Demut

Erschienen: Januar 2017

Bibliographische Angaben

  • Stockholm: Norstedts, 2014, Titel: 'Straffa och låta dö', Originalsprache
  • München: btb, 2017, Seiten: 736, Übersetzt: Leena Flegler

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Brigitte Grahl
Fifty Shades of Grey auf schwedisch: Schmerz statt Lust

Buch-Rezension von Brigitte Grahl Mär 2017

Mats Olsson ist unter anderem der schwedische Übersetzer von hochkarätigen Krimischriftstellern wie James Lee Burke, Robert Crais und Joseph Wambaugh. Deren Werke zeichnen sich durch realistische Ermittlungsarbeit und zynische Ermittler aus. Merkmale, die sich auch in Mats Olssons Debüt wiederfinden. Demut ist ein Thriller, vielmehr ein Detektivroman, mit einem Journalisten als Ermittler.

Hauptfigur Harry Svensson scheint ein Alter Ego des Schriftstellers Mats Olsson zu sein: ein Journalist mittleren Alters, der gutes Essen, Musik und Frauen liebt, viel herumreist und mit einer Mischung aus Abgeklärtheit und Zynismus auf die Welt blickt. Als Harry zufällig in einen Tatort gerät, kümmert er sich zuerst einmal um seine Sensationsstory, bevor er die Polizei ruft. Als er herausfindet, dass der Täter die gleiche Vorliebe für Spanking hat, wie er selbst, steckt er in einer Zwickmühle: Wenn die Polizei das von ihm wüsste, wäre er noch verdächtiger als ohnehin schon. Dazu kommt, dass auch der Täter Harrys Geheimnis kennt und ihn mit anonymen Nachrichten provoziert. Harry entscheidet sich dafür, der Polizei so Einiges zu verheimlichen und macht sich stattdessen daran, selbst den Täter zu ermitteln.

Überlanger Krimi mit Detailfreude

Wer Demut liest, braucht einen langen Atem: Der Krimi ist 731 Seiten lang. Die Spannung nimmt erst im letzten Fünftel des Buches mit kürzeren Kapiteln und Perspektivwechseln zwischen Harry und dem Täter an Fahrt auf. Vorher erfährt man fast alles über die Hauptfigur Harry Svensson: seine Vergangenheit, seine Meinung zu Musik und Journalismus und seine Vorlieben wie Essen, Musik, Spanking und Frauen. Da Harry viel in Schweden herumfährt, lernt man nebenbei auch Bars, Restaurants und Cafés kennen.

Ebenso viel Aufmerksamkeit und Raum widmet Mats Olsson den Menschen, denen Harry im Verlauf der Geschichte begegnet. Jede noch so kurze Zufallsbekanntschaft wird mit einer detaillierten Beschreibung bedacht. Das ist aber auch ein großes Plus des Autoren: Nie wirken die (Neben-)figuren und Schauplätze wie Stereotype, sondern sehr individuell und lebendig. Man hat beim Lesen immer ein Bild vor dem geistigen Auge.

Auch der Täter, dessen Perspektive die Leser nach circa 100 Seiten das erste Mal teilen, kommt im Laufe der Geschichte immer öfter zu Wort und wir lernen allmählich seine Vergangenheit und seine Motive kennen. All das hat natürlich seinen Preis: Der Krimi ist ebenso "breit" wie lang und darunter leidet natürlich auch die Spannung. Bei einem erfahrenen Schreiber und Krimiübersetzer wie Olsson darf man davon ausgehen, dass das kein Anfängerfehler ist, sondern gewollt. Demut ist das erste Buch einer Reihe um Harry Svensson und viele Figuren und Ereignisse dürften in späteren Büchern eine Rolle spielen. Ansonsten wären ausführlich geschilderte Szenen wie z. B. die Szenen mit dem scheuen Mädchen, die mit der Haupthandlung nichts zu tun haben, reine Platzverschwendung.

Kein typischer 08/15 Krimi

Auch mit Plot-Twists hält sich der Autor überraschend zurück. Stattdessen schildert er über den Zeitraum von eineinhalb Jahren realistische Ermittlungsarbeit, die seinen Protagonisten Harry zielstrebig zum Täter führen. Untypischerweise wird die Identität des Täters nicht erst im Finale enthüllt, sondern schon deutlich früher. Olsson verzichtet damit auf bewährte Stilmittel, welche die Spannung steigern. Auch das Spannungspotential, das in der Beziehung zwischen Harry und dem Täter steckt, nutzt der Autor erstaunlich wenig. Erst im Finale setzt Olsson wieder auf Genretypisches. Das bringt nochmal Tempo und Spannung, wirkt aber auch deutlich unrealistischer als alles Vorausgegangene.

Wer bereit ist, sich auf das ausufernde Werk einzulassen, bekommt zusätzlich zu einem recht unblutigen Kriminalfall auch Reisetipps, Rezepte, eine Einführung ins Spanking und einen neuen Bekannten, der viel und unterhaltsam plaudert. Man darf davon ausgehen, dass Harrys geheime Vorliebe fürs Spanking sowie der Ausgang seines ersten Falles ihm künftig noch einige Probleme bescheren werden.

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