Leaving Berlin

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • München: C. Bertelsmann, 2015, Seiten: 448, Übersetzt: Elfriede Peschel
  • New York: Atria, 2014, Titel: 'Leaving Berlin', Seiten: 371, Originalsprache

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Jörg Kijanski
Joseph Kanon ist ein Großmeister des Spionagethrillers

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Jun 2015

Berlin, Anfang 1949. Der berühmte jüdische Schriftsteller Alex Meier kehrt auf Einladung des Kulturbundes aus dem amerikanischen Exil nach Ostberlin zurück. Dort schmückt man sich mit deutschen Vorzeige-Intelektuellen, denen man großzügige Privilegien einräumt. Doch der wahre Grund für Meiers Rückkehr heißt Peter und ist dessen Sohn. Meier, ein Opfer des berüchtigten McCarthy-Regimes, wird des Landes verwiesen, bekommt aber vom CIA ein Angebot für seine Rückkehr. Er soll Kontakt zu seiner Jugendliebe Irene aufnehmen, um über sie an deren neuen Liebhaber Major Markowski heranzukommen. Es geht um den Uranabbau im Erzgebirge von Aue, wo deutsche Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter für die Russen arbeiten...

Vom begehrten Schriftsteller zum talentierten Doppelagenten.

Eigentlich sollte Meier beim Kulturbund nur erfassen, wer was politisch von sich gibt. Ein scheinbar harmloses Unterfangen, um den Sohn im fernen Amerika wiederzusehen. Doch sein Kontaktmann Willy eröffnet ihm beim ersten Treffen das eigentliche Ziel seiner Mission, was Meier zunächst wie ein Verrat vorkommt.

Kurz nach dem Gespräch wird Meier auf offener Straße attackiert. Willy greift zwar noch ein, doch wenige Augenblicke später sind drei Menschen tot, darunter Willy, sein einziger Kontakt zur Außenwelt. Als zudem wenig später Markowski dahinter kommt, dass sich Meier und Irene viel zu nahe kommen, gerät die Lage völlig außer Kontrolle, zumal auch noch Irenes Bruder Erich aus einem Lager im Erzgebirge fliehen konnte.

 

"Du wärst in Sicherheit."
"Wovor?"
"Vielleicht ist der Nächste, der dir Fragen stellt, nicht mehr dein Freund. Vielleicht ist es jemand, der echte Antworten hören möchte."
"Warum sollten sie...?"
"Leichen werden gefunden. Dinge geschehen. Du bist hier nicht sicher. Du musst hier raus, solange du noch kannst."

 

Joseph Kanon, der zuletzt mit Die Istanbul Passage einen grandiosen Agententhriller vorlegte, liefert mit Leaving Berlin einen weiteren Beweis für seine Ausnahmestellung im Genre. Er schreibt zunächst sehr beschaulich, erst ab der Hälfte des Romans zieht der Plot spürbar an.

Zunächst geht es um den Beginn der 1930er Jahre, in denen Meier engen Bezug zu Irenes Familie hat. Diese wird sehr ausführlich vorgestellt, was bei aller "Atmosphäre" auch einige Längen hat. Parallel spielt die Handlung in der Gegenwart (1949), wo die linken Intellektuellen des Landes wie Berthold Brecht und Anna Seghers darüber debattieren, wie schön es doch sei, endlich wieder in Deutschland leben und arbeiten zu dürfen.

Der Traum vom sozialistischen Deutschland oder Die Entstehung eines Polizeistaates

Nun entsteht endlich ein sozialistischer Staat nach russischem Vorbild. Auch wenn plötzlich einige seltsame Dinge geschehen, Weggefährten scheinbar grundlos verhaftet werden, so hat doch alles wohl seine Richtigkeit; schließlich sind ja nicht mehr die Faschisten an der Macht.

 

"Jetzt können sie machen, was sie wollen - die Fabrik wegnehmen, alles. Gut, das ist die Beute. Für die deutsche Partei ist das schwierig, die Leute denken, wir seien Lakaien ... Aber was können wir tun? Warten. Und eines Tages haben wir eine deutsche Regierung. Und wenn sie weggehen, dann hinterlassen sie wenigstens einen Arbeiterstaat. Eine deutsche Idee. Marx dachte dabei immer an Deutschland. Ich frage mich oft, wie es gewesen wäre, wenn sie hier umgesetzt worden wäre und nicht in Russland. Nun, wir werden sehen."

 

Wer an der Macht ist, zeigt die Nebenfigur Markus, der für den neuen K-5, einen Vorgänger der Stasi, arbeitet. Scheinbar unverfängliche Fragen dienen der totalen Überwachung. Teils subtil, ständig eine Bedrohung ohne diese auszusprechen, setzt er Meier unter Druck, der schon bald auch für Markus als Spitzel wirken soll.

Beeindruckende Dialoge und Wendungen sowie ernüchternde Einblicke in das (Ost-)Berlin der Nachkriegsjahre

Der Roman wird über weite Strecken von Dialogen getragen, die es in sich haben. Sprachlich ein Genuss stecken sie voller Andeutungen, Halbsätzen, Codes und unverhohlenen Drohungen.

Bei der Darstellung der allgemeinen Lage Berlins - die Luftbrücke der Amerikaner sichert das Überleben der Westberliner, die Mauer steht noch nicht, Grenzübertritte sind bedingt noch möglich - überzeugt Kanon ebenfalls. Lebensmittel sind knapp, die Kontrollen der Russen nehmen zu und die sozialistische Einheitspartei versteht es, ihre Stellung gegenüber Moskau langsam zu stärken - allerdings mit Methoden, die noch "gut" in Erinnerung sind.

Wie Meier in all dem Durcheinander eine Überlebensstrategie entwickelt, seine Widersacher mit zahlreichen Scharaden austrickst und letztendlich einige Agenten enttarnt ist einfach glänzend; ebenso das "große Finale". Der Einstieg mag etwas mühsam sein, aber ist dieser geschafft, findet man in Leaving Berlin einen anspruchsvollen, packenden und zugleich beklemmenden Spionagethriller der in den letzten Monaten seinesgleichen sucht. Obendrauf gibt es hervorragende Einblicke in die Anfangstage der DDR.

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