Rotwein für drei alte Damen oder Wie starb der junge Koch?

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Helsinki: Teos, 2013, Titel: 'Kuolema Ehtoolehdossa', Originalsprache
  • Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2016, Seiten: 288, Übersetzt: Jan Costin Wagner, Niina Wagner
  • München: Goldmann, 2017, Titel: 'Der Todesfall der Woche - Drei alte Ladies ermitteln in Helsinki', Seiten: 280, Übersetzt: Jan Costin Wagner, Niina Wagner

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Jörg Kijanski
Seltsame Dinge passieren im Altersheim

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Jan 2016

Siiri Kettunen, Irma Lännenleimu und Anna-Liisa Petäjä sind drei über neunzigjährige Freundinnen, die ihren Lebensabend in der Seniorenresidenz "Abendhain" verbringen. Dort ereignet sich nicht viel. Kartenspiele, Vorträge, das Übliche - bis eines Tages Trauer angesagt ist, da eine Mitbewohnerin verstorben sein soll. Doch die alte Dame taucht wieder auf, ein Missverständnis, denn tatsächlich starb Tero, der sympathische Koch, gerade Mitte 30.

 

"Wie war es möglich, dass ein gesunder junger Mann starb, während Vierundneunzigjährige dazu keine Anstalten machten? Sie hatte in der Zeitung gelesen, dass Menschen nach Überschreiten des neunzigsten Lebensjahres nicht mehr alterten. Ein schrecklicher Gedanke. Das bedeutet ja, dass Menschen wie sie, die über diese Zeit hinaus lebten, den Tod zu versäumen drohten."

 

Schon kursieren Gerüchte, Tero habe sich erhängt. Wenig später berichtet der Heimbewohner Reino, dass der beinamputierte Kriegsveteran Olavi in seinem Duschraum vom Pflegepersonal vergewaltigt wurde. Von dem betroffenen Pfleger fehlt fortan jede Spur. Reino hingegen wird auf die Demenzstation verlegt und gerät aus dem Blickwinkel der Freundinnen. Als sich Irma ebenfalls lautstark ihre Gedanken über die mitunter seltsamen Zustände in dem Heim macht, wird deren Tablettenration erhöht; schon bald zeigt sie erste Anzeichen von Verwirrung und Demenz und wird in die geschlossene Abteilung verlegt. Siiri und Anna-Liisa sind verunsichert, doch dann beschließen die resoluten Damen das Heft in Hand zu nehmen...

Krimi, Sozialkritik, Unterhaltung und damit für viele Lesergruppen empfehlenswert.

Minna Lindgren legt mit Rotwein für drei alte Damen oder Warum starb der junge Koch? den ersten von drei Romanen der "Abendhain"-Reihe vor. Teil 2 und 3 sind für September 2016 beziehungsweise April 2017 angekündigt. Im "Abendhain" passieren zunehmend seltsame Dinge. Medikamentenrationen werden erhöht, ärztliche Untersuchungen finden nicht statt und bald gibt es Gerüchte über diverse kriminelle Machenschaften. Ein dubioser junger Mann namens Mika macht die Bekanntschaft mit Siiri und steht ihr fortan zur Seite, allerdings entpuppt sich Mika als "Höllenengel" mit ungeklärter Motivation. Auch die Machenschaften des Personals sind mehr als unheimlich, wobei der Plot seinen Charme dadurch gewinnt, dass die Leserinnen (und Leser) mit zunehmender Handlung genauso verwirrt werden wie die betagten Damen. Was passiert wirklich, was ist Einbildung oder wird am Ende gar die eine oder andere Dame schlicht paranoid?

 

"Sie hatten beide diverse erschütternde Geschichten darüber gehört, wie Senioren mit Medikamenten regelrecht krank gemacht wurden. Menschen, die schwer dement wirkten und völlig klar wurden, sobald sie die Medikation absetzten. Ein Mann etwa, der unter dem Einfluss der Medikamente seinen eigenen Namen vergessen hatte, erkannte plötzlich alle Verwandten wieder, sogar die Nachbarn. Es fiel Irma und Siiri schwer zu begreifen, wie so etwas passieren konnte. Welchen Nutzen hatte es, alte Menschen dement zu machen? Ein Projekt im Rahmen von Sparmaßnahmen? Da wäre es doch kostengünstiger, sie sterben zu lassen."

