Good as Gone

Erschienen: Januar 2017

Bibliographische Angaben

  • Boston New York: Houghton Mifflin Harcourt, 2016, Titel: 'Good as Gone', Originalsprache
  • München: Der Hörverlag, 2017, Seiten: 1, Übersetzt: Anna und Nellie Thalbach, Bemerkung: gekürzte Ausgabe

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Brigitte Grahl
Viel Potential im falschen Genre verschenkt

Buch-Rezension von Brigitte Grahl Mär 2017

Good as gone erzählt von einem entführten Mädchen, dass nach acht Jahren plötzlich wieder auftaucht. Aber ihr Verhalten weckt bei der Mutter Misstrauen: ist das wirklich ihre Tochter oder eine Fremde, die sich für sie ausgibt?

Erste Lektüre: Good as gone als Thriller

Der Plot klingt nach einem spannenden Thriller und wird als solcher auch vom Verlag beworben. Der Titel erinnert nicht zufällig an den Bestseller Gone Girl. Mit dieser Erwartung liest man den Erstling von Amy Gentry und wird enttäuscht. Dabei beginnt das Buch mit einer spannenden Entführungsszene und steigt auch schnell in das aktuelle Geschehen ein: als die entführte Tochter acht Jahre später vor der Haustür steht. Erzählerin ist die Mutter, Anna, die jede Hoffnung aufgegeben hatte, dass ihre Tochter Julie noch leben könnte.

Emotional immer noch blockiert beobachtet sie die zurückgekehrte junge Frau, die ihr fremd ist und versucht sie mit dem Kind abzugleichen, das vor acht Jahren verschwand. Dabei kommen ihr immer mehr Zweifel, die auch von außen genährt werden, ob das wirklich ihre Tochter ist. So weit, so spannend. Aber nach circa 50 Seiten entschließt sich die Autorin, die Erzählperspektive zu wechseln. Das aktuelle Geschehen, in Ich-Form von der Mutter geschildert, wird regelmäßig von Szenen unterbrochen, in der jemand mit verschiedenen Persönlichkeiten in der dritten Person eine Geschichte erzählt. Diese Szenen führen immer weiter zurück in die Vergangenheit, bis zu dem Zeitpunkt, wo die Vergangenheit an die Gegenwart anknüpft. Klingt verwirrend und ist es auch. Der Wechsel von Perspektive und Zeitachse stört mehr, als dass er die Spannung steigert.

Nach dem flotten Beginn lässt der Thrill erstmal auf sich warten. Die Erzählung konzentriert sich zuerst einmal auf die Dynamik, die aufgrund der neuen Situation in der Familie entsteht. Anna und Julie bilden den Fokus und ihre Charaktere bekommen "Fleisch", der Rest des Figuren bleibt blass. Noch ärgerlicher ist der Eindruck, dass einige Figuren nur dazu dienen, den Leser auf (falsche) Fährten zu führen. Die Zeit- und Perspektivsprünge stören den Erzählfluss und den Spannungsbogen. Eine lineare Erzählform hätte dem Thriller deutlich besser getan. Erst in der Klimax besitzt Good as Gone das Tempo und die Spannung, auf die man die ganze Zeit gewartet hat. Dass es der Autorin im Grunde gar nicht um die Frage geht "ist es die echte Julie oder eine Betrügerin?", wird daran deutlich, dass das Buch mit der Beantwortung noch nicht zu Ende ist. Auf den letzten Seiten geht es um viel größere und tiefere Fragen als die Lösung eines Kriminalfalles.

Zweite Lektüre: Good as gone als psychologisches Drama

Amy Gentrys Geschichte wurde inspiriert von der Entführung von Elisabeth Smart im Jahr 2002. Aber ihr Buch erzählt nicht einfach einen wahren Fall frei weiter. Er dient ihr vielmehr als Blaupause für eine psychologische Studie. Good as gone stellt auf nur 317 Seiten eine Menge tiefsinniger Fragen: Was macht eine jahrelange Entführung mit dem Opfer, was macht es mit den übrigen Familienmitgliedern? In Good as gone hat jedes Familienmitglied auf seine eigene Weise gelitten und einen Umgang damit gefunden. Aber dabei haben sich alle von sich selbst und den anderen entfremdet. Als Julie auftaucht, kommt wieder Bewegung in die Familie und die Erzählerin Anna, Julies Mutter, stellt fest, dass nicht nur ihre entführte Tochter Geheimnisse hütet. Zu Beginn des Romans sagt Anna:

"Da ist so vieles, was ich nicht von Julie weiß, aber ich kann die Wahrheit aushalten. Mir ist schon das Schlimmste passiert, was einer Mutter zustoßen kann." [S. 55]

Am Ende des Romans erkennt sie, wie gründlich sie sich damit geirrt hat.

Good as gone reißt auch Fragen an wie: Was ist Identität? Ist man nach einer traumatischen Erfahrung noch man selbst? Kennen Eltern ihr Kind jemals wirklich? Amy Gentrys Buch erzählt von (Selbst-)Erkennen und (Selbst-)Entfremdung. Sie erzählt eine tieftraurige und herzzerreißende Geschichte. "So gut wie verschwunden" ist nicht nur die entführte Julie, auch die vernachlässigte Schwester Jane, die frühere Persönlichkeit Julies und die Gefühle der Mutter.

Amy Gentry hat das psychologische Feingefühl und das Schreibtalent, um so tiefsinnige Themen auszuloten, das ist selbst bei der Kürze dieses Buches erkennbar. Ausführlicher behandelt hätte daraus ein großartiges psychologisches Drama werden können. Leider hat sich die Autorin für ein anderes Genre und damit für die falsche Zielgruppe entschieden und so ist aus Good as gone nur ein mittelprächtiger Thriller geworden - schade!

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