Das Scherbenhaus

Erschienen: Januar 2017

Bibliographische Angaben

  • München: carl's books, 2017, Seiten: 336, Originalsprache

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Andreas Kurth
Wenn im sicheren Hafen das Chaos regiert

Buch-Rezension von Andreas Kurth Jan 2017

Die Stader Köchin Carla Brendel ist von einem Stalker mehrere Monate lang übel verfolgt und traktiert worden. Der Mann hat ihr schlimme Fotos von mit Messern verletzter Haut geschickt, und auch noch krankhaft anmutende Texte dazu geschrieben. Und nun ist scheinbar Ruhe eingekehrt, Carla traut dem Frieden jedoch nicht wirklich.

Da kommt es ihr gerade recht, dass sich ihre Halbschwester Ellen überraschend meldet, und Carla höchst eindringlich bittet, zu ihr nach Berlin zu kommen. Sie freut sich, ihrer Umgebung für einige Zeit zu entkommen - zumal sich der Stalker nach mehrmonatiger Pause wieder meldet. Ellen ist Architektin und bietet ihrer Schwester Zuflucht in der von ihr entworfenen luxuriösen Wohnanlage namens Safe Haven. Doch dieser sichere Hafen entpuppt sich als keineswegs sicher. Nach ihrem ersten Treffen ist Ellen plötzlich spurlos verschwunden, und wird kurz darauf tot im Landwehrkanal gefunden. Carla ist verzweifelt, glaubt die Selbstmord-These der Polizei nicht - und macht bald die Erfahrung, dass Safe Haven eben alles andere als sicher ist.

Ein Kriminalroman mit vielen interessanten Facetten

Susanne Kliem hat mit Scherbenhaus bereits ihren fünften Kriminalroman vorgelegt - und der hat einen hohen Grusel-Faktor. Die Wahl-Berlinerin ist journalistisch und am Theater tätig, dort spielte auch ihr erster Roman. Für ihre ersten vier Bücher hat sie auf der Krimi-Couch nur wenige Bewertungen bekommen, aber die waren bis auf eine Ausnahme durchweg positiv. Das Scherbenhaus wurde nun vom Verlag als Psychothriller deklariert, mit dieser Bezeichnung werden etliche Leser ihre Probleme haben.

Es ist ein Kriminalroman mit vielen interessanten Facetten, und psychologische Spielchen gehören unbedingt dazu. Der Thrill baut sich allerdings eher langsam auf. Zwar wird der Leser ohne Vorgeplänkel mit den recht grausamen Bildern konfrontiert, die Carla vom unbekannten Stalker bekommt, und die sind wirklich gruselig. Aber danach geht es zunächst mit eher ruhigen Tönen weiter.

In der zweiten Hälfte nimmt der Roman deutlich mehr Fahrt auf

Der Kontrast zwischen der Provinz in Stade und der Großstadt Berlin ist stets spürbar, wenn Carla von der einen in die andere Welt wechselt. Spannung baut die Autorin in der ersten Hälfte des Buches nur sehr unterschwellig auf. Da geht es vor allem um familiäre und freundschaftliche Beziehungen, um Carlas mitunter problematisches Verhältnis zu ihrer Halbschwester - und zu ihrer gemeinsamen Mutter. Der Tod von Ellen wird fast schon en passant erzählt, ist aber für den weiteren Verlauf der der Handlung einer der wichtigsten Schlüssel.

Im Safe Haven geht es dann jeoch etwas mehr zur Sache, in der zweiten Hälfte nimmt der Roman deutlich mehr Fahrt auf. Bis dahin hat das Werk die Bezeichnung Psychothriller allenfalls in Ansätzen gerechtfertigt, aber mit den Vorfällen in der hochmodernen Wohnanlage, die nun Carla gehören soll, nimmt die Spannung deutlich zu. Die junge Köchin muss sich durch die rätselhafte Vorgänge tasten, um die Wahrheit in einem schmerzvollen Prozess selbst herauszufinden.

Carla ist eine interessante Figur, eine Mischung aus naiv und weltoffen

Aber auch die erste Hälfte ist fesselnd erzählt, wenn auch die großen Spannungsmomente fehlen. Ein Manko fand ich allerdings sehr ärgerlich. Das Safe Haven wird als große Wohnanlage beschrieben. Wenn sich dann die Hausgemeinschaft zur Begrüßung versammelt, ist das gerade mal etwas mehr als eine Handvoll Menschen. Das passt nicht wirklich zusammen. Aber Schwamm drüber, für die Handlung des Romans ist das nicht wirklich wichtig.

Das Buch ist ansonsten gut lesbar, die bildhafte Sprache vermittelt einen guten Eindruck von der jeweiligen psychischen Verfassung der Protagonisten. Carla ist eine interessante Figur, eine Mischung aus naiv und weltoffen - immer wechselnd in ihren Ansichten und Handlungen.

Das dramatische Kammerspiel vermag gut zu unterhalten

Die Nebenfiguren bleiben demgegenüber eher blass. Ellen hat nur einen Kurzauftritt, das ist dem Plot geschuldet. Carlas Stader Umfeld kommt ziemlich bodenständig rüber, aber spielt eben nur am Rande eine Rolle. Anders sieht das bei ihren Mitbewohnern im Safe Haven aus. Die dominierende Figur ist Milan Wagner, der sich als eine Art Doyen des Hauses gibt. Den anderen Menschen in diesem merkwürdigen Haus ist jeweils eine Funktion in dem sich entwickelnden Kammerspiel zugedacht, hier kann der Leser auch die eigene Phantasie mitwirken lassen.

Alles in allem ist das Personal-Tableau überschaubar, und Carla ist die zentrale Figur, um deren Ansichten und Gefühle es im Wesentlichen geht. Wenn man sie als Figur mag, wird man den Roman mit großem Interesse lesen. Gut unterhalten wird der Leser auf jeden Fall - auch wenn es am Anfang etwas zu ruhig zugeht.

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