Täuschung

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Zürich: Unionsverlag, 2016, Seiten: 360, Originalsprache

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Jörg Kijanski
Nicht nur Für Thailand-Fans lesenswert

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Jun 2016

Zürich. Jasmin Meyer erhält eine dringliche Einladung zum Essen bei ihrer Mutter Edith. Auch ihre Brüder Bernie und Ralf sind eingeladen. Edith eröffnet ihren verdutzten Kindern, dass ihr Großvater Heiri gestorben sei, von deren Existenz sie bislang nichts wussten. Für Edith ist dieser Familienzweig ein rotes Tuch, seit ihr Mann Erwin, Heiris Sohn, sie vor über dreißig Jahren hat sitzen lassen und nach Thailand auswanderte. Wenige Monate nach Jasmins Geburt. Diese wollte schon immer mehr über ihren Vater wissen, doch das Thema war seit jeher tabu. Nun könnten die Kinder ein Haus erben, sofern der rechtmäßige Erbe als verschollen gilt. Erwin gilt seit zehn Jahren als verschwunden, doch die Frist für Verschollene beträgt fünfzehn Jahre.

 

"Was, wenn sie umsonst ist? Deine Hoffnung?"
"Dann ist es eben so. Das nennt man Leben."

 

Da Jasmins derzeitiger Job befristet ist und sie vormals als Polizistin arbeitete entscheidet sie sich nach Thailand zu reisen, um mehr über ihren Vater zu erfahren. Ihr Freund Pal Palushi begleitet sie auf der Reise, die beide schon bald in große Gefahren stürzt. Offenbar will jemand ganz und gar nicht, dass Erwin gefunden wird. Doch lebt dieser überhaupt noch? Am Ende ihrer Odyssee durch Thailand erfährt Jasmin ein Geheimnis, welches ihre Familie in ihren Grundfesten erschüttern wird.

Khao Yoi, Chao Pho, RAF und die Frage, wie weit Toleranz geht

Jasmin und Pal begeben sich in ihrem neuen Fall auf eine abenteuerliche Reise in einen den beiden unbekanntes Land. Jasmins Bruder Ralf ist zwar mit einer Thailänderin verheiratet, doch Jasmin hatte zu ihr bislang keinen guten Draht. Das ständig devote Lächeln und der Umstand, dass ihr Bruder regelmäßig Geld nach Thailand schickte, ließen Jasmin an den Gefühlen seiner Frau zweifeln. Zweifel hat auch Pal, denn Jasmin hatte zuletzt in einem Baumarkt gearbeitet, nachdem sie eine Therapie einigermaßen überstanden hatte. Zuvor arbeitete sie Jahre lang als Polizistin, dann als private Ermittlerin, wobei ihr ein schwerer Fehler unterlief. Fern der Heimat kann sie jedoch ihre Probleme abschütteln, zu groß ist die Neugier, ob sich noch Spuren ihres Vaters finden lassen. Erinnerungen an ihn hat sie keine mehr.

 

"Es würde mich aber auch nicht wundern, wenn sie die eine oder andere Gefälligkeit leistet. Das ist hier üblich, im Austausch für Bewilligungen oder Dienstleistungen beispielsweise. Nur die Immigrationsbehörde ist unbestechlich. Was man von der Polizei übrigens nicht sagen kann."

 

Petra Ivanov führt eindringlich in das Urlaubsparadies, dessen Menschen und ihre kulturellen Eigenarten ein. Wer schon mal in Thailand Urlaub gemacht hat oder mit dem Gedanken spielt, einmal dorthin zu fahren, lernt viel über "Land und Leute". Die Reise führt Jasmin und Pal über den Urlaubsort Hua Hin zu den Paradieshöhlen von Khao Yoi, zu dem Ort Burinam und schließlich in die Touristenhochburgen Pattaya und Phuket. Dabei lernen sie nicht nur Leute kennen, die Erwin früher kannten, sondern geraten in das Visier der Chao Pho, der "Paten".

 

"Thais sind sehr empfindlich. Sie zeigen ihre Wut nur nicht, weil diese den Zorn der Geister heraufbeschwören könnte. Abgesehen davon bedeuten Gefühlsausbrüche auch Gesichtsverlust."

 

Ein erstes Bild von Erwin ergibt, dass dieser im Tsunami 2004 alles verloren, danach als Betrüger und Fälscher gearbeitet hat und dabei offenbar auch einmal an den falschen Kunden geraten ist. Seit zehn Jahren fehlt jede Spur von ihm, zuletzt war er mit einer Frau namens Daisy in Khao Yoi, doch diese schwört, ihn wieder in Hua Hin abgesetzt zu haben. Für die Polizei ist der Fall ohnehin geklärt, denn Erwins Mörder wurde damals verhaftet und verurteilt. Praktischerweise erschoss er sich in der Haft.

 

"Was wollen die Chinesen von uns?"
"Erwin, nehme ich an."
"Du glaubst, er könnte noch am Leben sein?"
"Ich glaube gar nichts. Ich weiß nur, dass seine Leiche nie gefunden wurde."

 

In einem Buch, welches in Thailand spielt, darf das Thema Sex nicht außen vor bleiben. Obwohl Prostitution verboten ist, beherrschen junge Frauen, zwielichtige Bars und Clubs das Straßenbild von Pattaya. Auch Erwin wurde vor seinem Verschwinden regelmäßig in einer Bar gesichtet, doch für normale Prostituierte interessierte er sich offenbar nicht. Ein schreckliches Gefühl beschleicht Jasmin, doch die Wahrheit überschreitet ihre Vorstellungskraft. Gekonnt baut Petra Ivanov die Spannung auf. Jasmin und Pal kommen nur schrittweise voran und immer dann, wenn die Handlung ein kleines bisschen vor sich hin zu dämmern scheint, erscheinen wieder zwielichtige Gestalten und sorgen für Ärger. Wie dies alles mit der Roten Armee Fraktion zusammenhängt und warum dieser lesenswerte Roman ein großes Plädoyer für mehr (sexuelle) Toleranz ist, wird an dieser Stelle nicht verraten. Täuschung ist ein farbenprächtiger Krimi, (k)ein Reiseführer und bietet in der Auflösung eine gelungene Pointe, die etwas mit "Parkplätzen" zu tun hat.

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Letzte Kommentare:
29.08.2016 14:47:27
charliene

Als wirklicher Fan von den Büchern von Petra Ivanov war dieses wohl eher eine (Ent)-Täuschung. Der Schreibstil ist nach wie vor spannend und ich habe mich schnell eingelesen und war gefesselt. Aber ab etwa der Hälfte empfand ich dann alles sehr konstruiert und teilweise überdreht. Der Schluss war dann so ."naja".
Trotzdem freue ich mich auf die weitern Geschichten von Ivanov und werde auch sicher weiterhin eine treue Leserin bleiben.

13.08.2016 13:33:15
Maurice

Petra Ivanov ist ein weiteres, spannendes und vielschichtiges Buch gelungen!

Die Geschichte ist packend, man fiebert mit und wird verblüfft feststellen, dass wirklich alles anders ist, als es scheint.

Dank den gründlichen Recherchen von Ivanov über das ferne Land erhält man zudem Einblick in die so andersartige Gesellschaft.

Ein Buch, das man ein zweites Mal lesen wird! Und zwar mit Vergnügen!