Colonel Sun

  • Scherz
  • Erschienen: Januar 1969
  • London: Jonathan Cape, 1968, Titel: 'Colonel Sun', Seiten: 255, Originalsprache
  • Bern, München: Scherz, 1969, Titel: '007 James Bond auf der griechischen Spur', Seiten: 192, Übersetzt: Norbert Wölfl
  • Bern; München: Scherz, 1978, Titel: 'Liebesgrüße aus Athen', Seiten: 192, Übersetzt: Norbert Wölfl
  • Ludwigsburg: Cross Cult, 2014, Seiten: 240, Übersetzt: Anika Klüver & Stephanie Pannen
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Michael Drewniok
85°

Krimi-Couch Rezension von Michael Drewniok Nov 2015

Teuflische Agenten-Intrigen im Urlaubsparadies

Bis er sich vom Kampf mit Scaramanga, dem "Mann mit dem goldenen Colt", erholt hat, schiebt James Bond vom britischen Geheimdienst Innendienst. Als er sich zu einem Gespräch mit seinem Chef "M" treffen soll, gerät 007 in dessen Landhaus in eine Falle. Während er gerade noch entkommen kann, wird M entführt.

Indizien weisen darauf hin, dass man ihn nach Griechenland geschafft hat. Der Geheimdienst ist sich darüber im Klaren, dass diese Hinweise eine Falle sein dürften. Bond begibt sich trotzdem in die Ägäis, denn dort soll eine Geheim-Konferenz stattfinden, auf der verschiedene Kommunisten-Mächte sich absprechen wollen, wie sie dem Westen zukünftig noch mehr Schwierigkeiten bereiten können. Geplant ist offenbar ein Anschlag, der den Briten in die Schuhe geschoben werden soll und mindestens einen Geheimdienst-Krieg auslösen würde.

Hinter den Kulissen ist Kolonel Sun Liang-tan von der Liberation Army of China für die Aktion verantwortlich. Die Volksrepublik ist derzeit kein Freund der Sowjetunion und streut gern Sand ins Getriebe der Weltpolitik. Sun ist ein auf seinen Auftrag fixierter Fanatiker, der keinerlei Skrupel kennt. Als psychisch verkorkster Perversling liebt er es außerdem, seine Gegner zu foltern. Für seinen aktuellen Coup hat er einen Geistesgefährten gefunden: Ludwig von Richter gehört zu jenen Nazi-Verbrechern, die sich nach dem Krieg der Gerechtigkeit entziehen konnten.

Auf einer kleinen Insel im Mittelmeer hat sich Sun verschanzt. Er sorgt dafür, dass Bond ihn findet, denn er und von Richter haben bereits ihre Vorbereitungen getroffen: 007 soll zusammen mit M sterben. Plangemäß geht Bond dem teuflischen Duo in die Falle und landet in Suns Todeskabinett - und 007, dem Modellagenten des Westens, steht nur die griechische Kommunistin Ariadne Alexandrou zur Seite ...

Anderer Autor, bekanntes Spektakel

1967 lag der Tod von Ian Fleming drei Jahre zurück. Sein vorzeitiges Ende war für die Angehörigen eine Tragödie und für die Geschäftswelt ein Ärgernis, denn Flemings James Bond 007 war nicht nur ein Erfolg, sondern hatte sich sowohl zu einem modernen Mythos als auch zu einem Franchise entwickelt, das unter seinen Geldeinkünften förmlich erdrückt wurde. Mehr noch als Flemings Romane sorgten die Kinofilme für einen Erfolg, der planmäßig gefördert und gesteuert werden musste, um den Goldstrom nicht versiegen zu lassen.

Neue 007-Romane waren eine Option. Heutzutage wären entsprechenden Überlegungen umgehend Taten gefolgt. Die Erfahrung hat gezeigt, dass es genügt, eine prominente Figur zu beleben, um sie zu verkaufen. Qualität ist dagegen zweitrangig, weshalb Bücher zu Filmen in der Regel von zweit- bis drittklassigen Schreiberlingen fabriziert werden.

1967 ging man wesentlich skrupulöser an eine Fortsetzung der Bond-Saga heran. Die Inhaber der 007-Rechte prüften sorgfältig das Feld der in Frage kommenden Autoren. Man suchte jemanden, der wirklich schreiben und dabei den O-Ton der Vorlage treffen konnte. Dies engte das Feld der Kandidaten natürlich ein. Dennoch landete man einen Volltreffer: Ausgerechnet Kingsley Amis, einer der anerkannten Literaten des britischen Königreiches, erwies sich als ausgewiesener Kenner und Liebhaber von 007. Außerdem war er ein Profi, der sich durch ein gutes Honorar locken ließ. Als "Robert Markham" übernahm Amis den Job, auf den er sich gewissenhaft vorbereitete; u. a. unternahm er eine Reise durch die griechische Ägäis, um Land und Leute mit jenem erforderlichen Lokalkolorit, für das Fleming berühmt war, in Szene zu setzen.

