Der Fall Bramard

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Mailand: Feltrinelli, 2014, Titel: 'Il caso Bramard', Originalsprache
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2015, Seiten: 320, Übersetzt: Barbara Kleiner

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Jörg Kijanski
Literarischer Krimi großartig erzählt

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Jul 2015

Corso Bramard war einst der jüngste Kommissar Italiens und jagte vor rund zwanzig Jahren einen Frauenmörder, dessen letztes Opfer Michelle, Bramards Ehefrau, war. Auch von seiner Tochter Martina fehlt seitdem jede Spur und so zog sich der eigenbrötlerische Ermittler zurück. Heute lebt er in einem kleinen Dorf in den Alpen, unterrichtet in Teilzeit an einer Grundschule und hat – im Rahmen seiner emotionalen Möglichkeiten – eine Beziehung zu einer rumänischen Kellnerin. Aber dann erhält Bramard einen Brief, geschrieben auf einer Schreibmaschine der Marke Olivetti des Baujahres 1972, mit einem Liedtext von Leonard Cohen. Der Mörder meldet sich zurück und Bramard nimmt die Herausforderung an.

 

"Du weißt, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, einen Mörder zu fassen, nach ..."
"Vor sieben Monaten waren es null Komma drei Prozent. Geringer geworden?"
"Du warst der beste. Und es ist dir nicht gelungen."
"Die Besten finden die Leute, wenn sie noch am Leben sind, und fassen den Schuldigen. Um Leichen zu finden oder nicht einmal die, reichen die Schlechtesten."

 

Gemeinsam mit seinem Nachfolger Kommissar Arcadipane und der aufmüpfigen Polizistin Isa macht er sich auf die Suche nach dem Feind seines Lebens. Doch am Ende der Suche wartet eine Überraschung...

Die Entdeckung der Langsamkeit

Ein Ex-Kommissar im Ruhestand wird von seiner Vergangenheit eingeholt. Kennt man alles, schon oft gelesen, nur kalter Kaffee? Nein, zumindest nicht wenn der Autor Davide Longo heißt, den unlängst die FAZ zu den "spannendsten italienischen Schriftstellern" kürte. Nun also erstmals ein Krimi und was für einer! Wer anhand der Inhaltsbeschreibung an ein actionreiches Spektakel glaubt, der liegt hier völlig falsch. Die Krimihandlung ist ohnehin eher Beiwerk, die Figuren und die Landschaft sind Longos Motive.

 

"Auf der danebenliegenden Terrasse rauchten Männer Wasserpfeife, in Vierer- und Fünfergruppe um kleine runde Tische zusammengeschart. Die Worte kamen träge, harmlos, fast schläfrig aus ihren Mündern. Die Körper waren auf die Stühle hingestreckt. Die Augenbewegungen sehr langsam."

 

Mit ebenso bildgewaltiger wie lakonischer Sprache erzählt Longo seine Geschichte in zäher Langsamkeit. Wie bei einem Mosaik wird Stein um Stein umgedreht und zu einem Gesamtbild zusammengefügt, wobei vor allem Geduld gefragt ist. Mit hoher Aufmerksamkeit kann man der Handlung folgen und gleichzeitig deren erhabenen sprachlichen Genuss vollends ausschöpfen.

Corso Bramard ist ein gefallener Mann seit seine Frau ermordet wurde und seine Tochter verschwand. Er verfällt in Melancholie, erwartet vom Leben nichts mehr und zieht trotzdem in einen letzten Kampf, der mit einem Finale aufwartet, welches den einst jüngsten Kommissar Italiens sprachlos zurück lässt. Er, der schon so viel gesehen und erlebt hat, mit allen Wassern gewaschen ist, stößt auf einen Widersacher mit höchst sonderbarem Motiv. Bis dahin gilt es überwiegend verwaschene Spuren zu verfolgen, die oftmals in einer Sackgasse oder wie die junge Isa sagen würde "in der Scheiße" enden. Ja, mitunter wird der Ton auch mal derb.

 

"Wenn du auf dem Sofa schlafen willst, so dass wir morgen früh gleich zu Tabasso gehen können, ist mir das recht. Aber keine falschen Vorstellungen bitte. Ich bin nicht Lisbeth Salander, also glaub bloß nicht, dass ich heute Nacht aufstehe, mich ausziehe und komme, um dich zu ficken, okay?"
"Hast du Larsson gelesen?"
"Nein."
"Verdammnis."
"Aber du hast verstanden."

 

Dazwischen zahlreiche Gespräche mit den Bewohnern der dörflichen Gegenden. Diese sind zurückhaltend, wortkarg und mitunter so verstörend wie die atemberaubende Natur, in der sie leben. Wer sich auf ein großes literarisches Krimischauspiel einlassen möchte, darf hier unbesehen zugreifen und findet einen der - in jeder Hinsicht - außergewöhnlichsten Fälle dieses Jahres. Fernab des Mainstream entdeckt Davide Longo das Gesetz der Entschleunigung, womit er eindeutig im Zeittrend liegt. Großes Kino!

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