Die Blonde mit den schwarzen Augen

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • London: Mantle, 2014, Titel: 'The Black Eyed-Blonde', Seiten: 290, Originalsprache
  • Berlin: Parlando, 2015, Übersetzt: Christian Brückner

Couch-Wertung:

78°
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Jürgen Priester
Philip Marlowe – light

Buch-Rezension von Jürgen Priester Aug 2015

Als der amerikanische Krimiautor Raymond Chandler 1959 im Alter von 70 Jahren starb, hinterließ er eine Reihe von Skizzen und Vorlagen für neue Romanideen, die wohl der Vergessenheit anheim gefallen wären, wenn nicht vor Kurzem der preisgekrönte, irische Schriftsteller John Banville alias Benjamin Black sich eines Fragments angenommen und der Kultfigur Philip Marlowe ein neues Leben eingehaucht hätte. Black wählte "Blackeyed Blonde", welches man durchaus als Fortsetzung von Der lange Abschied sehen kann, da auf einige Personen dieses Romans Bezug genommen wird und deren Schicksal endgültig geklärt wird. Bei uns ist der Roman unter dem Titel Die Blonde mit den schwarzen Augen als Softcover bei Kiepenheuer & Witsch in der Übersetzung von Kristian Lutze erschienen. Der Roman spielt in Los Angeles Mitte der 1950er Jahre.

Privatdetektiv Philip Marlowe sitzt eines Sommers Morgen gelangweilt in seinem Büro und sinniert über seine aktuell abgeschlossenen Aufträge, als die Tür aufgeht und eine atemberaubende Blondine sein Büro betritt. Clare Cavendish ist so betörend, wie eine Chandlersche Blondine nur sein kann, und Marlowe ist ganz hin und weg. Sie bittet ihn, einen gewissen Nico Petersen, der vor Monaten ihr Liebhaber gewesen sei, zu suchen. Er sei von einem Tag auf dem anderen spurlos verschwunden. Marlowe macht sich ans Werk. Einige Anrufe und Wege ergeben schnell, dass Petersen bei einem Autounfall mit Fahrerflucht ums Leben gekommen ist. Marlowes reiche Klientin ist weniger überrascht über diese Tatsache. Der Knackpunkt ist nur, sie glaubt, ihn Wochen nach dem tödlichen Unfall lebend in San Francisco gesehen zu haben.

Marlowe stürzt sich erneut in die Arbeit und versucht, die Vergangenheit des vielseitigen Liebhabers zu erhellen. Dabei stößt er auf unerwartete Verbindungen und zahlreiche falsche Identitäten. Der Fall fasziniert ihn zunehmend, wie auch seine geheimnisvolle Auftraggeberin, der er immer näher kommt. Doch so richtig trauen, kann er ihr nicht.

Das Werk eines anderen fortzusetzen oder dessen Ideen aufzugreifen, ist ein schwieriges Unterfangen, besonders wenn es sich um einen stilprägenden Klassiker handelt. Wie kaum ein Zweiter hat Raymond Chandler der Kriminalliteratur in seinen Romanen und Erzählungen seinen Stempel aufgedrückt. Hat Benjamin Black es nun geschafft, Chandlers Meisterwerken gerecht zu werden und der Figur des Philip Marlowe neues Leben einzuhauchen? Die Frage kann nur mit "Ja" und "Nein" beantwortet werden.

Liest man Blacks Die Blonde mit den schwarzen Augen in vager Erinnerung an Chandlers Marlowe-Romane, weil deren Lektüre schon länger zurückliegt, stellt sich sofort die Empfindung ein, ja, er lebt wieder, der Marlow, das Raubein, der Frauenliebhaber, der Zyniker, der Philosoph, der gewiefte Ermittler. Black trifft in Ton und Sprache das große Vorbild par excellence und offeriert dem geneigten Leser einen wendungsreichen spannenden Plot.

Nimmt man Blacks neuen Roman aber zum Anlass, sich noch einmal einen alten Marlowe-Roman zur Brust zu nehmen (der Rezensent las Der lange Abschied), kann feststellen, dass der "neue" Marlowe doch eher eine weich gezeichnete Kopie des Originals ist. Chandlers Marlowe ist um einiges härter zu sich selbst und im Umgang mit seinem Milieu. Sein Alkoholproblem kommt deutlicher zum Tragen und er ist konkreter in seiner Gesellschaftskritik. Das mag daran liegen, dass Chandler ein Kind der Zeit war, über die er schrieb und dort lebte, wo seine Romane spielten. Frische direkte Eindrücke hinterlassen einfach lebhaftere Konturen. Benjamin Black indes kann sich nur auf sein Einfühlungsvermögen verlassen.

Ohne Frage ist Die Blonde mit den schwarzen Augen ein ambitioniertes Projekt und gute, sprachlich anspruchsvolle Unterhaltung, aber ohne den nötigen "Stallgeruch". Wer Philip Marlowe, das Urgestein des Private Eye, kennenlernen möchte, der ist mit Chandlers Originalen besser beraten.

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