Die Toten von St. Pauli

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Ullstein, 2016, Seiten: 400, Originalsprache

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Andreas Kurth
Babyleichen und ein total überforderter Polizist

Buch-Rezension von Andreas Kurth Jun 2015

Sieglinde Meyerhoff hilft ihrer Freundin Friederike bei der Geburt ihres Kindes. Der unfachmännische Kaiserschnitt führt zum Tod der jungen Frau, das Kind wird entführt, Sieglinde entgeht durch den Einfluss ihrer Familie einem Todesurteil und wird in Magdeburg in eine Irrenanstalt gesteckt. Sie flieht und macht sich unter dem Namen Greta Wehmann auf den Weg in das Hamburg der 1920er Jahre. Dort will sie Riekes entführtes Kind suchen, einziger Hinweis ist ein Briefumschlag mit einer Adresse. In der Hafenstadt gibt es gerade eine Serie von Morden an Säuglingen und Kleinkindern. Greta wird verdächtigt, diese Morde begangen zu haben, und schon bald ist Kommissar Alfred Weber in den engen Gassen des Stadtteils St. Pauli auf ihrer Spur. Er findet viele Hinweise, glaubt aber immer weniger, dass die junge Frau tatsächlich die Täterin ist. Bis zur Lösung des Falls gibt muss Weber einige Rätsel knacken - und Greta gerät ebenfalls in Lebensgefahr.

Historischer Kriminalfall als Vorbild für den Roman

Robert Brack hat seinen zahlreichen Hamburg-Krimis ein weiteres schauriges Exemplar hinzu gefügt. In seinem neuen Werk hat es ihm der berüchtigte Stadtteil St. Pauli besonders angetan. Das als Amüsierviertel bekannte Areal bestand in den 1920er Jahren noch aus einem wahren Labyrinth verwinkelter und schmaler Gänge. Selbst für Polizisten, von den Hamburgern kurz "Udels" genannt, war es ziemlich schwierig, sich dort ohne Problem zu orientieren. Für flüchtige Verbrecher - oder eben für eine gesuchte Frau - die perfekte Gegend, um sich unsichtbar zu machen.

Der Autor stützt sich bei seiner Geschichte um seine Protagonistin Greta Wehmann offenbar auf Fakten aus einem tatsächlichen Kriminalfall. Eine Frau namens Elisabeth Wiese soll im Stadtteil St. Pauli zwischen 1902 und 1903 fünf Babys in ihrem Herd verbrannt haben 1905 gab es einen Prozess, der viel Aufsehen erregte, und Wiese wurde anschließend hingerichtet. Die Mordopfer waren allesamt uneheliche Kinder lediger Dienstmädchen, die sie in Pflegefamilien vermitteln wollte. Die Leichen der Babys wurden allerdings nie gefunden.

Autor präsentiert zwei wirklich ungewöhnliche Protagonisten

Robert Brack hat seine Geschichte ins Jahr 1920 verlegt, und lässt seine Protagonistin Greta Wehmann als Grenzgängerin zwischen St. Pauli und dem preußischen Altona ganz spezielle Erfahrungen machen. Prostituierte, Seeleute, Zuhälter und ganz gewöhnliches Volk bilden ein Gemisch, in dem sie kaum auffällt. Ihre psychischen Probleme mit ständigen Black-outs machen Greta zu einer ungewöhnlichen Figur, deren komplette Vorgeschichte dem Leser und dem ermittelnden Polizisten nur in kleinen Portionen enthüllt wird. Es geht bei ihr vor allem um psychische Befindlichkeiten, und als Leser leidet man zeitweise mit der jungen Frau mit.

Alfred Weber dürfte für die Polizisten seiner Zeit ein ziemlich ungewöhnliches Exemplar sein. Der überzeugte Sozialdemokrat ist ein eigenwilliger Ermittler mit entsprechenden Methoden. Bei seinen Vorgesetzten ist er nicht gerade beliebt, aber dennoch verbeißt er sich in die Suche nach Babymörder und junger Ausreißerin. Er nutzt sogar psychologische Methoden von Sigmund Freud bei einem Verhör - da hat sich der Autor wirklich etwas einfallen lassen.

Dramatische und ziemlich überraschendes Finale

Webers Kämpfe mit seinen sturen und von Obrigkeitsdenken geprägten Vorgesetzten, und auch Gretas außergewöhnliche Persönlichkeit machen die Lektüre kurzweilig und interessant. Der Spannungsbogen könnte zuweilen etwas straffer sein, aber das dramatische und überraschende Finale führt zu einigen Pluspunkten. Insgesamt hat Robert Brack einmal mehr einen unterhaltsamen und lesenswerten Kriminalroman vorgelegt. Für Liebhaber historischer Krimis ist das Buch sogar ein besonderer Leckerbissen, wer es mehr modern mag, könnte eher enttäuscht sein.

Die Toten von St. Pauli

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