Knochen

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Oslo: Cappelen Damm AS, 2013, Titel: 'Åseldyr', Originalsprache
  • Berlin: Rütten & Loening, 2015, Seiten: 431, Übersetzt: Gabriele Haefs u. Andreas Brunstermann

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Michael Drewniok
Die Reichen fressen die ganze Welt

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jul 2015

In einem verlassenen Erdkeller in der norwegischen Hauptstadt Oslo muss ein müder Obdachloser feststellen, dass er auf einem Skelett genächtigt hat. Die eilends herbeigeeilte Spurensicherung der Kriminalpolizei gibt Entwarnung: Die Knochen gehören zum Gerüst eines Schimpansen.

Dieser wurde zwar geschlachtet und enthauptet, doch dafür ist die Abteilung für Gewaltverbrechen nicht zuständig. Da Ermittlerin Elisabeth Sunee Rathke allergisch auf Unrecht und Ausbeutung reagiert sowie sich in den als Berater herangezogenen Tierarzt verguckt hat, bleibt sie am Ball. Nach und nach tauchen in dem Keller weitere Überreste auf. Alle gehören sie exotischen und seltenen Tieren, deren Fleisch offenbar auf den Tischen reicher Leute mit seltsamen Gelüsten gelandet ist. Die Kriminalpolizei übernimmt den Fall erneut, als das Skelett eines zweijährigen Jungen entdeckt wird. Das Kind wurde erschlagen, und die Frage, wieso seine Gebeine mit den Tierknochen vermengt sind, wirft beunruhigende Deutungsmöglichkeiten auf.

Die raren Spuren führen Elli Rathke und ihren Polizei-Partner Jan Nereng in die höheren Kreise der Stadt, was die Ermittlungen erschwert. Allerdings schwindet die Sorge vor wadenbeißenden Promi-Anwälten, als weitere, nunmehr frische Leichen auftauchen: Jemand sorgt dafür, dass der Polizei die Verdächtigen ausgehen. In den Fall kommt Bewegung, als sich der Erdkeller als Teil eines gewaltigen, während der nazideutschen Besetzung Norwegens unter der Stadt entstandenen Bunkersystems entpuppt. Dieses ideale Versteck kennt der Mörder ausgezeichnet, wie Elli zu ihrem Leidwesen herausfindet, als sie ihm unter der Erde in die Hände läuft und nur knapp entwischen kann. Nichtsdestotrotz kommen die Ermittler voran, was den Mörder und seine Kumpane nervös und erst recht gefährlich werden lässt ...

Der Mensch ist schlecht, das Leben eine Plage

Zwar darf und muss man modernen skandinavischen Krimi-Pionieren wie Maj Sjöwall/Per Wahlöö oder Henning Mankell dankbar sein für ihre qualitativ hochwertigen und spannenden Beiträge zum Genre. Sie sind jedoch mitverantwortlich für einen Grundtenor, der vor allem (aber nicht nur) hierzulande eine Schublade für den "Skandinavien"-Krimi geöffnet hat.

Der muss bestimmten Vorgaben genügen, um als solcher zur Kenntnis genommen zu werden. Entsprechender Aufwand lohnt sich, denn nicht nur eine breite (und zahlende) Leserschaft, sondern auch die anspruchsvolle Literaturkritik nimmt entsprechend formatierte Nordland-Thriller zur Kenntnis, was wiederum auch ein "intellektuelles" Publikum aufmerksam werden und zur Geldbörse greifen lässt.

Also wird im hohen Norden unter Berücksichtigung aktueller Gesellschaftsprobleme gemordet. Die Palette einschlägig aufgegriffener Übel umfasst, was besorgte TV- oder Zeitungsredakteure Schlagzeilenkommentare verfassen lässt: Ausländerfeindlichkeit, Klebstuhl-Politik, die Aushöhlung demokratischer Grundrechte durch datensaugende Geheimdienst-Kraken, die Wiederkehr rechtsradikaler Demagogie in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, moderne Sklaverei, die Ausgrenzung establishmentuntauglicher Gesellschaftsschichten. Hinzu kommen Dauerbrenner: Umweltzerstörung, Frauen-Unterdrückung, Korruption.

