Die Toten der North Ganson Street

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • New York: Thomas Dunne Books, 2014, Titel: 'Mean Business On North Ganson Street', Originalsprache
  • Berlin: Suhrkamp, 2016, Seiten: 495, Übersetzt: Katrin Mrugalla, Richard Betzenbichler

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Jürgen Priester
Fürs Kino nicht schlecht, aber sonst...?

Buch-Rezension von Jürgen Priester Aug 2016

Die "North Ganson Street" liegt in den Außenbezirken der fiktiven Kleinstadt Victory im Nordosten des Bundesstaates Missouri, einer Region, die gerade noch zum sogenannten "Rust Belt" gerechnet werden kann, die dessen ökonomischen Niedergang über die Jahrzehnte seit den 1960er Jahren aber in vollem Umfang teilt. Dieses Victory, wie der Autor es beschreibt, gleicht einer Geisterstadt: marode Straßen, verfallende, leerstehende Häuser, verrammelte Geschäfte, Müll und Tierkadaver allerorten. Das Organisierte Verbrechen hat längst die Herrschaft über das einst blühende Städtchen übernommen. Die Ordnungskräfte haben den Kampf gegen Mord und Totschlag aufgegeben, haben sich arrangiert. In dieses Rattennest wurde Detective Jules Bettinger nun strafversetzt.

Bettinger, Afroamerikaner, Anfang 50, lebte mit seiner Familie im sonniger Arizona. Fünf Jahre trennten ihn noch von einer möglichen Pensionierung, als ihm auf seinem Revier ein kleines Missgeschick passierte. Er wies einen betrunkenen Weißen, der gegen seine jugendliche (treulose) Geliebte Anzeige erstatten wollte, in seine Schranken, woraufhin sich dieser stante pede erschoss. Leider war der Mann der Schwager des Bürgermeisters, der seinerseits jetzt Druck auf die Polizeibehörde macht. Bettinger soll wegen des Vorfalls suspendiert werden, wenn er nicht die Gelegenheit nutzt, sich in ein trostloses Kaff in Missouri strafversetzen zu lassen. Zähneknirschend stimmt er seinem eigenen Abstieg zu. Er verkauft sein Eigenheim und zieht mit Frau und Kindern in die Nachbarschaft seiner neuen Wirkungsstätte. Victory selbst ist ihm zu gefährlich für seine Familie.

Die Kollegen in Victory begegnen dem "Neuen" mit demonstrativer Ablehnung. Bettinger mag sogar richtige Feindseligkeit feststellen. Das hat auch seinen Grund. Viele Beamte im Außendienst, sowohl die zivilen, als auch die uniformierten, werden von den Größen der lokalen Unterwelt geschmiert. Die korrupten Kollegen haben einfach Angst, dass der "Neue" ihr Spiel nicht mitmachen könnte und sie auf ihre dicken Autos und ihre sonstigen Privilegien verzichten müssten. Doch bevor sich Bettinger überhaupt richtig (oder falsch) positionieren kann, wird ein Konflikt zwischen den Polizisten und einem Unterweltboss offensichtlich. Da haben die lieben Kollegen ihr Standing wohl falsch eingeschätzt. Es kommt zu mörderischen Auseinandersetzungen.

Liest man die kurze Inhaltsangabe des Rezensenten, könnte man einen vielversprechenden, spannenden Plot erwarten. Doch diese Erwartung erfüllt sich leider nicht. Man merkt, dass S. Craig Zahler von Hause aus Drehbuchautor ist. Es gibt einige durchaus spektakuläre Szenen, die sich sicherlich gut auf Leinwand oder Mattscheibe darstellen lassen, aber einen Spannungsbogen sieht man im Roman leider nicht. Entweder hängen die Protagonisten, allesamt Cops, in irgendwelchen Lokalen ab, zoffen sich im Revier oder werden gerade von den bösen Gangstern massakriert. Am liebsten aber sind sie mit dem Auto unterwegs. Stundenlange, öde Fahrten durch Eis und Schnee. Man bekommt den Eindruck, diese Kleinstadt hätte die Dimensionen des Großraums Los Angeles. Da kann nur wenig Thrill aufkommen, zumal der Bösewicht auch noch von Anfang an feststeht und im Verlauf der Handlung keine überraschenden Wendungen eingebaut sind.

Die Toten der North Ganson Street ist ein typisch amerikanischer Cop-Thriller mit viel Adrenalin, Testosteron und Pulverdampf, aber einer wenig überzeugenden Handlung, die dem Rezensenten zu realitätsfern erscheint. Da gibt es Besseres auf dem Markt aktuell vielleicht: Die Unantastbaren von Richard Price oder mal einen Blick zurück werfen auf die tollen Polizeiromane eines Joseph Wambaugh.

Die Toten der North Ganson Street

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