Die Gräber der Vergessenen

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • London: Penguin Books, 2014, Titel: 'Dead men's bones', Originalsprache
  • München: Goldmann, 2015, Seiten: 480, Übersetzt: Sigrun Zühlke

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Michael Drewniok
Schotten-Polizist folgt seiner Spur bis (fast) in die Hölle

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jun 2015

Ein neuer Fall führt Detective Inspector Tony McLean von der "Specialist Crime Devision" Edinburgh in die Schlucht von Roslin Glen. Dort hat man die nackte Leiche eines Mannes aus den winterkalten Fluten des Flusses North Esk gezogen. Der Unbekannte wurde offensichtlich gefangen gehalten und über viele Monate gefoltert, indem man seinen gesamten Körper mit Tätowierungen bedeckte. Nachdem ihm die Flucht gelang, ist der Mann in den Fluss gestürzt und dort ertrunken.

Zeitgleich kommt es anderenorts zu einer Tragödie, die das Interesse der Medien ungleich stärker erregt: Andrew Weatherley, prominenter Geschäftsmann und Mitglied des schottischen Parlaments, ermordet seine Frau und seine beiden Töchter, bevor er sich selbst eine Kugel in den Kopf schießt. Dem politischen Establishment ist dieser Amoklauf unangenehm; die Ermittlungen sollen rasch abgeschlossen und in den Akten vergraben werden.

Ausgerechnet Detective Superintendent Duguid, McLeans cholerischer Vorgesetzter, mag sich dieser inoffiziellen Anordnung von ganz oben nicht beugen. Er lässt seinem Beamten, den er als Idealisten und politisch interessenimmunen Ermittler kennt, viel Freiraum, bereut aber diese Entscheidung, als MacLean einer Menge einflussreicher Persönlichkeiten auf die Füße tritt. Schleunigst wird ihm der Fall entzogen. McLean soll sich nun um den ertrunkenen Mann kümmern, der als obdachloser Ex-Soldat identifiziert werden kann.

Damit gerät Duguid von Regen in die Traufe, denn McLean entdeckt Verbindungen zum Fall Weatherley. Er bohrt weiter und stört mächtige Leute auf, die um keinen Preis enthüllt sehen wollen, was sich als Kette beispiellos brutaler Morde erweist ...

Heimat kantiger Gesetzeshüter

Schottland mag über ein raues Klima verfügen, darf aber trotzdem als fruchtbar bezeichnet werden. Nicht nur Schafe, sondern auch Kriminalschriftsteller gedeihen gut hoch im Norden der britischen Hauptinsel. Inzwischen sind sie so zahlreich geworden, dass für ihr Werk ein eigener Sammelbegriff erfunden wurde: "Tartan Noir" lautet er, wobei "Tartan" jenes Muster bezeichnet, das als Zeichen der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Clan dem klassische Schottenrock eingewoben wird.

Das "Noir" steht für eine Grundhaltung. Der moderne schottische Kriminalroman ist in der Tat düster. Wenn man die Geschichte vereinfacht, kommt man zu dem Schluss, dass die Schotten dafür historische Gründe geltend machen könnten: Sie hatten es nie leicht - mit dem Wetter und mit den englischen Nachbarn, denen sie sich so widerwillig unterwarfen, dass viele Schotten sich noch heute gern wieder selbstständig machen möchten.

Entsprechende Spitzen finden sich reichlich in diesen Schottenmuster-Krimis. Doch die Düsternis greift weit über die Vergangenheit hinaus und spiegelt eine moderne, globalisierte Gegenwart wider, deren Gesellschaft zunehmend auseinanderdriftet. Das Verbrechen ist für "Tartan-Noir"-Autoren wie Ian Rankin, Stuart MacBride und nun James Oswald immer auch Symbol für politische und soziale Ungerechtigkeiten. Es läuft etwas schief in einem angeblichen Sozialverbund, in dem sich Taten häufen, die ungeachtet ihrer Brutalität zunehmend zum Alltag gehören.

Hüter des Käfigs

Tony McLean gleicht als Polizist einem Zoowärter, der mit einer Handschaufel einer ganzen Horde Elefanten folgt: Ihren Mist kann er beim besten Willen nicht beseitigen. McLean ist wie seine Kollegen Rebus (Rankin) und McRae (MacBride) ein Relikt aus besserer Zeit - ausgebildet zur Verbrecherjagd und aber unbeholfen, wo es heute eher darum geht, einerseits Karriere zu machen sowie andererseits den Medien zu gefallen, weshalb es von elementarer Bedeutung ist, Politiker-"Qualitäten" zu entwickeln.