Das Besondere am Nordland-Krimi scheint geradezu die weitgehende Abwesenheit klassischer Kriminalitätsmotive zu sein. Selbst Verbrechen aus Leidenschaft speisen sich mindestens aus nie bewältigten Vergangenheiten, für die oftmals die Nazis verantwortlich sind. Derartige Relevanz wird so weit in den Vordergrund gerückt, dass der Leser entsprechende Verwicklungen bereits mitsingen kann, zumal sie in betont nüchterner Sprache und unter sorgfältiger Ausklammerung jeglichen Humors zelebriert werden.

Der Fluch des Schemas F

Auch Eystein Hanssen wandelt auf diesem Pfad. Es entsteht sogar der Verdacht, dass er einschlägige Vorbilder genau studiert hat, um erfolgreiche Kriterien für seine Romane herauszufiltern. Die Serie um Elli Rathke zählt in Norwegen bereits fünf Bände (2015). Recht regelmäßig setzt Hanssen sie mit einem Band pro Jahr vor - eine Veröffentlichungsfrequenz, die nur unter Berücksichtigung eines ausgearbeiteten Grundschemas zu halten ist.

In der Tat hat Hanssen die Welt der Elli Rathke sorgfältig entworfen und ausgestaltet. Davon kündet eine detailreiche Biografie der Polizeibeamtin, die sich auf der Website des Verfassers einsehen lässt. Schon die flüchtige Lektüre macht deutlich, dass die Privatperson der Ermittlerin Rathke mindestens gleichwertig ist. Dies ist natürlich noch kein Nachteil: Wir möchten durchaus die Person Elli Rathke näher kennenlernen. Das Problem liegt darin, dass Hanssen wie so viele heutige Autoren das Privatleben neben die Krimi-Handlung stellt, ohne beide Stränge wirklich miteinander zu verbinden. So ist Ratke mit einer manipulativen Mutter geschlagen, die dieses Mal auf die womöglich hässlichen Ergebnisse einer ärztlichen Untersuchung wartet. Viele Seiten diskutieren Mutter und Tochter darüber und arbeiten dabei Familienangelegenheiten auf, die für das kriminalistische Geschehen ohne Belang sind und eindeutig für die Seifenschaum-Fraktion der Leser/innen/schaft ausgewalzt werden.

Selbstverständlich ist Elli Rathke eine "moderne Frau", die nicht nur mit ihrem Single-Dasein ringt, sondern auch hohe Ansprüche an ihre potenziellen Lebensgefährten stellt, was uns ebenfalls ausführlich mitgeteilt wird. Hinzu kommen diverse Traumata einer Vergangenheit, die sich der deutschen Leserschaft ohnehin nur zum Teil erschließt, weil hierzulande dem ersten Band der Serie nunmehr der vierte folgt.

Die üblichen Feinde der Demokratie

Schon mit diesen Problemen und Problemchen segelt Hanssen hart an der Kante zum Klischee. Er geht jedoch mehr als einen Schritt weiter: Elisabeth Sunee Rathke ist ein europäisch-thailändisches Multikulti-Kind mit ebenfalls einschlägigen Problemen, die für weitere Buchseiten gut sind. Darüber hinaus muss sich ein philippinisches Au-Pair-Mädchen stellvertretend für die Unterprivilegierten dieser ungerecht globalisierten Welt von reichen, bösen Schweden ausbeuten lassen; um diese Figur zu rechtfertigen, lässt Hanssen schließlich einen bisher als kühlen, organisierten Charakter geschilderten Nebenstrolch geil über sie herfallen.

Neokolonialistische Triebe sollen für weitere leserliche Entrüstung sorgen: Die neuen Reichen stellen sich über das Gesetz. Sie kaufen sich Kinder, die sie entsorgen, wenn sie sich als beschädigte Ware herausstellen. Gierig fressen sie buchstäblich die letzten Exemplare einer ohnehin angeschlagenen Tierwelt auf. Hanssen findet noch weitere Aufdringlichkeiten, mit denen er sein High-Society-Feindbild aufpeppt - und ins lächerlich Übertriebene umkippen lässt.