 

Die Gebrechlichkeit des Alters macht den Damen zu schaffen. Dabei stört nicht nur bei den zunehmenden Beerdigungen der Rollator in den engen Kirchbänken. Auch ein beträchtliches Maß an Vergesslichkeit bestimmt zunehmend den Alltag und sorgt für weitere Unklarheiten. Dazu verändert sich das Leben für die Damen auch außerhalb des Heimes mit dramatischer Geschwindigkeit, wenngleich sich das häufige Fahren mit den verschiedenen Straßenbahnlinien niemand nehmen lassen will. Auf diese Weise erhält man auch einen Einblick in die Stadt Helsinki, in der die Geschichte spielt. Hier besteht vielleicht ein kleiner "Minuspunkt", denn etliche Personen, Gebäude und Ereignisse die in dem Roman erwähnt werden, dürften außerhalb Finnlands kaum bekannt sein.

 

"Finnland war doch angefüllt mit Tierschützern und sonstigen Aktivisten, die dafür Sorge trugen, dass sich die Pflege von Tieren zu einer genauestens überwachten Tätigkeit entwickelt hatte. Es musste in der Tierhaltung einiges gewährleistet sein, etwa ausreichend Raum, ausreichend Ruhe, Sonnenlicht, regelmäßiger Auslauf, artgerechte Haltung, vielseitige Ernährung und diverse weitere Dinge, von denen alte Menschen nur träumen konnten."

 

Minna Lindgren hat eine vielschichtige Geschichte geschrieben, die neben einem dezent kriminellen Plot mit viel Humor und unfreiwilliger Situationskomik zu gefallen weiß. Doch auch ein sozial- und gesellschaftskritischer Unterton fehlt nicht, denn über die Beschwerlichkeiten des Alterns, auf die drohende Vereinsamung und das Desinteresse der Familienangehörigen geht die Autorin ebenfalls ausführlicher ein. Ob man den vorliegenden Roman zwingend als "Krimi" lesen sollte sei dahingestellt, denn die Damen "ermitteln" altersbedingt ebenso realistisch wie überschaubar. Ein kurzweiliger Lesespaß ist der Roman in vielerlei Hinsicht aber auf jeden Fall.

Rotwein für drei alte Damen oder Wie starb der junge Koch?

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Letzte Kommentare:
19.06.2017 12:28:42
Eule Buer

Den dritten Teil hatte ich sinnigerweise zuerst gelesen, weil ich nicht wusste, daß es sich bei den Büchern um eine Trilogie handelt.
Jetzt habe ich also den ersten Teil gelesen und finde ihn gut. Jaha, ich weiß, es handelt sich um einen Roman, dessen Geschichte ausgedacht ist. Aber vieles, was rund um die Bewohner passiert, habe ich wiedererkannt, da ich in verschiedenen Alten-, Pflege- und Seniorenheimen gearbeitet habe. Es gibt auf jeder Seite schwarze Schafe, nicht nur unter denen des Pflegepersonals. Ich wäre froh, wenn man sich mehr Zeit für die Bewohner nehmen könnte und nicht wie im Akkord die Pflege durchführen muß. Jaha, ich weiß, wir Menschen sind nicht alle gleich, aber manchmal habe ich mir männliche und weibliche Bewohner wie in den Büchern von Minna Lindgren gewünscht. Haut aber nicht hin, weil auch leider oft die Gesundheit bei den Bewohner nicht mitspielt. Aber den ersten Teil kann ich nur jedem empfehlen.

22.02.2017 16:29:33
Rieser, Franz-Josef

Der Autor schildert die Probleme des Alterns und des staatlichen Gesundheitswesen ungeschminkt aber mit einem bitterbösen Humor. Liebevoll gestaltet er die Protagonisten seiner Handlung, deren Umwelt und ihre Lebensumstände. Hierbei verliert er sich nicht in moralisierenden Predigenden sondern malt in kräftigen Farben und klaren Konturen ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Der Spannungsbogen bleibt beständig auf hohem
Niveau und folgt einem roten Faden. Ein Buch zum verschlingen und nachdenken.