Für McLean, den krimitypischen Einzelkämpfer, der hier nicht mitspielen mag, ist das Ende seiner Karriere-Fahnenstange längst erreicht. Statt seine Ermittlerfähigkeiten auszuschöpfen, schiebt ihn der eigene Vorgesetzte wahlweise dorthin ab, wo er den Organisationsmotor der "neuen" Polizei nicht stört, und wirft ihn im Bedarfsfall den Wölfen zum Fraß vor. "Die da oben" müssen sich weder verantworten noch schuldig fühlen, denn so läuft es jetzt - auch innerhalb des Geheimdienstes, der deshalb McLean heimlich mit Hintergrundinformationen versorgt, weil man sich selbst nicht an Verdächtige herantraut, die dank Geld und Einfluss zu groß für schnöde Gesetze oder Gerechtigkeit geworden sind.

Eine solche Weltsicht mag übertrieben misanthropisch, einseitig und zeitgemäß verdrossen wirken. Fähige Autoren beherrschen jedoch die Klaviatur entsprechender Handlungselemente, die ins eigentliche Krimi-Geschehen integriert werden, statt dieses - die deutsche Variante - wie ein anklagend erhobener Zeigefinger zu überragen. Unter der Kritik darf die Unterhaltung nicht leiden; das hat auch Oswald verinnerlicht. In diesem Rahmen ist auch (schwarzer) Humor der Sache zuträglich. Oswald geht in dieser Hinsicht nicht so weit wie MacBride, dessen Romane den Irrwitz eines außer Rand und Band geratenen Alltags förmlich zelebrieren. Nichtsdestotrotz orientiert sich James Oswald eindeutig an Stuart MacBride, den er unter diesem Namen und in Gestalt eines übereifrigen Detective Constables dem festen Figurenpersonal eingefügt hat. Folgerichtig umgeben auch McLean diverse "Typen", unter denen der durch nichts aus der Ruhe zu bringende Assistent "Grumpy Bob" Laird herausragt.

Eine (garantiert) unerwartete Wende

Die Gräber der Vergessenen garantiert spannende Lektüre, da Oswald die Kunst beherrscht, Andeutungen nach und nach zu einem Plot zu verdichten, der den Leser gleichermaßen fasziniert wie verwirrt. Irgendwann stellt sich die Frage immer eindringlicher: Wie will Oswald den zunehmend realitätskruderen Ereignisse eine Aufklärung geben, die den Vorgaben eines Krimis entspricht? Zwar hat sich die Strenge, mit der Ronald A. Knox 1929 seine "Zehn Regeln für einen fairen Kriminalroman" formulierte, im Laufe der Jahrzehnte gemildert. Dennoch blieb die Erinnerung an eine logisch nachvollziehbare Auflösung leserpräsent und bestimmend.

Oswald verblüfft durch eine entschlossene Abkehr. Ohne spannungstötend in Details zu gehen, soll und muss angemerkt werden, dass die Handlung sacht aber eindeutig in übernatürliche Gefilde abdriftet; die Leser der drei Vorgängerbände kennen das bereits. Oswald macht keinen Hehl aus der "Tatsache" höllischen Treibens. Das muss man akzeptieren; ansonsten sind für den Krimi-Puristen dieser Roman sowie die gesamte McLean-Reihe buchstäblich gestorben. Wer in dieser Hinsicht nicht so empfindlich bzw. empfänglich für Genre-Querschüsse ist, wird den Ausflug in den Horror keineswegs störend empfinden, sondern anerkennen, dass er die Story plausibel abschließt.

Eine lobende Anmerkung verdient zudem Oswalds Zurückhaltung, was die Produktion von Seifenschaum betrifft. Die Gräber der Vergessenen ist für aktuelle Verhältnisse beinahe ein Kurz-Krimi, umfasst aber objektiv beinahe 500 Seiten. Davon bleiben erfreulich wenige der obligatorischen Nabelschau einer Hauptfigur vorbehalten, die zwar durchaus mit einem komplizierten Privatleben geschlagen ist, ohne dieses zur krimiphoben Separathandlung zu erheben. Trotz diverser Hakenschläge steht das kriminelle und kriminalistische Treiben im Vordergrund: So soll es sein, so steigert es die Vorfreude auf weitere McLean-Romane!

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