Winter Family

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • New York: Doubleday, 2015, Titel: 'The Winter Family', Originalsprache
  • München: Heyne, 2016, Seiten: 512, Übersetzt: Robert Brack

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Michael Drewniok
Nützliche Killer werden zu überflüssigen Strolchen

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mär 2019

1864 ist der US-amerikanische Bürgerkrieg für den Süden fast verloren. Die Konföderierten mussten empfindliche Niederlagen hinnehmen, geben aber nicht auf. Unions-General Sherman versucht es mit einer neuen Taktik. Statt den Gegner auf dem Schlachtfeld zu stellen, will er die Südstaaten durch Terror aufrollen. Nord-Truppen sollen sie Stück für Stück erobern, sich dabei aus dem Land ernähren und alles zerstören, was dem Feind zur Versorgung dienen könnte.

So ein ‚schmutziger‘ Krieg ist ganz im Sinn des Sergeanten Quentin Ross. Er meldet sich freiwillig, schart eine Gruppe skrupelloser Galgenvögel um sich und beginnt einen quasi privaten Feldzug: Ross ist ein Serienmörder, der seine Opfer gern langsam zu Tode foltert. Der blutige Zug durch Georgia bietet ihm Möglichkeiten, die Ross voller Wonne nutzt.

Nach Kriegsende löst sich die Gruppe nicht auf. Ihre Mitglieder kennen nur Raub und Mord und machen als Söldner weiter. Neben Ross wird der jüngere Augustus Winter zum heimlichen Anführer der Bande. Winter ist ein eiskalter Killer, für den das Töten Ausdruck seiner nihilistischen Weltsicht ist. Sogar Ross fürchtet den offensichtlich irren, aber charismatischen und schlauen Winter.

Als „Winter Family“ sorgt die Bande für Angst und Schrecken. Die Behörden mehrerer Staaten lassen sie jagen, aber die „Familie“ ist kopfstark, und Augustus hält sie eisern zusammen, weshalb man die Verfolger in Schach halten kann. Dennoch wendet sich das Blatt; der Fortschritt lässt die rechtsfreien Nischen verschwinden, während ‚zivilisierte‘ Kriminelle die Schandtaten der „Winter Family“ in den Schatten stellen. Die Überlebenden werden dennoch nicht kampflos untergehen …

Krieg und Zivilisation als Wiege des Übels

Zwischen Anspruch und Realität klafft in der Regel eine Lücke. Selten ist sie so breit wie in der Frage, ob ein Krieg ‚sinnvoll‘ oder ‚gerecht‘ geführt wird. Sowohl Angreifer als auch Verteidiger legen ‚logische‘ Argumente vor. Auf dem Schlachtfeld und in der Etappe sterben Soldaten und Zivilisten. ‚Schuldige‘ und ‚Unschuldige‘: Selbst oder gerade in der Nachschau ist das Urteil über einen Krieg selten eindeutig.

In einem Punkt herrscht parteiübergreifend Einigkeit: Vertuscht werden Ereignisse, die jenseits ohnehin eher behaupteter „Kriegsgesetze“ für Exzesse sorgen. Massaker und Mordorgien begleiten den Krieg zuverlässig bis in die Gegenwart. Die Ausnahmesituation fördert nicht nur die niederen Instinkte derer, die ohnehin zu kriminellen Handlungen neigen, sondern verwandelt auch ‚normale‘ Zeitgenossen in Massenmörder.

Clifford Jackman geht es nicht um den Soldaten, der ‚beruflich‘ tötet. Die spätere „Winter Family“ ist bereits eine Gruppe hochgradig krimineller Menschenschinder, als sie sich 1864 findet. Der Autor stellt nicht sie als eigentliche Wurzel des Übels dar. Die Regierung der Nordstaaten wusste durchaus, was General Shermans Kriegsplan nach sich ziehen würde. Scheinheilig stellte man offiziell die Befreiung der Sklaven und die Zerstörung kriegswichtiger Einrichtungen in den Vordergrund. Dass dies in verbrannter Erde und dem Tod vor allem Unschuldiger gipfeln musste, wurde ignoriert. Niemand wollte Details kennen. Shermans Coup glückte - darin sieht Jackman das grundsätzliche Unrecht: Die „Zivilisation“ erschafft sich nützliche Ungeheuer.

