The Girls

  • HörbuchHamburg
  • Erschienen: Januar 2016
  • Hamburg: HörbuchHamburg, 2016, Übersetzt: Suzanne von Borsody, Bemerkung: ungekürzte Ausgabe
The Girls
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Almut Oetjen
70°

Krimi-Couch Rezension vonJul 2016

Verführung und Selbstsuche

Der Norden Kaliforniens, Sommer 1969. Evie Boyd, eine gelangweilte vierzehnjährige Herumtreiberin, lebt mit ihrer Mutter in Petaluma. Im Herbst soll Evie das Internat besuchen. In einem öffentlichen Park sieht sie eine Mädchengruppe, von der sie fasziniert ist. Evie fällt der schwarze Bus auf, in dem die Mädchen umherfahren. Eines Morgens dann steigt sie zu ihnen in den Bus. Als eins der Mädchen sagt, Evie werde eine Opfergabe, ist dies für sie kein Grund zur Beunruhigung. Evie übersieht auch in der Folgezeit viele Zeichen, die ihr Angst machen sollten, zu sehr ist sie darauf aus, sich selbst zu finden, indem sie erst einmal verlorengeht.

Evie ist nicht schön, problematisiert dies gelegentlich, ihr künstlich erzeugtes Dekolletee aus als zu klein empfundenen Brüsten und diese formendem BH, den dicken roten Pickel, ihre mittelmäßige Erscheinung.

Ihr Vater hat ihre Mutter wegen einer erheblich jüngeren Frau verlassen. Die Mutter reagiert darauf mit Diäten, Fitnesstraining, Gruppentherapie, dem eigenartig ausgelebten Bedürfnis nach Sex und Zärtlichkeit, mit der Folge, wie ein Kind behandelt zu werden, Demütigungen ausgesetzt zu sein, zum Leidwesen Evies. Die wohlhabende Großmutter finanziert am Ende Evies Internatsaufenthalt. Die Ereignisse in 1969 spielen sich in einem kurzen Zeitintervall von Sommer bis Herbst ab.

Evie erzählt aus heutiger Perspektive, als Frau mittleren Alters, einsam, arbeitslos und von Unterstützungszahlungen lebend, jungen Menschen, die sie erkennen. Ihre Zuhörer erstarren teilweise vor Bewunderung, andere finden sie eher gruselig. Sie nimmt sich dann Zeit für die Schilderung von Ausschnitten ihrer frühen Jugend in Kalifornien, mitsamt der seelischen Verwirrungen und begangenen Fehler. Sie kommentiert gelegentlich ihre Erinnerungen, weist darauf hin, dass sie in den vielen Sachbüchern (True crime) zur Kommune entweder gar nicht genannt wird oder nur eine Nebenfigur ist, dass die Ereignisse schon lange zurückliegen und sie niemanden getötet hat.

The Girls liest sich wie eine Entwicklungsgeschichte, Coming of age, eine Geschichte der Korruption durch andere Menschen und sich selbst, der Verführung und des Missbrauchs. Ein Mädchen wird Mitglied in einer Sekte oder einer Kommune, geführt von Russell Hadrick, der an Charles Manson erinnert. Evie Boyd wird eingeführt in eine Welt freier Liebe und Drogen, der Freiheit in einem speziellen Käfig, der Gewalt.

Evie kommt in die Gruppe, weil sie Suzanne bewundert, mit der sie zuvor Begegnungen hat, die die Wirkung einer Prägung haben. Beide werden Freundinnen. Evie überhöht Suzanne, deren Handlungen und Kleidung. Suzanne war früher Pole-Tänzerin in San Francisco. Roos, ein anderes wichtigeres Mädchen in der Gruppe, lebte als Ehefrau eines Polizisten in Corpus Christi. Als Evie in die für sie neue Umgebung einer Ranch und ihrer so anderen Bewohner kommt, fühlt sie sich freundlich aufgenommen und akzeptiert. Alles erscheint ihr als eine angenehme Alternative zu ihrem bisherigen Leben. Sie bekommt mit, dass Russell mit einigen der Frauen Sex hat. Es dauert nicht lange, da kommt es auch zum Sex zwischen Evie und Russell.

