Das zerstörte Leben des Wes Trench

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • New York: Crown Publisher, 2015, Titel: 'The Marauders', Originalsprache
  • Hamburg: HörbuchHamburg, 2016, Seiten: 8, Übersetzt: Johannes Steck, Bemerkung: ungekürzte Ausgabe

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Andreas Kurth
Piratengold, Alligatoren und jede Menge gutes Dope

Buch-Rezension von Andreas Kurth Mai 2016

Viktor und Reginald Toup sind Waisen - ihr Vater hat zunächst ihre Mutter und dann sich selbst erschossen. Nun betreiben die beiden - bei ihren Mitbürgern als Ganoven bekannt und berüchtigt - auf einer Insel in der Barataria Bay im US-Bundesstaat Lousiana eine Marihuana-Plantage. Den Sheriff schmieren sie kräftig, damit er wegschaut, und wenn ihrer Insel mal jemand zu nahe kommt, endet er unter Umständen als Alligator-Futter. Der Shrimp-Fischer Lindquist ist einer, der ihnen ziemlich nahe kommt und von den Brüdern bedroht wird. Nate Cosgrove und John Henry Hanson sind zwei Kleinkriminelle, die ebenfalls in der Gegend gelandet sind und auf eine gute Gelegeneit für den großen Coup warten. Brady Grimes versucht im Auftrag von BP, den arglosen Bürgern ihre Schadenersatz-Ansprüche nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexico für eine lächerliche Summe abzukaufen. Wes Trench ist hier im Bayou, wie es die Einheimischen nennen, aufgewachsen. Er träumt davon, wie sein Vater Shrimp-Fischer zu werden. Ihre Schicksale führen die Protagonisten zusammen - und nicht alle überleben diese Begegnungen.

Doppeltes Drama für völlig verzweifelte Menschen

Tom Cooper ist Hochschullehrer in Thibodeaux, als sich die Katastrophe auf der Ölplattform Deepwater Horizon abspielt. Er hat mit eigenen Augen und Ohren aufgenommen, wie sich das Leben der Menschen an der Golfküste - nur fünf Jahre nach dem verheerenden Wirbelsturm Katrina - nochmals dramatisch verschlechtert hat. Das ist in seiner überaus spannenden und lesenswerten Geschichte auch zu spüren. Er fängt das Lebensgefühl und die Verzweiflung der Menschen nahezu perfekt ein - düstere Stimmung, merkwürdige Protagonisten, authentische und witzige Dialoge.

Der Roman lebt vor allem von den skurrilen Figuren, aber auch von den zahlreichen kriminellen Machenschaften, die in dem Buch geschildert werden. Drogen-Anbau und -Handel, Mord, Betrug im großen Stil, Einbruch und Diebstahl - es ist schon eine breite Palette, die hier von Cooper aufgefahren wird. Man fragt sich als Leser, was schlimmer ist. Sind es die kleinen Diebstählen, oder der groß angelegte Betrug durch den Öl-Multi? Und man ist geneigt, den kleinen Ganoven vieles zu verzeihen - bei Mord hört der Spaß dann allerdings auf.

Verschlagene Galgenvögel und eher harmlose Ganoven

Die Toup-Zwillinge sind überaus verschlagene Galgenvögel, die ihre Marihuana-Plantage auf der einsamen Insel in der Barataria Bay sorgsam bewachen. Sie spielen Lindquist zunächst einen teuren Streich, indem sie ihm die 30.000-Dollar-Armprothese klauen und im Meer versenken. Dann wird es heftiger, weil er ihrer Insel immer näher kommt - und der Alligator im Schlafzimmer lässt den Leser zwischen Schrecken und Lachen pendeln.

Lindquist wiederum ist ein mehr als komischer Vogel. Er hat bei einem Unfall auf See einen Arm verloren, ist seither von Schmerz-Tabletten abhängig - und stets auf der Suche nach dem Schatz des legendären Piraten Jean Lafitte. Er gilt als harmloser Spinner - einzig die Toup-Brüder empfinden sein Herumstöbern auf den Inseln der Barataria Bay als bedrohlich.

Nate Cosgrove und John Henry Hanson sind eher harmlose Ganoven. Gefährlich wird es für die beiden, als sie der Marihuana-Plantage der Toups auf die Spur kommen. Die Nummer wird für die zwei tölpeligen Galgenvögel schnell zu groß.

BP-Agent Brady Grimes ist innerlich zerrissen zwischen Zweifeln an seiner verbrecherischen Arbeit - und dem Wunsch, erfolgreich und anerkannt zu sein. Die Aufgabe, den von der Ölkatastrophe geschädigten Bürgern ihre Ansprüche auf Schadenersatz für lächerliche 10.000 Dollar abzuschwatzen, überfordert ihn dann allerdings immer mehr.

Wirtschaftlicher Ruin statt bescheidenem Wohlstand

Wes Trench ist ein 17-jähriger Sonny-Boy, der in Jeannette, etwas westlich von New Orleans gelegen, aufgewachsen ist. Zwischen all den verkrachten Existenzen ist er so etwa wie die andere Seite der Medaille. Während dort kriminelle Energie und kaum zu bändigende Gier vorherrschen, hat Wes eher bescheidene Träume, die allerdings nur schwierig zu erfüllen sind.

Wie sein Vater und Großvater vor ihm, will er sich ein eigenes Boot bauen, hat schon innovative Vermarktungskonzepte für die Shrimps im Kopf - und muss sich doch den Realitäten an der Küste stellen. Denn nach der Explosion auf Deepwater Horizon sind etliche Millionen Barrel Öl in den Golf von Mexico und damit vor die Küste von Louisiana geflossen. Der einst große Markt für Shrimps aus der Barataria Bay ist in den ganzen USA faktisch zusammen gebrochen. Statt sich bescheidenen Wohlstand erarbeiten zu können, droht den Fischern der wirtschaftliche - und damit schließlich auch der kulturelle - Ruin.

Ein bemerkenswerter Roman zum Genießen in aller Ruhe

Tom Cooper versteht es, mit seiner bildhaften Erzählweise den Leser die Atmosphäre an der feucht-heißen Golfküste spüren zu lassen. Er beschreibt die sterbende Kultur der Shrimp-Fischer mit all ihren Eigenheiten in Sprache, Musik und Tanz. Seine Protagonisten werden in ihren unterschiedlichen Facetten beschrieben, wirken überaus authentisch, man sieht sie beim Lesen förmlich vor sich.

Mit Wes Trench hat der Autor zudem eine Titelfigur geschaffen, die mit ihrer Naivität und durchweg positiven Energie ein weinig Hoffnung verbreitet. Inmitten von Verzweiflung, Gier und Kriminalität versucht der Junge, sein Leben so normal zu gestalten, wie er es sich vorstellt. Ob seine Pläne umsetzbar sind, wird sich erst noch zeigen müssen - das Schicksal der Galgenvögel ist dagegen absehbar. Diesen bemerkenswerten Roman sollte man ganz in Ruhe genießen, wie guten Wein oder Whisky. Im Gegensatz zu den Getränken besteht hier jedoch keinesfalls die Gefahr einer Überdosis - Suchtpotenzial ist dagegen vorhanden.

Das zerstörte Leben des Wes Trench

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