Fortschritt ohne Rücksicht

Durch die gesamte Handlung zieht sich Jackmans Kritik. Der historisch gern verklärte „Drang nach Westen“, der im 19. Jahrhundert die eigentlichen USA entstehen ließ, gleicht bei ihm einer Seuche, die ein Land und seine (Ur-) Einwohner befällt und vernichtet. Sobald Siedler irgendwo Fuß gefasst haben, beginnt dieser Prozess: Die Umwelt wird verschmutzt, zerstört und aufgeteilt. Jene Chancengleichheit, nach der es in den USA angeblich jeder Tellerwäscher zum Millionär schaffen kann, entpuppt sich als blanker Hohn. Wo immer sich Einwanderer und ihre Familien niederlassen, warten schon Spekulanten und Ausbeuter auf sie. Vor allem die 1872 spielende Chicago-Episode ist eine Lektion in zeitgenössischem Trumpismus, wobei Jackman nicht die Gegenwart im Blick hat, sondern die US-Historie generell als Geschichte rücksichtsloser Räuberbarone zeichnet.

Diese gehen höchstens raffinierter, aber keineswegs weniger brutal als die „Winter Family“ vor. Quentin Ross und vor allem Augustus Winter sind ‚ehrliche‘ Kriminelle. Sie rauben, zerstören und töten ohne moralisches Feigenblatt, während die ‚zivilisierten‘ Gauner viel Energie in das Bemühen investieren, mit weißen Westen dazustehen.

Ihre offene Unmoral wird der „Winter Family“ zum Verhängnis. Sie wollen nicht verstehen, dass Schwerverbrechen in der modernen Welt zumindest vertuscht und bemäntelt werden müssen, können sich nicht anpassen, obwohl selbst Augustus Winter begreift, was vor sich geht. Die „Family“ ist eine Versammlung verlorener Seelen, der Bandenname reine Ironie. Wer mit ihr zieht, ist ein Opfer familiärer Gewalt, hoffnungslosen Elends und verstörender Erfahrungen, denen der Bürgerkrieg die Krone aufgesetzt hat.

Wie das Verbrechen uramerikanisch wurde

Ob man Jackmans Theorie eines manchmal verschlungenen, aber insgesamt durchgängigen roten Fadens, der die (US-) Evolution des Bösen markiert, Glauben schenken möchte, bleibt den Lesern überlassen. Episodisch kann der Verfasser überzeugen - und beeindrucken. Der klassische „Wilde Westen“ wird vom Abenteuerspielplatz zum Geburtsort einer Nation, deren Entscheidungsträger buchstäblich über Leichen gehen, was ein organisiertes Verbrechen, das bis in die Gegenwart blüht, quasi hervorbringen musste.

Blendet man den manchmal allzu deutlich sichtbaren Zeigefinger aus, kann „Winter Family“ den erhofften Effekt - man lese & lerne - erfüllen. Die Sprache ist einerseits lyrisch in den Beschreibungen, andererseits knapp in den Dialogen: Quentin Tarantino hat mit ‚seinen‘ Verbrechern, die einerseits morden und andererseits tiefschürfende Unterhaltungen führen, auch die ‚Hochliteraten‘ beeinflusst. Ungeachtet dessen steht fest, dass Jackman nichts wirklich Neues zu sagen hat, sondern Bewährtes hübsch-hässlich verpackt. Dies gilt auch für einen novellenlangen Epilog, der (hierzulande unter dem Titel „California 1901“) ‚exklusiv‘ als eBook nachgeschoben wurde.

Fazit:

Im Krieg und in der Krise sind mordlustige Sadisten nützlich, anschließend sollen sie verschwinden, was natürlich nicht widerstandsfrei geschieht. Die Folgen beschreibt Autor Jackson als Serie sinnloser, oft bizarrer Gewaltausbrüche, was zwar eine bekannte/altbackene Moral beinhaltet, aber als Buch trotzdem spannend zu lesen ist.

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