Zwei Welten im kalten Krieg

Amis profitierte von einer globalen Konstellation, die es erleichterte, die Welt in ‚gute' und ‚böse' Staaten zu teilen. Dem "freien Westen" standen hinter dem "eisernen Vorhang" die roten = schurkischen Mächte des Ostens gegenüber. Unter der Leitung der Sowjetunion waren die Kommunisten bemüht, dem angeblich morschen kapitalistischen System den Todesstoß zu versetzen, um anschließend die ganze Welt zu übernehmen.

Allerdings zog sich der Zusammenbruch in die Länge. Gleichzeitig gab es Ärger im sozialistischen Paradies: Die angeordnete und gewaltsam kontrollierte Gleichheit erwies sich als böse Farce, die der menschlichen Natur nicht nur gänzlich widersprach, sondern auch - ganz im Sinne George Orwells - dazu führte, dass die Machthaber gleicher waren als ihre Bürger, die deshalb bespitzelt und drangsaliert wurden. Darüber hinaus zogen die Kommunisten dieser Welt keineswegs an einem Strang. Normalerweise wurden Ausreißer von der Sowjetunion unterworfen. Doch die Volksrepublik China war mächtig genug, solchen Attacken zu trotzen. Stattdessen war man durchaus bereit, dem sozialistischen "Partner" in die Suppe zu spucken.

Dies ist die Welt, in der James Bond 1967 aktiv wird. Colonel Sun brachte in der Tat einen Neubeginn, da Amis/Markham die politischen Veränderungen, die diese Welt seit Flemings Tod erfahren hatte, in seine Geschichte einfließen ließ. Dieses Mal ist nicht die Sowjetunion das Reich des Bösen, weshalb es zu einem bei Fleming sicherlich unmöglichen, leicht grotesken Spektakel kommen kann: Nachdem Sun ausgeschaltet und die Geheimkonferenz gerettet ist, feiern Bond, M und hochrangige Vertreter des sowjetischen Geheimdienstes eine Party. 007 soll sogar mit einem hohen Orden ausgezeichnet werden.

Der Autor karikiert auf diese Weise eine Weltsicht, die ausschließlich populärkulturellen Klischees geschuldet ist: 007 war (und ist) eine realitätsferne Figur, weshalb es quasi logisch ist, dass James Bond stets auf Gegner trifft, die nur vorgeblich im Sold feindlicher Mächte stehen. Stattdessen sind Männer wie Kolonel Sun gleichermaßen geniale wie irrsinnige Gestalten, die vorrangig eigene Ziele verfolgen.

Genial, böse, verrückt

Sun ist ein besonders zwielichtiger Charakter. 1967 musste Amis noch Rücksicht auf den Zeitgeist nehmen. Er konnte nur andeuten, dass Sun ein latent homosexueller Psychopath ist, der die Sabotage der Geheimkonferenz nur als lästige Pflicht betrachtet. Viel wichtiger ist ihm die Gefangennahme des berühmten James Bond, den er in einer Szene, die auch Travestie einer zärtlichen Verführung ist, zu Tode foltern will.

Solche Perversion fordert selbstverständlich eine besonders grässliche Strafe. Doch als es soweit ist, fällt Amis nichts Aufregendes ein. Die finale Konfrontation zwischen Bond und Sun irritiert aus heutiger Sicht durch ihre unspektakuläre Machart. Vor allem im Vergleich mit den Bond-Filmen nach 1970 sind die Ereignisse denkbar "realistisch". Alles bleibt eine Nummer kleiner. Es gibt nur wenige Schauplätze, und die finale Auseinandersetzung findet auf einer kleinen Insel statt. Amis ist hier Fleming besonders nahe. Wichtiger als jene Science-Fiction-Hightech, die in den Filmen immer wichtiger wurde, war ihm die Einbettung des Geschehens in eine glaubhafte Umgebung.

Nicht fehlen durfte dabei selbstverständlich nicht das typische "Bond-Girl", das hier die Gestalt einer zwar linientreuen aber auch hübschen Kommunistin annimmt, die dem legendären 007-Charme nur kurz widerstehen kann. Der Zweitschurke, den es in einer Bond-Story neben dem Hauptstrolch immer gibt, bleibt dagegen blass und kann seine nazideutsche Bosheit nicht wirklich ausspielen. Humor findet auch in Ansätzen nicht, weshalb besonders die Folter-Szenen unangenehm ernsthaft wirken und doch an den Rand der Lächerlichkeit geraten. Dies gilt auch für Amis' überzogene Figurenzeichnungen. Andererseits sind es solche Anachronismen, die besser zu James Bond passen als die Gegenwärtigkeit, die ihm im 21. Jahrhundert eher gewaltsam übergestülpt wird. Als effektbetonte Spannungslektüre hat sich Colonel Sun jedenfalls gut halten können.

Colonel Sun

Kingsley Amis, Scherz

Colonel Sun

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