Vertigo

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Kairo: Dar Merit, 2007, Titel: 'Vertigo', Originalsprache
  • Basel: Lenos, 2016, Seiten: 398, Übersetzt: Christine Mattermann

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Jörg Kijanski
Mehr als ein spannender Politthriller

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Feb 2016

Kairo. April 2005. Grand Hyatt Hotel, 40. Stock. Hier befindet sich die Bar Vertigo mit atemberaubendem Blick auf den Nil. Für exklusive Gäste wird sie schon mal geräumt, so wie an jenem Abend an dem der Hotelfotograf Achmad Kamal nach Dienstschluss noch mit seinem Freund, dem Klavierspieler Hussan, ein bisschen plaudern möchte. Dann erscheinen Muchi Dhannun und Hischam Fathi, zwei der einflussreichsten Geschäftsleute des Landes. Zuvor versteckt sich Achmad auf dem Balkon, dann überschlagen sich die Ereignisse. Aus dem Hotelaufzug steigen drei Männer und eröffnen das Feuer. Es kommt zu einem Massaker, nur Dhannun überlebt schwer verletzt. Achmad macht vom Balkon einige Fotos und schickt diese an mehrere Zeitungen. Doch vor allem die Boulevardzeitung "Freiheit" und deren Chef Galal Mursi ist nur auf eine Auflagensteigerung aus. Überraschend schnell wird der gesamte Vorfall heruntergespielt und auf allen Ebenen abgehakt.

 

"Hast du nicht gehört, was bei der Staatssicherheit los ist? Selbst Hitler persönlich würden sie, wenn sie ihn festgenommen hätten, aufhängen und dazu bringen, zuzugeben, dass er einer Terrorzelle in Imdaba angehört, die die Regierung stürzen will."

 

Ein Jahr später. Achmad arbeitet zusammen mit Guda als Fotograf im "Kasino Paris" und erlebt dort eine völlig neue Welt. Die Größen aus Politik und Wirtschaft geben sich hier ein Stelldichein und genießen das Leben nach Kräften. Alkohol und Geld fließen in Strömen, junge Frauen sind jederzeit verfügbar. Als Galal Mursi eines Nachts im Kasino auftaucht kommen bei Achmad die Erinnerungen wieder hoch. Er will seinen Freund Hussan rächen und schießt heimlich ein paar kompromittierende Fotos. Doch erst nach dem plötzlichen Tod von Guda kommt er in den Besitz etlicher skandalträchtiger Bilder...

Ein ägyptischer Whistleblower legt sich mit den Mächtigen an

2007 erschien Vertigo als Originalausgabe in Ägypten und sorgte für einen durchschlagenden Erfolg, 2012 wurde der Roman als TV-Serie verfilmt. Ahmed Mourad gelang ein vorzüglicher Politthriller, der so aktuell wie damals ist als er offenbar den Nerv des ägyptischen Volkes traf.

 

"Die haben sich nach ganz oben geboxt, und sie haben einen sehr, sehr langen Arm. Was also können wir tun? Ich weiss, dass deine würde dir über alles geht, Achmad, aber sie sind es, die uns füttern. Um zu überleben, müssen wir nachgeben. Sajjid Darwisch hat das mal besungen. Oder möchtest du lieber zu denen gehören, die zu Hause herumsitzen? Wach auf, öffne die Augen! "Welcom to Egypt" heisst dein Film."

 

Erzählt wird nicht nur ein packender Politthriller, in dem ein junger, orientierungsloser und wenig von sich überzeugter Mann (Achmad) plötzlich gegen die Obrigkeit aufbegehrt. Zu lange hat er sich mit seinem tristen Dasein, dem ständigen Irgendwie-über-die-Runden-kommen-müssen abgefunden als dass er noch länger stillhalten will. Zu viel hat er zudem im Kasino Paris erlebt. Hübsche Frauen, oftmals gerade volljährig, werden an zahlungsfähige und mächtige Kunden verkuppelt. Nicht selten entstehen für die einsatzfreudigen "Damen" auf diesem Weg große Karrieren als Modell oder Sängerin. Die Granden aus Industrie und Politik können sich kaum beherrschen, eine Dekadenz römischen Ausmaßes wütet und mittendrin der schüchterne Achmad, der im weiteren Verlauf des Plots jedoch zum Helden wider Willen aufsteigen wird. Zu einer Art ägyptischer Edward Snowden, wenngleich dieser Vergleich dann doch hinkt.

Neben unvorstellbarem Reichtum auf der einen, ähnlich unvorstellbarer Armut auf der anderen Seite zeigt Ahmed Mourad auf, wie die Entwicklung im Land irgendwann kippt, weil letztendlich irgendwann der Zeitpunkt kommt, wo jemand gegen diese Ungerechtigkeit aufbegehrt. Zumal wenn es soweit geht, dass die Ermordung des besten Freundes einfach vertuscht wird. Grandios wird am Beispiel Galal Mursis aufgezeigt, welche zweifelhafte Rolle dabei die Medien im Zusammenspiel mit Politik und Wirtschaft einnehmen (können). Diese üben vordergründig Kritik an den Mächtigen, um dem "kleinen Mann" als Ventil für dessen eigenen Verdruss zu dienen. In Wahrheit wirken sie wie Valium, denn hat man sich erst mal den Frust von der Seele gelesen, schläft man befriedigt ein und am nächsten Tag geht das Leben weiter als sei nichts geschehen.

 

"Wenn ich einen von ihnen fragen würde, worum es ihm eigentlich gehe, wüsste er nicht, was er sagen sollte. Die Zeitungen haben für ihn gedacht, für ihn geschrieen und herausgebrüllt, was er selbst für sich behält. Sie haben ihm einen Joint und etwas Schweres zu essen gegeben, damit er die ganze Nacht lang schnarcht, wenn nicht sogar das ganze Jahr."

 

Als hätte er noch nicht genug Probleme will Achmads Schwester Aja endlich ihren geliebten Nachbarssohn heiraten, doch dieser entwickelt sich zum religiösen Eiferer, dessen zunehmende Radikalisierung auch vor Aja nicht halt macht. Achmad steht auch hier vor einer inneren Zerreißprobe, verliebt sich jedoch immerhin selber, was wie ein Hoffnungsschweif am Horizont erscheinen mag. Insgesamt bietet Vertigo ein vielseitiges Spektrum bei dem sich Politthriller und Gesellschaftskritik die Waage halten. Hat man sich mit den "gewöhnungsbedürftigen" Personennamen arrangiert und nimmt gerade zu Beginn vereinzelte Längen in Kauf, dann findet man einen anspruchsvollen Roman, der die politischen Entwicklungen im Nahen Osten ein wenig verständlicher macht.

Vertigo

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Letzte Kommentare:
23.06.2016 13:20:57
sophos2

Dieses Buch ist spannend bis zum Ende und gibt zugleich einen tiefen Einblick in die marode und von Korruption durchzogene ägyptische Gesellschaft. Nach den blutigen Meuchelmorden in der Hotelbar, die Achmad versteckt mit ansehen muss und er einige Fotos schiessen kann, sinnt er auf Rache. Auf die Unterstützung durch die Polizei kann er nicht hoffen, sondern versucht stattdessen, die Geschehnisse durch Freunde und einen in Ungnade gefallenen Journalisten in den Zeitungen publik zu machen. Er gerät dabei selbst in grosse Gefahr und kann seinen Häschern oft nur ganz knapp entkommen. Mehr will ich nicht verraten.