Lügenland

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Bielefeld: Pendragon, 2016, Seiten: 432, Originalsprache

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Jürgen Priester
Dunkel-Österreich

Buch-Rezension von Jürgen Priester Aug 2016

Gudrun Lerchbaums Roman spielt in Österreich der nahen Zukunft. Es dürfte sich um ca. zwanzig Jahre handeln, denn es wird erzählt, die alternativlose deutsche Bundeskanzlerin sei über 80. Die Alpenrepublik ist zu einem Polizei- und Überwachungsstaat verkommen. Rechtsradikale, Rechtspopulisten oder Nationalkonservative, die sich selbst "Die Aufrechten" nennen (der Name spielt keine Rolle) haben die Regierungsgewalt übernommen. Oppositionelle Kräfte werden diffamiert, sind teilweise kriminalisiert. Die Außengrenzen des Landes werden streng kontrolliert. Asylsuchende werden grundsätzlich abgewiesen. Selbst längst integrierte Ausländer haben (mussten) das Land verlassen. Auf Österreichs Straßen patrouillieren Milizen. Überwachungskameras und Drohnen sind allgegenwärtig. Die Medien werden von der Regierung kontrolliert und Bevölkerung wird auf Großbildschirmen mit Staatspropaganda überschüttet. Die schöne neue Welt.

In dieser schönen neuen Welt lebt die fünfundzwanzigjährige Mattea Inninger. Fünf Jahre zuvor, als ihr Vater als Oppositioneller ins Fadenkreuz der Regierung gekommen war und untertauchte, war sie nicht ganz freiwillig, aber bedenkenlos der Miliz beigetreten. Ihren Dienst versieht sie nach Vorschrift, muss für Dinge geradestehen, die sie nicht vertritt, aber das ist ihr relativ egal. Mit dieser Gleichgültigkeit ihrem Leben gegenüber blickt sie auch in die Zukunft. Ihre Hochzeit mit einem eher ungeliebten Mann steht an.

Am Nachmittag vor dem "großen" Ereignis tummelt sie sich mit ihren Freundinnen auf einer Wiese am Fluss und feiert Junggesellinnen-Abschied. Alkohol fließt reichlich und so manches seltsame Pillchen wird eingeworfen. In einem unübersichtlichen Augenblick erschießt Mattea eine ihrer Freundinnen mit ihrer Dienstwaffe. Am Tag darauf während der Trauungszeremonie fährt die Polizei vor und will Mattea (wohl) verhaften. Sie kann fliehen und hofft, erst einmal bei der Großmutter väterlicherseits unterkommen zu können. Auf dem Weg dorthin trifft sie auf einen hohen Funktionär des Regimes. Diese Begegnung hat für beide fatale Folgen. Nicht nur, dass sie als Mörderin landesweit gesucht wird, ab jetzt gilt sie auch als Staatsfeindin Nr. 1. Sie sieht einer ebenfalls zur Fahndung ausgeschriebenen Oppositionellen (Rebellin?, Terroristin?) zum Verwechseln ähnlich. Die Ähnlichkeit wird ihr Fluch und Segen zugleich. Auf der einen Seite ist Fahndung nach ihr intensiviert worden, aber auf der anderen Seite kann sie bei einer versprengten Rebellengruppe Unterschlupf und Hilfe finden.

Mattea Inninger ist die Ich-Erzählerin des Romans und kommt uns deshalb sehr nah. Wir erleben eine junge unbekümmerte Frau, die sich wenig grundlegende Gedanken über ihr Leben macht, als Miliz-Soldatin ist sie scheinbar auf der richtigen Seite, auf der Seite der Ordnungsmacht. Der tödliche Schuss auf ihre Freundin wirft sie aus der Bahn und ehe sie sich versieht, steht sie auf der anderen Seite, auf der Seite der Verfolgten und Geächteten. Der Perspektivwechsel löst eine umfassenden Identitätskrise in ihr aus. Zeitweise weiß sie gar nicht mehr, wer sie überhaupt ist. Ist sie noch die Mattea, die alles glaubte, was die Staatspropaganda ihr eintrichterte, oder ist sie Ina, die Rebellin, die den Kampf gegen das System aufgenommen hat.

Lerchbaums dystopischer Ausblick für Österreich ist ja gar nicht so abwegig, betrachtet man die politischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte. Wie weit Österreich den Weg zu einem "Lügenland" schon gegangen ist, kann der Rezensent nicht beurteilen, dazu ist er zu wenig über aktuelle Entwicklung dort informiert. Dass Deutschland, sein Heimatland, den Status eines Lügenlandes längst erreicht hat, kann man an vielen politischen Entscheidungen der letzten Jahre festmachen, die hier nicht diskutiert werden können. Aber man darf vielleicht an die Auslandseinsätze der Bundeswehr erinnern, die uns als "Friedensmissionen" verkauft werden sollen. "Krieg ist Frieden" - George Orwell lässt grüßen.

Gudrun Lerchbaums Lügenland ist kein neues 1984, aber es gibt einige Anspielungen auf Orwells Meisterwerk in Bezug auf Propaganda und "False Flag"-Operationen. Der Roman ist spannend geschrieben im Duktus der 25-jährigen Heldin, die das Leben noch leichter annehmen kann als ältere Zeitgenossen wie der Rezensent.

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Letzte Kommentare:
07.11.2016 20:47:05
PK

Auf die Schreibweise der Autorin muss man sich wirklich einlassen . Mein Schreibstil war es nicht . Nicht nur die von meinem Vorschreiber beschriebenen kurzen Sätze .
Die meisten Sätze beginnen mit "Ich" , oft 2 oder 3 Sätze hintereinander . Das war für mich ein etwas einfallsloser Schreibstil . Der versprochene atemlose Thriller war das auch nicht , ich habe keine Spannung empfunden .

07.11.2016 16:32:23
manni

Auf den Erzählrhythmus der Autorin mußte ich mich einlassen: kurze, knappe Sätze. Als ich da drin war, konnte ich die sehr spannende Geschichte nicht aus der Hand legen. Ich habe diesen Politkrimi an einem Wochenende hintereinander weggelesen. Die Handlung spielt in Österreich, ca. im Jahre 2040, eine faschistische Regierung treibt ein gnadenloses Katz und Maus Spiel mit der Protagonistin, aber auch eine Untergrundbewegung mischt mit im raffinierten Spiel. Der Plot ist sehr gekonnt inszeniert, Klasse. Beim Lesen wurde mir allerdings recht mulmig,
hoffendlich wird die Zukunftsvision der Autorin nie Wirklichkeit. 80°!