Pretty Girls

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: HarperCollins, 2015, Seiten: 500

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Almut Oetjen
Schattierungen des Grauens

Buch-Rezension von Almut Oetjen Okt 2015

Die Familie Carroll aus Atlanta in Georgia zerfiel nach dem spurlosen Verschwinden der neunzehnjährigen Tochter Julia im Jahr 1991. Vater Sam zog sich zurück und vernachlässigte seine beiden anderen Töchter Lydia und Claire. Claire heiratete den Architekten Paul Scott und lebte fortan im Wohlstand. Lydia Delgados Biographie nahm eine gegenläufige Entwicklung, die zur Alleinerziehenden und Drogenabhängigen. Als Lydia Paul eines sexuellen Übergriffs beschuldigte, trennten sich die Wege der Schwestern.

Während eines Überfalls im Jahr 2015 wird Paul getötet. Bei der Durchsicht seines Nachlasses stößt Claire auf eine Seite ihres Mannes, die sie bisher allenfalls in Andeutungen kannte, die sich verhalten in gelegentlichen sexuellen Handlungen äußerte. Auf Pauls Rechner findet sie eine große Anzahl Filme, in denen Frauen misshandelt und ermordet werden. Woher kommen diese Filme? Sind es gespielte oder echte Szenen, Snuff-Movies? Ein FBI-Agent erklärt ihr, warum, was dort zu sehen ist, kein Snuff sein kann. Auf dem Friedhof trifft Claire ihre Schwester Lydia, die ihre Abhängigkeit überwunden hat. Claire glaubt, dass die Videos Snuff sind und sie eine der Frauen kennt. Gemeinsam mit Lydia beginnt sie zu recherchieren.

Beschränkung durch Konzentration auf die Opfer-Perspektive

Der zurückliegende Fall, die Entführung und Ermordung Julia Carrolls in 1991, wird in einer Vorgeschichte erzählt, die als e-book unter dem Titel "Tote Blumen" erhältlich, für das Verständnis von Pretty Girls jedoch nicht notwendig ist. Die Gegenwartshandlung von Pretty Girls spielt im Jahr 2015 und ist durchsetzt mit Erinnerungen an und Rückblenden in das Jahr 1991. Es gibt zwei Handlungsstränge in der Gegenwart, einen, der in 24 Kapiteln die Hauptgeschichte erzählt, einen weiteren, der in sieben Kapiteln des Vaters Gedanken wiedergibt und zugleich den Rahmen für die Kriminalgeschichte liefert. Wie auch in ihrem kurz zuvor in deutscher Übersetzung erschienenen Cop Town, ist die Hauptfigur nicht Will Trent vom Georgia Bureau of Investigation. In Pretty Girls besteht das Ermittlerpaar aus zwei Schwestern.

In Shades of Grey entspinnt sich eine SM-Geschichte, deren Grundlage ein Beherrschungs-Vertrag in beiderseitigem Einvernehmen ist. In Pretty Girls tritt an die Stelle einer solchen Vereinbarung ein aufgezwungener einseitiger Vertrag, welcher der sadistischen Seite alle Möglichkeiten eröffnet, die es in Shades of Grey nicht geben kann, nicht zuletzt, weil es bei Slaughter um extreme Grausamkeiten und Morde und die Vergewaltigung sterbender Frauen geht. Außerdem wird der Beherrschende am Ende nicht bekehrt. Von der Misshandlung und Ermordung der Opfer werden Videoclips aufgezeichnet. Das Ergebnis sind so genannte Snuff Movies, Auslöschungsfilme.

Slaughter bereitet inhaltlich vor, was Claire über ihren Mann herausfinden wird. So trug Claire während einer sechsmonatigen Arreststrafe eine Fußfessel, was ihn erregte, auch ließ er immer wieder mal Neigungen zu soften SM-Spielen erkennen. Anders als in der Grant County Reihe, ist das FBI in Pretty Girls bedrohlich in Gestalt von Agent Fred Nolan und wenig hilfreich in der Jacob Mayhews. Claire und Lydia wissen nicht, wem sie trauen können, wer lügt oder die Wahrheit sagt, wer für sie eine Gefahr darstellt.

Die Texte des Vaters sind Dokumente einer verzweifelten Suche nach dem vermissten Kind und des Bemühens, in der sich hieraus ergebenden Instabilität Sinn und Ordnung einen Platz zu geben, die es erleichtern, mit der Situation umzugehen.

Slaughter schreibt Pretty Girls in beiden Erzählsträngen konsequent aus der Opfer-Perspektive. Sie beginnt damit, dass sie Claire brutal in eine Situation zweifacher Verwirrung stößt, den für einen heutigen Thriller üblichen Gewaltakt, zur Einstimmung und Vorbereitung der Leser und Leserinnen auf das Kommende, und die Erfahrung, dass ihr Mann nicht der war, mit dem sie all die Jahre zusammenlebte. Gleichzeitig führt dieses neue Wissen dazu, dass Claire sich wieder mit ihrer Schwester vereinen kann - eine wichtige Voraussetzung für die Aufklärung des Falles und die Entwicklung der sich über einen großen Teil des Romans, fast schon ein Widerspruch in sich, erstreckenden Klimax. Die Stärke dieses Thrillers und Familiendramas liegt denn auch in der Interaktion der beiden Schwestern, die wieder zusammenfinden nach rund zwanzig Jahren der Trennung und Entfremdung auf der Grundlage einer bösen Fehleinschätzung. Weiter behandelt die Autorin ihr wiederkehrendes Thema Frauenfeindlichkeit. Die Prämisse dieses Erzählstranges ist: Frau zu sein, das bedeutet, potenzielle Beute zu sein.
Slaughters Beschreibungen sind mitunter recht detailliert, weniger blutig, als in einigen anderen ihrer Romane, dafür umso grausamer. Pretty Girls erweckt bisweilen den Eindruck, Slaughter habe jedes Mal in Gegenwart eines Stoppschildes festgestellt: aah, hier geht's lang!

Über die Täter erfahren wir jedoch aufgrund der Opfer-Perspektive nicht viel. Es sind sexuelle Sadisten, die ihre weiblichen Opfer physisch quälen und dies filmisch dokumentieren. Jenseits des wirtschaftlichen Aspektes ist, auch wenn darüber nichts bekannt wird, davon auszugehen, dass die Täter sowohl durch das Leiden der Opfer sexuell stimuliert werden, als auch Lustgewinn aus der Produktion ihrer Snuff-Filme ziehen. Deutlich wird neben dem Lustgewinn vor allem der Machtaspekt. Die Täter haben teils institutionell begründete Macht und üben natürlich Macht über ihre Opfer aus.

Den Gewaltszenen stellt Slaughter die Gedanken des Vaters gegenüber, in denen die Liebe zur Tochter, der Schmerz über deren Verschwinden und die Unklarheit der Situation deutlich werden, wie auch die Beziehung der beiden Schwestern.

Geschickt arbeitet Slaughter nicht nur heraus, wie Claire der Boden unter den Füßen weggezogen wird, als sie erfährt, dass sie viele Jahre mit einem Mann verheiratet war, den sie nicht kannte. Verstärkend kommt hinzu, dass sie über die Motive ihres Mannes so gut wie nichts erfährt, was das Beklemmende oder Unheimliche ihrer Situation noch potenziert.

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