Triptychon

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Wien: Braumüller, 2016, Seiten: 400, Originalsprache

Couch-Wertung:

98°
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Jürgen Priester
Flammen im Kopf

Buch-Rezension von Jürgen Priester Sep 2016

Der Name Thomas Beckstedt wird den meisten Krimilesern nichts sagen. Im März letzten Jahres erschien sein Debütroman 1888 im österreichischen Braumüller-Verlag. Der Roman - man könnte ihn als historischen Krimi bezeichnen - ist auf der Histo-Couch gelistet und vom dortigen Chefredakteur sehr positiv rezensiert. Nun hat der in der Nähe von Wien lebende Autor nachgelegt und mit Triptychon einen Thriller der Extraklasse veröffentlicht. Nach Einschätzung des Rezensenten ist Triptychon durchaus ein Kandidat für den Titel "Thriller des Jahres", denn hier kommen Sprachgewalt, Intellekt, Virtuosität und Hochspannung zusammen.

Auf die Frage, wie wichtig ein stimmiger Titel für einen Roman ist, würden Leser, Kritiker und Autoren unisono antworten: sehr wichtig. Umso bedauerlicher (ärgerlicher) ist es, dass besonders die großen Verlage diese Tatsache oftmals ignorieren und zu Romanen Überschriften kreieren, von denen sie sich eine höhere Werbewirksamkeit erhoffen. Gottlob haben in kleinen Verlagen Autoren ein Mitspracherecht bei der Titelgebung. So kann Thomas Beckstedts Thriller nur Triptychon heißen, weil der Titel mit Inhalt und Form des Romans korrespondiert.

Ein Triptychon ist ein dreiteiliges oder ein aus drei Flügeln bestehendes Gemälde, das sowohl in der sakralen Malerei (Flügelaltäre) als auch in der profanen Kunst eine beliebte Darstellungsform war. Der niederländische Maler Hieronymus Bosch (1450 - 1516) hat drei bedeutende Triptychen gemalt. Das bekannteste und berühmteste dürfte wohl "Der Garten der Lüste" sein, das aufgrund seiner vielseitigen Symbolik über die Jahrhunderte viele kluge Geister zu Interpretationsversuchen reizte. Auch Autor Thomas Beckstedt konnte sich nicht der Faszination dieses Gemäldes entziehen und hat die Anziehungskraft des Triptychons auf seinen Romanhelden John Gallagher übertragen, dessen Begeisterung so weit geht, dass er sich das dreiteilige Bild von einem mit ihm befreundeten Maler kopieren ließ. "Der Garten der Lüste" ist ihm aber nicht nur ein visueller Stimulus, sondern begleitet ihn auch in seinen Träumen. Manchmal in kritischen Augenblicken scheint es ihm, als stünde er mit Meister Bosch über Zeit und Raum hinweg in metaphysischer Verbindung. Dabei ist er eigentlich ein sehr rationaler Mensch.

John Gallagher, fünfundvierzig, britischer Staatsbürger mit Wohnsitz in London, ist Informatiker mit langjähriger Berufserfahrung. Angefangen hat er in einer kleinen IT-Firma, die durch wiederholte Aufkäufe Teil des Pharma-Riesen Pharma Worldwide Industries (PWI) geworden ist. Der Globalplayer mit Hauptsitz in London errichtet aktuell ein überdimensionales unterirdisches Rechenzentrum in Südafrika, an dessen Entwicklung John Gallagher maßgeblich beteiligt ist. Da das Projekt in Zeitverzug geraten ist, wird seitens der Geschäftsleitung massiver Druck auf die einzelnen Ressortleiter ausgeübt. Manchmal weiß Gallagher nicht, wo ihm der Kopf steht.

Gestresst und übernächtigt fällt Gallagher während eines Flugs von London nach Johannesburg in einen unruhigen Schlaf. Albträume plagen ihn, in denen seine Londoner Assistentin Amy Russborough, zu der er eine innige freundschaftliche Verbindung pflegt, im Mittelpunkt steht. Die Schreckensvisionen verfolgen ihn auch noch in den nächsten Tagen, weder der Stress am Arbeitsplatz noch eine heiße Sexaffäre mit der Stewardess Eve können ihn ablenken. Spontan beschließt er einen Kurztrip nach London, um nach dem Rechten zu schauen.

In London angekommen muss Gallagher feststellen, dass Amy tatsächlich verschwunden ist. Er wendet sich an die Polizei. Was er aber nicht weiß, ist, dass auch die CIA Amys plötzliches Verschwinden bemerkt hat. Der Geheimdienst observiert schon seit Längerem den Pharmakonzern, weil der Verdacht besteht, dass PWI biologische Waffen herstellt und diese an Menschen testet. Unvermittelt gerät John Gallagher in einen Konflikt, den beide Seiten mit härtesten Bandagen austragen.

Manchmal, eher selten - man kann auch darüber schmunzeln - hat man bei einer unbestimmten Handlung einen unerklärlichen Sinneseindruck. Als der Rezensent das Buch zum ersten Mal in die Hand nahm, kam ihm das Wort: "gewichtig" in den Sinn. Wenn man unter dieser Prädisposition dann die ersten Zeilen des Romans, die einem Kapitel aus der Genesis entsprungen sein könnten, liest, verstärkt sich der Eindruck, da kommt etwas Großes, Gewichtiges auf den Leser zu. Wenn diese Erwartung dann bestätigt wird, stellt sich beim Leser Freude ein, denn das passiert leider nicht so oft. Thomas Beckstedt hat alle Register der Schreibkunst gezogen und einen bis ins kleinste Detail durchkomponierten Thriller geschrieben, der vor Hochspannung nur so knistert.

Ohne Tabus, mit Verstand und Leidenschaft überträgt der Autor das surreale Inferno von Boschs Hölle (rechter Triptychon-Flügel) auf die heutige reale Welt. Unsere Welt ist nicht die Hölle per se, aber sie wird immer dazu gemacht, wenn Staaten, Despoten oder Konzerne ihre Macht missbrauchen. Die Durchsetzung von Partikularinteressen geht meistens einher mit dem Leiden vieler unschuldiger Opfer. In Triptychon erinnert uns Thomas Beckstedt eindringlich in einigen grausamen, schwer auszuhaltenden Szenen daran, dass sich hinter jedem sogenannten Kollateralschaden ein lebendiger Mensch verbirgt.

Triptychon ist ganz großes Kopfkino, das sich niemand entgehen lassen sollte. Für den Rezensenten zählt Triptychon zu den besten Romanen, die er in den letzten Jahren gelesen hat und das waren einige.

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