Womit wir wieder auf Sjöwall/Wahlöö zurückblicken müssen: Sie verstanden es, die Polizei als (unfreiwilligen) Arm einer ausartenden Kumpanei aus Politik und Medien darzustellen, Hier zeichnete sich ein mächtiger, düsterer Apparat in einem Hintergrund ab, der bei Hanssen konstruiert und sogar trivial wirkt. Als sich das Schlacht- und Mordrätsel löst, fragt sich der Leser erstaunt, wieso derartige Schmalspurstrolche so lange unentdeckt ihr Unwesen treiben konnten. Hanssen möchte uns glauben machen, es läge an den Widrigkeiten eines Systems, das von kriminellen Nutznießern ausgehöhlt wird. Dieser Eindruck will sich jedoch nicht bzw. nur auf einem Niveau einstellen, auf dem sich Hanssen als Schriftsteller selbst sicherlich nicht sieht!

Tief im Dunkeln tun sie munkeln

Interessanterweise funktioniert Knochen als reiner Kriminalroman deutlich besser. Der Plot ist abenteuerlich und wenig realitätsnah, doch gerade das gleicht die drögen Elli-Privat- und Böse-Welt-Tiraden aus. Unter den Straßen von Oslo erstrecken sich tatsächlich durch lange Gänge miteinander verbundene Nazi-Bunker, die nach dem Zweiten Weltkrieg auch dem norwegischen Geheimdienst nützlich waren. Sie sorgen für ein angenehmes Geisterbahn-Ambiente, das einer absurden aber keineswegs erdachten Straftat eine würdige Stätte bietet: Es gibt wirklich "Feinschmecker", die sich möglichst seltsame und seltene Tiere auftischen lassen! Hanssen beschreibt dies sehr richtig als Tabubruch einer Kaste, die sich dies- und jenseits des Gesetzes alles leisten kann und deshalb auf der Suche nach neuen Nervenkitzeln ist.

Die alltägliche Ermittlungsarbeit fließt maßvoll ins Geschehen ein, das sich ungeachtet aller Sackgassen oder gerechtigkeitsimmuner Feindanwälte langsam aber jederzeit deutlich vorwärtsbewegt. Nichtsdestotrotz entwickelt sich die Auflösung nicht wirklich aus der Vorgeschichte. Sie kommt abrupt und wird durch den Zufall eingeleitet, den Hanssen bisher nicht zu Hilfe nehmen musste. Zuletzt will er - vielleicht im Hinblick auf eine zukünftige Umsetzung als TV-Serie - sogar für Action-Spannung sorgen und inszeniert eine wilde Bootsverfolgungsjagd auf dem Oslofjord, die gewisse Spannungsroutinen bietet aber jeglichen Realitätsanspruch endgültig aufgibt.

Knochen und die Elli-Rathke-Serie dürften dennoch ihre Leser/innen finden. Geschmeidig liefert Eystein Hanssen, was ein Mainstream-Publikum derzeit von einem "guten" Kriminalroman erwartet. Das Ergebnis ist Dutzendware mit Goldrand, was weder ein Widerspruch noch als generelle Abwertung zu verstehen ist: Wer solches Lesefutter schätzt, wird und soll hier auf seine/ihre Kosten kommen!

Knochen

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Letzte Kommentare:
16.04.2017 23:28:28
Melanie Lac

Ich hab diesen Roman nun begonnen weil mir "Totenmaler" bereits sehr gut gefallen hat.
Leider sind schon Recht zu Beginn Details aufgefallen die sich hoffentlich im Laufe des Buches verfluchtigen.

Zum einen wäre die Tatsache dass die aktuelle Handlung zwei Jahre später nach "totenmaler" anschließt, ihr hund Zenith der Rhodesian Ridgeback jedoch in "Knochen" bereits acht Jahre alt ist, während er in totenmaler noch vier Jahre alt ist. Unlogisch.

Zweitens.
Die Abteilung von Elli.
In "Knochen" wird plötzlich der erfahrenste Ermittler Sigurdsson erwähnt.
Im ersten Buch war eine Person Sigurdssonn noch ein 'simpler' Streifenpolizist.
Sollte dies die selbe Person sein, wäre diese berufliche Besserung doch sehr weit her geholt.

Nichts desto trotz werde ich das Buch zu Ende lesen und gerne eine weitere Meinung wider spiegeln.