Kolbe

  • Pendragon
  • Erschienen: Januar 2015
  • Bielefeld: Pendragon, 2015, Seiten: 448, Originalsprache
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Jörg Kijanski
90°

Krimi-Couch Rezension vonAug 2015

Würdigung einer außergewöhnlichen Biografie

Als 1939 der Weltkrieg ausbricht ist Fritz Kolbe Vizekonsul in Kapstadt. Er verabscheut die Nationalsozialisten und möchte mit seiner Tochter Katrin im Land bleiben. Doch Südafrika erklärt dem Deutschen Reich den Krieg, die Botschaft muss geschlossen werden und sein Chef, Konsul Biermann, bedrängt Kolbe, ihn nach Berlin zu begleiten. Dort könne er, Biermann, noch was bewegen und schlimmeres verhindern. Aus Sorge um seine Tochter lässt er diese bei Bekannten zurück und wird über viele Jahre nichts mehr von ihr hören.

 

Von Biermann lernte Fritz viel über die Geschichte der Diplomatie. Sprache sei Feinarbeit, Verträge müsse man auswendig lernen, dem anderen gegenüber großmütig sein. Diplomatie sei keine Pauke, sondern eine Oboe.
"Und manchmal ist sie Lüge", sagte Fritz.
"Sprache, Herr Kolbe, Sprache."

 

Schon auf der Überfahrt merkt Kolbe schnell, wie sich die Zeiten geändert haben. Bisher unscheinbare Leute lassen den neuen Herrenmenschen heraushängen. In Berlin arbeitet Kolbe dann im Auswärtigen Amt (AA), jahrelang in der unbedeutenden Gruppe für Personal und Visa. Konsul Biermann wird kurz nach dem Sieg über Frankreich von Außenminister von Ribbentrop in den Ruhestand versetzt. Kolbe gibt den unverzichtbaren Beamten und wird persönlicher Referent von Ernst von Günther, der für die Verbindung zwischen AA und der Wehrmacht zuständig ist. Kolbe erhält Zugang zu brisanten Geheimdokumenten und beginnt bei einer Dienstreise nach Bern im Jahr 1943 sein Wissen an die Amerikaner weiterzugeben. Darunter ein detaillierter Plan der Wolfsschanze, doch die Amerikaner zögern und glauben zunächst, dass Kolbe ein falsches Spiel treibt ...

Ein bewegender Roman über einen vergessenen Helden.

Fritz Kolbe war der einzige Mitarbeiter des AA, der nicht Mitglied der NSDAP war. Er war der wichtigste Spion der Amerikaner, vielleicht sogar der wichtigste Spion des Zweiten Weltkrieges, wurde als Capa (höchste Geheimstufe) geführt und selbst US-Präsident Roosevelt las seine Berichte. Leider blieb ein gewisses Misstrauen bestehen und so vergaben die Amerikaner einige Chancen auf wirkungsvolle Angriffe. Kolbes Leben war ein großes Missverständnis. Er hasste die Nazis, kämpfte gegen diese unter Einsatz seines Lebens und wurde nach dem Krieg selbst von Allen Dulles, seinem Kontaktmann in Bern und ab 1953 CIA-Direktor, fallen gelassen. In Deutschland hoffte Kolbe, nach Kriegsende in den diplomatischen Dienst zurückkehren zu dürfen, schließlich sah er sich immer als einen der wenigen Guten. Die müsste man doch brauchen, gerade jetzt! Doch zurückkehren durften stattdessen Leute wie General Gehlen, ein ebenso hochrangiger wie lupenreiner Nazi, der brisante Informationen über die Russen an die Amerikaner lieferte und somit deren Mann wurde. Gehlen wurde erster Chef des neu gegründeten Bundesnachrichtendienstes und blieb dies bis 1968. In seinem Fahrwasser zahlreiche alte Weggefährten, allesamt mit vormals braunem Parteibuch. Für den "Verräter" Fritz Kolbe war da kein Platz, bis heute sucht man seinen Namen auf der Liste deutscher Widerstandskämpfer vergebens.

 

"Haben alle auf unschuldig plädiert. Aus den unteren Nazirängen sind viele freigesprochen, andere zu sehr milden Strafen verurteilt worden. Von Günther auch. Seine Untersuchungshaft wurde ihm angerechnet. Die werden mit offenen Armen empfangen. Und ich? Ich bin der Verräter. Bin verantwortlich für Todesfälle. Herrgott, für wie viele Morde sind die verantwortlich? Einer der Männer, der an der Wannseekonferenz teilgenommen hat, lebt heute als Steuerberater mitten in Berlin. Sie wissen, was während der Wannseekonferenz beschlossen wurde?"

 

Was Fritz Kolbe unter Einsatz seines Lebens riskierte ist beeindruckend. Wie man damals und auch heute noch mit seinem Namen umgeht ist beschämend. Immerhin, im Außenministerium wurde 2005 ein Saal nach ihm benannt; 34 Jahre nach seinem Tod. So ist es ein großer Verdienst von Andreas Kollender, dass er diesem in Vergessenheit geratenem Helden wider Willen ein literarisches Denkmal setzt; beeinflusst von der Kolbe-Biografie des Franzosen Lucas Delattre.

Packend und großartig erzählt. So schreibt man (eine) Geschichte.

Kolbe lebt zu Beginn des Romans im Schweizer Exil und erzählt zwei jungen Journalisten sein Leben, in welches immer wieder episodenhaft zurückgeblendet wird. Durch diese Zeitwechsel entsteht eine packende Reportage, die Andreas Kollender mit viel Empathie zu erzählen vermag. Kobe ist hin und her gerissen. Er hat Angst um sein Leben und das seiner geliebten Marlene, aber genauso sehnt er sich nach einem Kontakt zu seiner Tochter und verfängt sich doch mehr und mehr in einem gigantischen Netz aus Intrigen, Verrat, Erniedrigung und Verstellung. Je mehr sich das Ende des Krieges abzeichnet wird die Lage für ihn immer bedrohlicher, denn das ein hochkarätiger Informant den Amerikanern Dokumente liefert, hat sich längst bis zu den Russen herumgesprochen. Diese bitten ihn um Informationen über General Gehlen, damit dieser zur Rechenschaft gezogen werden kann, doch Kolbe mag nicht glauben, dass die Amerikaner nach Kriegsende mit hochrangigen Nazis zusammenarbeiten werden.

Kolbe ist ein intensives Leseerlebnis, das über die reine Lektüre hinaus geht. Man sollte sich darauf einlassen!

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