Trügerisches Licht

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Rio de Janeiro: Editora Rocco, 2014, Titel: 'Fogo-Fátuo', Originalsprache
  • Stuttgart: Tropen, 2016, Seiten: 320, Übersetzt: Barbara Mesquita

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Andreas Kurth
Der tote Schnösel, das naive Model und die scharfe Tante

Buch-Rezension von Andreas Kurth Aug 2016

Azucena Gobbi, Leiterin der Spurensicherung in der zentralen Mordkommission von São Paulo, bekommt einen schwierigen Fall übertragen. Der aus Fernsehserien als leicht schnöselig bekannte Schauspieler Fábbio Cássio spielt scheinbar eine Selbstmord-Szene auf einer Theater-Bühne, bleibt dann aber leblos liegen - offenbar hat er sich tatsächlich eine Kugel durch den Schädel gejagt.

Nun gilt es herauszufinden, wer die Theater-Pistole vor der Vorstellung geladen hat.

Doch in dieser an Gewalt reichen Stadt ist dieser rätselhafte Fall nur eines von vielen Problemen. Azucenas Chefs wechseln in rascher Folge, denn der weitgehend ahnungs- und orientierungslose Innenminister will sich so profilieren und seine Tatkraft demonstrieren. Azucena überrascht zu allem Überfluss auch noch ihre Schwester mit ihrem Ehemann daheim im Schlafzimmer. Neben diversen beruflichen hat sie nun auch noch private Probleme am Hals - und muss doch den komplizierten und auf großes Medien-Interesse stoßenden Fall lösen.

Spannende Kriminalgeschichte mit intensiver Gesellschaftskritik

Patrícia Melo konnte die Leser der Krimi-Couch mit ihren frühen Werken nicht so recht überzeugen, blieb im Mittelfeld der Bewertungsskala hängen. Erst mit dem 2013 in Deutschland veröffentlichten Roman Leichendieb gelang ihr eine Art Durchbruch in der Leser-Gunst. Ich gehe davon aus, dass Trügerisches Licht der brasilianischen Autorin weitere Fans bescheren wird, denn sie hat in ihrem neuen Buch abermals eine spannende Kriminalgeschichte mit intensiver Kritik an der zerrissenen Gesellschaft ihres Heimatlandes verbunden.

Bei Leichendieb war noch ein ausgebuffter und eiskalt kalkulierender Tagedieb der Haupt-Protagonist und "Ich"-Erzähler. Jetzt geht es um eine Polizistin, die Leiterin der Spurensicherung ist. Da erwartet man ohnehin keine vor Lebensfreude sprühenden Charaktere, aber Azucena Gobbi ist schon als ziemlich spröde und eigenbrötlerisch zu bezeichnen. Dennoch sammelt sie mit ihrer zielstrebigen Art einiges an Sympathie-Punkten beim Leser, mir hat sie jedenfalls als eigenwilliger Charakter sehr gut gefallen.

Mäßig begabtes Model spielt eiskalt die trauernde Witwe

Patrícia Melo wurde 1962 in der Stadt geboren, die sie jetzt ohne jede Rücksicht und mit viel Sarkasmus beschreibt. Und sie lässt ihre Leser mit viel bissiger Ironie hinter die Kulissen der Reality-Shows im Fernsehen blicken, die in Brasilien noch beliebter sind als hier in Deutschland.

Die Autorin macht schonungslos deutlich, wie das mäßig begabte Model Cayanne in diesem Menschen-feindlichen Biotop fernab der Realität enorm viel Eigennutz aus dem Tod ihres Geliebten zieht.

Sie spielt eiskalt die trauernde Witwe, und drückt in der unglaublich trivialen Show "Die Miezen und die Nerds" - warum werde ich nur an ähnliche Schund-Serien im deutschen Fernsehen erinnert? - kräftig auf die Tränendrüsen. Dabei verband sie mit dem Mordopfer längst nur noch eine reine Zweckgemeinschaft, da beide nebenbei andere Affären hatten. Allerdings ist Cayanne nicht die einzige Verdächtige, auch ihr Produzent und Fábbios durchaus attraktive Tante Telma fallen den Ermittlern auf.

Einblicke in gegensätzliche Bereiche der brasilianischen Gesellschaft

Melos Roman ist für den deutschen Leser durchaus gewöhnungsbedürftig in ihrer Art des Erzählens, bietet dann aber unglaublich viele Facetten. Da ist das Porträt einer Polizistin, die viele Nackenschläge einstecken muss, beruflich und privat, aber dennoch mit großer Akribie ihren Job macht. Da ist die beißende Kritik am brasilianischen Polizei-Apparat, der offenbar am laufenden Band Zyniker produziert.

Und die Autorin hat interessante Milieu-Studien eingebaut, schildert die unglaublichen Übertreibungen der Boulevard-Presse und die oberflächlichen und hilflosen Maßnahmen der brasilianischen Politik. Entstanden ist so eine geradezu beiläufig erzählte Kritik der Olympiade in Brasilien, gemischt mit einer überaus spannenden und zeitweise verwirrenden Kriminalgeschichte.

Die Autorin verschafft dem Leser Einblicke in zwei höchst gegensätzliche Bereiche der brasilianischen Gesellschaft. Hier die Welt der Reality-Shows, die bei den Fernsehzuschauern überaus beliebt sind. Auf der anderen Seite erlebt der Leser bei der Polizei einige Chefs, die Frauen in Führungspositionen offen ablehnen, sich Journalisten anbiedern, und sogar in den Ermittlungsakten ihrer Mitarbeiter herumschnüffeln. Todes-Schwadronen in den Reihen der Polizei und mafiöse Strukturen in den Gefängnissen runden das desaströse Bild nur noch ab.

Patrícia Melo wirft grelle Schlaglichter auf ihr Heimatland

Patrícia Melo hat nach meiner Auffassung ausgezeichnet recherchiert, was schon allein bei der Beschreibung der Menschenverachtung in den TV-Shows deutlich wird - unterhaltsam und abstoßend zugleich. Und auch die Kritik der Autorin am eher ineffektiven Polizei-Apparat, ja am ganzen System der Rechtsfindung und Rechtsprechung, deutet auf akribische Recherchen und Gespräche mit Insidern hin.

Brasilien hat durch die Olympiade und durch die Fußball-Weltmeisterschaft zweimal innerhalb kurzer Zeit im Fokus der Weltöffentlichkeit gestanden. Patrícia Melo nutzt ihren in meinen Augen überaus lesenswerten Kriminalroman, um grelle Schlaglichter auf ihr Heimatland zu werfen, und so immerhin punktuell dunkle Stellen auszuleuchten, die den Touristen und den Besuchern der beiden großen Sport-Events vollkommen unbekannt sein dürften. Für Freunde europäischer oder nordamerikanischer Kriminalliteratur ist die Lektüre von Melos Werk sicherlich ein ungewohnter Ausflug - aber es lohnt sich, weil man sich ein ganz neues Land erschließen kann.

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