Evie lehnt ihre Mutter ab, schon allein als Ausdruck der Tatsache, dass sie nicht so werden will wie diese. Sie stiehlt ihrer Mutter Geld und beteiligt sich an einem Einbruch, um Mittel für die materiell verarmte Kommune zu beschaffen. So wird die Ranch langsam ihr neues Zuhause. Seltsam ist, dass die Elterngeneration in Clines Roman ein fragwürdiger Haufen ist. Russell ist ein leidlich begabter Musiker, der von Reichtum und Erfolg träumt, während er den Mädchen vom Bau einer neuen freien Gesellschaft erzählt, an dem sie beteiligt seien. Einer Gesellschaft frei von Rassismus, Ausschluss und Hierarchie. Der bekannte Rockmusiker Mitch Lewis gehört nicht zur Kommune. Er stellt Russell einen Plattenvertrag in Aussicht, Russell schickt Suzanne und Evie mit auf Mitchs teures Anwesen, wo der mit beiden Sex hat.

Viele der Details, an die Evie sich erinnert, haben etwas Halluzinatorisches an sich, wirken eingebildet. Sie ist, natürlich, in der Gegenwart ein anderer Mensch, versteht nur zum Teil die Faszination, die auf sie wirkte. Als Erzählerin bewegt sich Evie in äußerst ruhigem Fahrwasser, alles plätschert, wo es doch, wenigstens gelegentlich, besser strömen sollte. Szenen, in denen Russell, der charismatische Sektenführer und Mädchenversteher, Experte in weiblicher Traurigkeit, deutlich macht, dass Mädchen zu seinem täglichen Brot geworden sind, gehören mit zu den besseren des Romans.

Russells Kommune ist für junge Frauen und Mädchen eine attraktive Alternative zur bürgerlichen frauenfeindlichen Gesellschaft, in der jemand wie Evies Mutter zwar eine liberale Haltung hat, diese jedoch bestenfalls inkonsequent vertritt. Frauen, die den Geist von Feminismus und Freiheit atmen, sind andererseits derart verunsichert in dieser Veränderung von Rollenbildern, dass sie sich einem Mann unterwerfen, der ihnen verspricht, was sie sich alleine schneller verschaffen könnten, oder aber ebensowenig wie er. Warum sie sich von Russell sexuell benutzen lassen, an einen anderen Mann ausleihen lassen, sich sogar als Mörder verwenden lassen, wäre vielleicht deutlich zu machen gewesen, zumal Russells Charisma, sein Einfluss auf die Mädchen, eher nicht nachvollziehbar ist, einfach, weil er nicht herausgearbeitet wird. So muss man ihn akzeptieren, damit der Roman funktioniert.

Im Sommer 1969 beendeten Charles Manson und seine Family auf brutale Weise eine Entwicklungsphase, die verbunden wird mit Hippies, den Begriffen "Summer of Love" (1967) und "Woodstock" (1969). Es gibt bei Cline einige Verbindungen zwischen Manson und Russell. Beispielsweise ähneln sich Russels und Mansons Vorstellungen von einer Karriere als Musiker. Cline referenziert Mansons Zuhältertätigkeit, als Russell Suzanne und Evie an Mitch ausleiht. Gegen Ende des Romans beauftragt Russell (wie im August 1969 Manson) drei Mädchen und einen Fahrer mit einem Verbrechen. Gleichwohl ist Russell nur eine allgegenwärtige Nebenfigur.

Ein wenig Spannung bringt Cline in die Erzählung, indem sie Informationen vorenthält beziehungsweise später nachreicht. Weniger reizvoll ist, dass Cline versucht, ständig Szenen mit Bedeutung zu versehen. Alles hat irgendeinen tieferen Sinn, auch Graffiti sind gesellschaftspolitisch aufgeladen.

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