Hilfe verbietet sich von selbst, das wäre Karriere-technisch Selbstmord, wenn man eingesteht, nicht hart genug sein. Außerdem ist ein Cop zu sein offenbar die einzige Identität, die Malone kennt, so dass jede andere Tätigkeit außer dem Kampf auf der Straße keine Alternative darstellt. Ein weiterer nicht unwesentlicher Kritikpunkt ist der anfänglich nur sehr flach vorhandene Spannungsbogen. Die ausufernden, minutiösen Beschreibungen von Malones Wegen durch Manhattan mit Aufzählung jeder einzelnen Straße und vielen der angrenzenden Gebäuden sorgt vor allem in der ersten Hälfte für einige Längen. Richtig Fahrt nimmt die Geschichte erst auf, als das FBI Malone an den Eiern hat (um es mit Winslows Sprache auszudrücken) und zudrückt. Dann wird es spannend und atemlos bis zum wirklich furiosen (und natürlich blutigen) Ende, das allerdings auch wieder nicht frei von Klischees und Pathos ist.

"Wie überschreitet man eine rote Linie? - Schritt für Schritt"

Trotz dieser Kritikpunkte hat "Corruption" eine unbestreitbare Stärke: Es wirft unangenehme moralische Fragen auf: Heiligt der Zweck die Mittel? Wie weit darf man gehen, um das vermeintlich Richtige zu tun? Wird das Richtige irgendwann zum Falschen, wenn man sich der gleichen Methoden bedient, wie die, die man bekämpfen will? Kann man als einziger nicht korrupt sein, wenn es alle anderen sind? Wie weit darf man gehen, um die zu schützen, die man liebt?

Winslow zeichnet vor allem in der zweiten Hälfte geschickt nach, wie aus dem jungen, idealistischen Polizisten Denny Malone der zynische Dirty Cop wird. Wie die erste harmlose Vorteilsannahme - ein Kaffee oder ein Sandwich, um einen Strafzettel zu vergessen - die Hemmschwelle für den nächsten Schritt senkt, und wie sich dieses Muster fortsetzt, je mehr man sich daran gewöhnt, je abgestumpfter und abgebrühter man wird. Spannend ist auch, mit anzusehen, wie Malone versucht, sich aus dem Schlamassel, in den sich selbst reingeritten hat, wieder zu befreien. Sein Kampf mit sich und dem FBI ist äußerst gelungen, und die Frage Was hätte ich gemacht stellt man sich beim Lesen mehr als einmal. Gerade diese Fragen machen "Corruption" trotz der genannten Kritikpunkte zu einem lesenswerten Roman.

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